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Vor dem Essen wird gebetet: Tobias Lenze ist der ruhende Pol in der Arche.

Griesheim

Noahs Hütte steht allen Jugendlichen offen

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In der Jugend-Arche finden Teenager aus dem Quartier seit kurzem eine Anlaufstelle. Wer will, bekommt Hausaufgabenhilfe und ein warmes Mittagessen.

Der frühere deutsche Nationalspieler Per Mertesacker ist eine Ikone. Lange hat er unaufgeregt Fußball gespielt, fast nie gefoult und doch oft gewonnen. In England haben ihn die Fans ehrfurchtsvoll „Big fucking German“ getauft, den verdammt großen Deutschen – angelehnt an das Kinderbuch „Big friendly Giant“, den freundlichen Riesen.

Tobias Lenze ist sein Doppelgänger. Nicht nur sieht der Leiter der Griesheimer Jugend-Arche dem Fußballstar ähnlich, was Größe und Gesichtszüge angeht. Wenn er mit den Jugendlichen am Kickertisch zockt, muss er in die Knie gehen. Der 37-jährige Pädagoge verrichtet seinen Dienst auch ebenso unaufgeregt wie der Fußballer, ruhig, sachlich und doch als Respektsperson. Die Jugendlichen wissen, wenn Lenze laut wird, ist die Lage ernst.

So einen Fels in der Brandung braucht es an der Kiefernstraße auch. „Wir arbeiten mit einer Altersgruppe, die herausfordernd ist“, sagt Daniel Schröder, Regionalleiter der Arche in Frankfurt. Zwölf bis 17 Jahre sind die Besucher der Jugend-Arche alt, Pubertierende also. Noch dazu haben die meisten bereits einen harten Schultag hinter sich. Entsprechend aufgedreht tauchen sie zur Mittagszeit an dem freundlich wirkenden Holzgebäude auf.

Zuerst kommen die Mädchen. „Ein Zufall“ sagt Tobias Lenze. Wenig später treffen  die Jungs ein. „Wir mussten noch Autos mit Schneebällen bewerfen“, sagt einer und grinst breit. Lenze lächelt schief. Er begrüßt alle Neuankömmlinge per Handschlag. Beziehungsweise, wie heutzutage üblich unter Halbwüchsigen, mit dem zärtlichen Faust-auf-Faust-Gruß.

Die Jugendlichen kommen gerne, das ist deutlich zu erkennen. Es gibt ein Café, ein kostenloses Mittagessen, das meistens „krass schmeckt“, wie der 13-jährige Bryan sagt. Was „gut“ bedeutet. Es gibt einen Arbeitsraum, „man kann gut Hausaufgaben machen“, wie die 14-jährige Nadja sagt. Im Souterrain ist ein Wohnzimmer zum Spielen (Playstation, Karten) und Herumlungern. Und: „Alle meine Freunde sind da“, sagt Nora (14).

Vor rund einem halben Jahr hat die Arche abgelegt. Im Schnitt tauchen 60 bis 80 Jungen und Mädchen über den Tag verteilt auf. „Mehr als wir gehofft hatten“, sagt Schröder. Die Einrichtung hat den Vorteil, dass sie viele der jungen Leute seit Jahren kennt. Die haben vorher die Kinder-Arche an der Berthold-Otto-Schule besucht, die Nachmittagsbetreuung für die Grundschulkinder bietet.

Über die Jahre hat sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt. „Die Jugendlichen suchen das Gespräch, auch wenn sie ernsthafte Probleme haben“, sagt Schröder. Was auch für die Arche-Mitarbeiter eine neue Herausforderung ist. Denn plötzlich sind die Kinder groß – und haben Probleme mit dem Gericht oder der Polizei. „Wenn sie bei uns sind, machen sie anderswo keinen Unsinn“, sagt es Arche-Mitarbeiter Hartmut Penski nüchtern.

Die Einrichtung will einen Rahmen bieten zum Wohlfühlen. Die Angebote laufen alle auf freiwilliger Basis, selbst die Hausaufgabenhilfe. Was manche Eltern verschreckt. Aber es hat keinen Sinn, diejenigen zu motivieren zu wollen, die partout keine Lust haben, findet Schröder. Dafür versuchen die Mitarbeiter, dort, wo es doch einen Funken Motivation gibt, zu unterstützen. Es gibt sogar ein Creditsystem. Wer hilft, etwa beim Abwasch, bekommt Bonuspunkte. Auch, wer einfach was Vernünftiges macht, wie Hausaufgaben. Für die Creditpoints gibt es Belohnungen, etwa Kakao, Schokoriegel. Zeit an der Playstation.

„Wir wollen Mutmacher sein, ermuntern, helfen, wenn sie wollen“, sagt Tobias Lenze. Potenzial ist vorhanden. Das hat sich bei der Namensfindung für die Einrichtung gezeigt. Weil sie der Kinder-Arche entwachsen sind, wollten die Besucher dem neuen Angebot – Jugend-Arche ist die Funktionsbezeichnung – einen neuen Namen geben. Immerhin ist es ja eine Arche 2.0, also das, was nach der Sintflut kam: Noahs Hütte.

Lenze nickt anerkennend mit dem Kopf. „Auch die Moslems kennen sich mit den Stories aus.“ Inzwischen ist Noahs Hütte voll. Bevor es ans Essen geht, ergreift sich Lenze noch einen Moment der Ruhe für ein kurzes Dankgebet. Lange haben die Mitarbeiter nachgedacht, ob sie es so handhaben sollen. Und dafür entschieden. Die Jugendlichen sollen kurz innehalten und so etwas wie Achtung für das kostenlose Essen zeigen. Die Arche ist eine christliche Einrichtung. Den muslimischen Besuchern sind Gebete nicht fremd, sagt Lenze. Es gibt Linsensuppe. „Schmeckt besser, als es aussieht“, sagt Bryan als er sich nachnimmt.

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