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Rainer Claßen wird den ganzen Müll, der sich in nur drei Tagen an einer Litfaßsäule unter der Autobahn 5 angesammelt hat, nicht auf seinen Laster kriegen.

FES-Schnellreinigungsteam in Frankfurt

Der Müll muss weg

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Die Rücksichtslosigkeit einiger Mitbürger in Frankfurt kennt keine Grenzen. Unterwegs mit dem FES-Schnellreinigungsteam.

Die Stadt Frankfurt hat immer häufiger mit illegaler Abfallentsorgung zu kämpfen. Privatpersonen oder Kleinunternehmer schmeißen säckeweiße Müll auf die Straßen. Rainer Claßen hat tagtäglich mit der Entsorgung zu tun, er arbeitet in einem mobilen Schnellreinigungsteam des Entsorgers FES. Am Freitagmorgen steht er vor einem großen Haufen Bauschutt in der Eichenstraße in Frankfurt-Griesheim. „Die Stelle hier kann ich fast täglich anfahren“, sagt Claßen etwas desillusioniert. Oft sei es noch deutlich mehr Müll.

Die Eichenstraße ist einer von etwa 40 Hotspots der Stadt, an denen regelmäßig Abfall in großen Mengen illegal entsorgt wird. Nur ein paar Hundert Meter weiter verläuft die Mainzer Landstraße. Unter der Autobahnbrücke, direkt am Eingang einer Kleingartenanlage, stapeln sich dutzendweise Säcke mit Kompost, Essensresten und Sperrmüll. „Hier haben wir am Montag erst sauber gemacht“, schimpft Claßen. Ein weiterer ziemlich unappetitlicher Hotspot. Denn die Essensreste ziehen Ratten und Maden an. „Die Ratten sind richtig aggressiv“, sagt Claßen.

Die bekannten Müllabladeplätze fahren Claßen und seine Kollegen regelmäßig an, wann immer sie noch Platz auf der Ladefläche haben. Für alle anderen Entsorgungen braucht die FES einen Auftrag des Umweltamts. In der Abteilung Abfallwirtschaft und Straßenreinigung arbeitet Denise Ickes. Sie bekommt vom Ordnungsamt oder der Stabsstelle Sauberes Frankfurt regelmäßig die Meldungen über illegale Abfallentsorgung auf den Tisch. Da die Angaben über Ort und Art des Abfalls ursprünglich häufig von Bürgern kommen und unpräzise sind, fährt Ickes oft selbst raus, begutachtet die Abfälle und macht Bilder davon. „Dann kann ich besser beurteilen, ob die Kosten, die dafür in Rechnung gestellt werden, korrekt oder unlogisch sind.“

Apropos Kosten: Die trägt dann die Allgemeinheit, der Steuerzahler. In diesem Jahr wird besonders viel Geld für die fachgerechte Entsorgung von Altreifen draufgehen. Mit Altreifen muss sich Ickes seit Jahren rumschlagen, vor allem im Frühjahr und Herbst, wenn Sommer- oder Winterreifen aufgezogen werden. „Ich kann ihnen immer sagen, wann die Reifensaison losgeht“, erzählt Ickes und ergänzt: „So schlimm wie dieses Jahr habe ich es noch nicht erlebt.“

2015 musste die Stadt 795 illegal abgelegte Reifen entsorgen, in diesem Jahr sind es schon jetzt rund 3500. Die Entsorgung jedes Reifens kostet die Stadt zwei Euro. Ein Grund für den rapiden Anstieg dürfte eine Serie von gewerblicher illegaler Entsorgung im Frankfurter Norden sein. Die Polizei hat dort in den vergangenen Wochen mehrmals Altreifen in einer Menge von jeweils 100 bis 120 Stück gefunden.

Die illegale Entsorgung von Abfall wird rechtlich als Ordnungswidrigkeit eingestuft. Mit der Tätersuche befasst sich in diesen Fällen die Stadtpolizei des Ordnungsamts. „Das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Drecksarbeit“, sagt dessen Sprecher Michael Jenisch. Die Stadtpolizisten wühlen im Müll auf der Suche nach Hinweisen auf die Täter oder Adressen. Doch selbst dann wird der Nachweis schwierig. „Unsere Erfolgsquote ist jetzt nicht die höchste“, gesteht Jenisch.

Etwas anders sieht es bei gefährlichen Abfällen aus. Deren illegale Entsorgung gilt nach Paragraf 326 Strafgesetzbuch als Straftat und ruft die Polizei auf den Plan. Zuständig im Polizeipräsidium Frankfurt ist das Kommissariat 61, Wirtschaftsstraftaten. Innerhalb des K61 gibt es eine eigene Ermittlungsgruppe für Umweltvergehen. Ermittlungsgruppenleiter Ralf Geiß kann eine beachtliche Erfolgsquote vorweisen: Von 186 Fällen, die im vergangenen Jahr bearbeitet wurden, wurden 148 aufgeklärt. „Viele sind unvorsichtig“, sagt Geiß. Allerdings beinhaltet die Aufklärungsquote auch Delikte auf Baustellen, bei denen die Zuordnung zum Verursacher leichter ist.

Das K61 ermittelt auch wegen der Altreifen. Diese gelten zunächst mal nicht als gefährlicher Abfall. Wer einen Satz Altreifen illegal entsorgt, begeht noch keine Straftat. „In diesem Fall definiert sich die Gefährlichkeit über die Menge.“ Der Hauptkommissar geht von einem Serientäter aus, der regelmäßig Altreifen in großem Stil ablädt. „Die Tatbegehung weist darauf hin.“ Geiß hofft, den Täter bald zu schnappen, womöglich durch Hinweise aus der Bevölkerung. „Wir sind auf Zeugen angewiesen.“

FES-Mitarbeiter Claßen hat sich in der Eichenstraße nachts schon selbst auf die Lauer gelegt. „Leider habe ich noch keinen erwischt“, sagt er. Die Stabsstelle Sauberes Frankfurt wollte die Örtlichkeit im Gewerbegebiet, die nachts menschenleer ist, auch mit einer Kamera überwachen lassen, erhielt allerdings keine Genehmigung, da es sich um eine öffentliche Straße handelt.

In einem anderen Fall hatten die Ermittler mehr Glück. Ein Gastronom aus der Münchner Straße soll seine alten Kühlgeräte einfach im Bahnhofsviertel auf die Straße gestellt haben. Dafür forderte die Staatsanwaltschaft von ihm 100 Tagessätze à 20 Euro. Schlimmer noch als die 2000 Euro Strafe dürfte für den Gastronomen sein, dass er damit vorbestraft wäre. Da er die Geldstrafe nicht akzeptiert hat, wird der Fall im November vor dem Amtsgericht verhandelt.

Auch der Verschmutzer in der Eichenstraße würde angesichts des Haufens an Mischabfällen ordentlich zur Kasse gebeten. FES-Sprecher Stefan Röttele beklagt, die gewerbliche illegale Entsorgung habe zugenommen. „Kleine Handwerksbetriebe renovieren oder reparieren zu Billigkonditionen, und die Entsorgungskosten für den Bauschutt werden der Allgemeinheit aufgebürdet.“ Claßens Transporter ist mittlerweile voll. Er hat nicht mal alle Abfälle unter der Autobahnbrücke mitnehmen können.

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