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Rechtsradikale Tätowierungen auf weißer Haut - kein schönes, aber bekanntes Bild. Doch so ein Tatoo bei einem Äthiopier?

Aus dem Gericht

Motiv verzweifelt gesucht

Ein Mann steht vor Gericht, weil er im Bahnhofsviertel eine Schlägerei angezettelt hat. Wegen Tattoos an seinen Unterarmen. Die geben den Wahlspruch der SS wieder: "Meine Ehre heißt Treue". Wundert einen kaum - gewaltbereite, tätowierte Neonazis. Dumm nur: Der Mann ist Äthiopier.

Von Von Stefan Behr

Normalerweise ist es das Amtsgericht, das nach einem Motiv sucht. Bei Kibrom T. ist es anders. Hier ist der Angeklagte, der ein Motiv sucht.

Die Anklage lautet auf Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole und Körperverletzung. In der Nacht zum 15. September besuchte der 28 Jahre alte Kibrom T. mal wieder seine Lieblingskneipe „Bodos Bistro“ in der Weserstraße. Er tat dies im kurzen Hemde, weshalb man gut die Tätowierungen auf seinen Unterarmen sehen konnte. „Meine Ehre“ steht auf dem einen, „heißt Treue“ auf dem anderen. Das war, zusammengenommen, der Wahlspruch der Nazi-SS. Was umso seltsamer wirkt, als Kibrom T. sichtbar in Äthiopien geboren wurde.

Immerhin benahm er sich seiner Tätowierung entsprechend: Gegen 8 Uhr, der Morgen dräute, ging T. zum Tresen, wo seine Zechkumpane W. und S. rumhingen. W. schlug er grußlos mit der Faust die Nase blutig, kurz darauf fing auch S. ein solches Brett. Anschließend zündete Kibrom T. ein Bengalo an und marschierte flammend nach draußen. Großartig anders ging es auf dem Reichsparteitag auch nicht zu. Bei Kibrom T. kam dann allerdings die Polizei. Und sah die Tattoos.

Vor Gericht trägt er langärmlig

Der Prozess steht unter keinem guten Stern. Die Zeugen W. und S. sind nicht erschienen. Dafür Bodos Bedienung, die nach eigenem Bekunden „seit 24 Stunden nicht geschlafen“ hat und sich an nichts mehr erinnert. Nur noch ein bisschen an Kibrom T. : „War schon öfter im Bistro und immer lieb.“ Der Prozess wird daraufhin vertagt.

Denn zur Körperverletzung äußert Kibrom T. sich nicht. Keiner weiß, warum im Bistro die Fäuste flogen. Und eigentlich will’s auch gar keiner wissen. Die interessantere Frage ist ja, warum ausgerechnet Kibrom T. sich den Slogan der SS hat auf den Arm tätowieren lassen. Auch dazu sagt Kibrom T. nichts. Dafür aber sein Anwalt.

Die Sache sei nämlich die: Kibrom T., seit Jahren „arbeitssuchend“, landete beim Internetsurfen auf der Homepage eines Rockerclubs. Dort habe er den Spruch entdeckt. „Er fand es einen guten Spruch“, sagt der Anwalt. Und so landete der SS-Slogan nicht nur in Kibrom T.s Herz, sondern auch auf seinen Armen. Als ihn Kumpels darauf aufmerksam gemacht hätten, dass der Spruch in Deutschland ungute Erinnerungen wecke, habe sich sein Mandant gedacht: „Ich bin ja ein Schwarzer, das kann doch keiner ernst nehmen.“

Vielleicht die Fremdenlegion?

Mittlerweile habe er sich vom Gegenteil überzeugen lassen. Aber was hilft’s? „Den Spruch hat er immer noch auf den Armen“, sagt sein Anwalt, der seinen Mandanten zum Prozess fürsorglich in einen langärmeligen blauen Sweater gesteckt hat. T. würde den Spruch ja auch gerne loswerden, „aber er ist immer noch auf der Suche nach einem neuen Motiv – und er braucht das Geld“.

Da wird es dann aber auch schon wieder knifflig, denn bei beiden Problemen wird das Amtsgericht nur sehr schwer weiterhelfen können. Wenn in dem Prozess ein Urteil fällt, könnte es noch knapper werden mit dem Geld, und die müde Bedienung bei Bodo will ja auch noch Trinkgeld. Eine preisgünstige Alternative könnte das Motto der französischen Fremdenlegion sein: „Honneur et Fidélité“. Das heißt übersetzt „Ehre und Treue“, also müssten nur zwei Tattoo-Worte verschwinden und ein „und“ dazugestichelt werden. Freilich: Auch das will bezahlt werden.

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