+
Die Helfer der Aids-Hilfe verkauften Solidaritätsbärchen in der Frankfurter Innenstadt, um lokale Projekte zu finanzieren.

Welt-Aids-Tag

Nicht auf Erreichtem ausruhen

  • schließen

Zum Welt-Aids-Tag warnen Helfer vor Sorglosigkeit und vermehrten Angriffen auf die Vielfalt. Man dürfe Populisten und Fanatikern nicht das Feld überlassen.

Der 1. Dezember ist nicht nur der erste Tag an dem man ein Kalendertürchen öffnen darf, sondern traditionell auch der Welt-Aids-Tag. Noch immer ist die Infektion mit Tabus und Stigmatisierungen verbunden. Und in jüngster Zeit ist auch die sexuelle Vielfalt wieder bedroht.

Erstmals wurden der Gottesdienst und die anschließende Podiumsdiskussion in der Katharinenkirche an der Hauptwache veranstaltet. In der sonst genutzten Paulskirche stehen Renovierungsarbeiten an, zudem hatte die Polizei Sicherheitsbedenken, sagte Christian Setzepfand vom Vorstand der Aids-Hilfe Frankfurt. Der Besucherzahl tat das keinen Abbruch – weit mehr als 100 Zuhörer waren in die Kirche gekommen.

Zunächst verkündete Setze-pfand Positives. Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts sei die Zahl der Neuinfektionen durch sexuelle Kontakte deutlich zurückgegangen. Auf der anderen Seite habe es einen Zuwachs bei intravenösen Infektionen gegeben. Warum die Neuinfektionen bei beispielsweise Drogenkonsumenten so zugenommen habe, konnte das Vorstandsmitglied nicht erklären.

Besorgt zeigte sich Setzepfand von den erneuten Zunahme von Vorurteilen. Nicht nur gegenüber HIV-Infizierten, sondern auch gegenüber Andersseiender, Andersdenkender und Andersaussehender. „Der Mensch wird dem Mensch wieder zum Feind“, sagte Setzepfand. Und die Vorurteile seien in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Haltung reiche als Widerstand nicht mehr aus. Man müsse aktiv werden gegenüber der Bedrohung der Freiheit von individueller Selbstverwirklichung.

Stadtrat Stefan Majer erinnerte daran, dass Aids eine medizinische, psycho-soziale und gesellschaftliche Herausforderung sei. Die positiven Meldungen mit niedrigeren Infektionszahlen dürften nicht dazu führen, dass die Prävention und das Bewusstsein über die Krankheit nachlasse. Spätestens ein Blick über die Grenze, etwa nach Ungarn, wo es wieder Stigmatisierungen gebe und auch nach Afrika, wo die Infektionszahlen weiter enorm hoch sind, müsse jedem deutlich machen, dass die Bemühungen nicht weniger werden dürfen. Der Stadtrat ging auch auf die Vielfalt ein und sagte, dass sie klar zu dieser Stadt gehöre. Diese zu bewahren sei nicht nur Aufgabe der Politik, sondern aller Institutionen und auf allen Ebenen.

Die Autorin und Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Carolin Emcke gab den Anwesenden zu bedenken, dass die gelebte Individualität des anderen auch immer die eigene Individualität schütze – ganz unabhängig von der Sexualität. Um die eigene Freiheit und die der anderen zu sichern, müsse man die Grenzen der Bequemlichkeit überschreiten. „Populisten und Fanatiker formieren sich aktuell“, sagte Emcke. Auch in Deutschland versuche die AfD wieder vorzuschreiben, was echte Weiblichkeit und echte Männlichkeit seien. Eine Alice Weidel an der Spitze könne die rückwärtsgewandte Programmatik nicht kaschieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare