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Thorsten Schmitt als Ludwig (links) mit Testa Steron als Werner Bodenstein beim Dreh in einer nachgestellten Schwulenbar.

Schwule in Frankfurt

Liebe unter Männern strengstens verboten

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Anfang der 1950er Jahre wurden Homosexuelle in Frankfurt auf brutale Art und Weise festgenommen und zwangsgeoutet. Um an die Opfer zu erinnern, hat Regisseur van-Tien Hoang einen Film gedreht.

Zunächst herrscht eine flirty, eine heitere Stimmung: Am Klavier im schnieken Zweiteiler spielt Strichjunge Otto Blankenstein ein verträumtes Stück. Es ist das Jahr 1950 in einer Frankfurter Schwulenbar. Neben ihm sitzt Lothar, ein heterosexueller Familienvater, arm, der sein Geld als Stricher verdient, um seine Verlobte und sein Kind durchzubringen. Otto verlässt die Bar mit seinem aktuellen Liebhaber, Lothar versucht sein Glück beim jungen Theodor. Ein Flirt beginnt. Doch plötzlich stürmen Polizisten in ihren grünen Uniformen und mit Schlagstöcken in der Hand in die Bar. Einige der Männer werden brutal niedergeknüppelt. Theodor und Lothar können gerade noch fliehen.

„Bitte diese Szene noch mal“, ruft Filmemacher van-Tien Hoang. Gedreht wird an diesem Tag im Frankfurter Kellertheater unweit des Mains. Die Hexenjagd auf Schwule im Nachkriegsdeutschland ist kein fiktiver Stoff. Innerhalb von zehn Monaten wurde gegen mehr als 200 Männer in Frankfurt ermittelt, rund 100 wurden verhaftet.

Damals war dies bundesweit in den Medien. „Heute aber hat kaum jemand von den Frankfurter Homosexuellenprozessen in den Jahren 1950/51 gehört. Bislang gab es auch erstaunlicherweise keinen Film, keine Dokumentation zu den Ereignissen“, sagt der 37-jährige Hoang. Nicht nur in Schwulenbars, sondern auch, um sie bloßzustellen, auf der Arbeit seien die Männer verhaftet worden. Einige verloren nicht nur ihr gesellschaftliches Ansehen und ihren Job – mindestens sechs nahmen sich aus Scham und Verzweiflung das Leben, erzählt Hoang. „Ich möchte diesen Männern endlich eine Stimme geben.“

„Das Ende des Schweigens“ heißt deshalb auch Hoangs Dokumentation, die eine Mischung aus Interviews mit Zeitzeugen und Historikern, aber eben auch nachgestellten Szenen mit Schauspielern ist. Im Spätsommer soll der Streifen in die Arthouse-Kinos kommen. Der Düsseldorfer Filmemacher ist zufällig auf diese Geschichte gestoßen. Vor drei Jahren entdeckte er einen Facebook-Post, der an den Selbstmord des Abiturienten Theodor Wilhelm Stenger im Jahr 1950 erinnert. „Der junge Mann wurde unfreiwillig geoutet und stürzte sich aus Verzweiflung vom Goetheturm. Sein Schicksal hat mich besonders berührt.“

van-Tien Hoang recherchierte weiter. „Als ich im Wiesbadener Staatsarchiv anrief, sagte der Mitarbeiter, er habe noch nie etwas von den Frankfurter Homosexuellenprozessen gehört und musste diese auch erst mal googeln.“ Die Grundlage für die damaligen Razzien und Festnahmen war der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches; einvernehmlicher Sex zwischen Männern in Deutschland war unter Strafe gestellt. Das Gesetz galt seit der Kaiserzeit. 1935 verschärften die Nationalsozialisten den Paragrafen, die Bundesrepublik übernahm diese Version.

Frankfurt war Schwulenhochburg 

Als der Paragraf im Jahr 1950 in Kraft trat, begann in Frankfurt eine beispiellose Verfolgung Homosexueller. „Die Stadt war in dieser Zeit die Schwulenhochburg Deutschlands“, sagt Hoang. Der Paragraf 175 wurde zwar später entschärft, aber erst im Jahr 1994 komplett abgeschafft.

Auch ein Opfer der 1950er-Jahre-Hetzjagd und Teil des Doku-Films ist der Frankfurter Wolfgang Lauinger, Jahrgang 1918, der vor kurzem starb. „Ich hatte noch das Glück ihn kennenzulernen, und er war noch sehr fit und erzählte mir seine Geschichte“, sagt Hoang. Während der NS-Zeit war Lauinger als homosexueller „Halbjude“ und zudem Anhänger der Frankfurter Swing-Szene von den Nazis verfolgt worden. 1950 wurde er festgenommen, weil der Strichjunge Otto Blankenstein ihn als schwul denunziert hatte.

„Die wichtigste Figur meines Films ist eben dieser Strichjunge“, betont Hoang. Otto Blankenstein hatte die Verhaftungswelle ausgelöst – er war Kronzeuge bei den Prozessen und verriet die Namen vieler seiner Kunden. „Man weiß aber nicht, ob er wirklich nur Klienten oder auch andere Männer einfach so genannt hat, um seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen.“

Blankenstein war war erst 17, alleine ohne Familienrückhalt. Ein Überlebenskünstler, der alles versucht habe, um nicht im Gefängnis zu landen, sagt Hoang. Aber weil er eine einzige Aussage verweigerte, musste er doch zweieinhalb Jahre hinter Gitter. Was danach mit ihm geschah, ist unklar. „Ob er eine andere Identität annahm oder ins Ausland ging, es gibt da keine Spuren.“

Hoang hatte seinen Film anfangs den großen Produktionsfirmen und TV-Anstalten angeboten, die wollten ihn aber nicht unterstützen. „Filme, die in der Welt der schwul-lesbischen Community spielen, sind hierzulande immer noch schwer zu verkaufen, weil sie zu fern vom Mainstream sind.“ Was Hoang aber besonders traf, war die Empfehlung einer Fernsehredakteurin, die ihm gesagt habe: „Ihr Herkunftsland ist doch Vietnam, nicht? Da gibt es doch so schöne Reisfelder, machen Sie doch lieber eine Dokumentation darüber.“ Tat er natürlich nicht. Stattdessen nahm er einen Privatkredit über 25 000 Euro auf. „Ich brauche bestimmt fünf bis zehn Jahre, um meine Schulden abzuarbeiten, aber das Projekt lag mir einfach am Herzen.“

Sein Geld verdient er als Sachbearbeiter in einer Reederei, etwas Fördergeld bekam er von der Deutschen Aidshilfe Hessen, der Homosexuellen-Selbsthilfe Berlin, dem Hamburg Pride und einem Privatinvestor aus Hamburg, der in den 1960ern als Schwuler verhaftet worden war. „Zu der Zeit war Hamburg die Schwulenhochburg.“

Hoang betont, er erzähle viele kleine Geschichten in seinem Doku-Film. So auch von dem schwulen, schon etwas älteren Frankfurter Schneider Ludwig, der denunziert wurde und sich mit Neongas umbrachte. Diese Szene wurde in einer Frankfurter Wohnung gedreht, auch im ehemaligen Gefängnis, dem jetzigen Kulturzentrum Klapperfeld, gab es Aufnahmen. „Für die Prozessszenen durften wir sogar ins Landgericht Frankfurt.“ Für Theodors Suizidszene mussten sie jedoch auf den Aussichtsturm Pferdskopf in Schmitten im Taunus ausweichen, weil der Goetheturm abgebrannt ist.

13 Darsteller spielen mit. Einige von ihnen schwul, andere heterosexuell, andere Transgender. „Das war mir egal, ich habe auf mein Bauchgefühl gehört, wer mich überzeugt“, sagt Hoang. Auch Travestiestar Ronny Rolls, der eigentlich Bernd Lottermann heißt, überzeugte ihn. Der 77-Jährige, der in Wiesbaden lebt, verkörpert die „Gräfin“; die Figur basiert auf einem KZ-Überlebenden, der 1950 wegen Verstoßes gegen den Paragrafen 175a verhaftet wurde.

Während manche der Schauspieler über Bühnenerfahrung verfügen, stehen andere ganz frisch vor dem Kamera. Wie Conrad Bach. Der 24-jährige Frankfurter Architekturstudent spielt den Abiturienten Theodor, der sich vom Goetheturm stürzt. Von seinem Patenonkel Christian Friedrich Riegel, der den Nervenarzt Rudolf Klimner spielt und auch Produktionsleiter ist, hatte er von dem Film und den Frankfurter Homosexuellenprozessen überhaupt erfahren. „Egal mit wem ich gesprochen habe, ob alt oder jung, niemand hatte von der Schwulenverfolgung in den 1950ern gehört. Das ist doch unglaublich.“ Und auch, wenn es seine erste Rolle ist, wirkt er am Set schon nach wenigen Tagen wie ein Profi, wenn er an der Bar als Theodor verschüchtert mit Lothar (Marco Linguri) flirtet oder verängstigt vor der Polizei flieht.

Yvo Heinen aus Bad Camberg, der den Strichjungen Otto Blankenstein spielt, ist 19, hat gerade sein Abitur gemacht. Auch er steht zum ersten Mal vor der Kamera, blickt aber schon auf achtjährige Theatererfahrung zurück. Über seine Rolle sagt er: „Otto kommt anfangs erwachsen-hochnäsig rüber, aber später, als er verhört wird, merkt man, dass er noch sehr jung und total überfordert ist.“

Ähnlich sah das Zeitzeuge Wolfgang Lauinger, der im Interview mit Hoang erzählt, dass damals in der Frankfurter Justiz immer noch „ein paar Nazis“ tätig gewesen seien. Auf Otto Blankenstein war er aber nicht wütend. „Hier hat man ein Kind missbraucht, nur um die Ideologien der alten Zeit weiter ausüben zu können.“

Acht Monate saß Lauinger in Untersuchungshaft und war aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen worden. Als im Sommer vorigen Jahres das Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung verurteilter Homosexueller in Kraft trat, stellte auch er einen Antrag. Viele Jahre hatte er für dieses Gesetz gekämpft und für sein Engagement auch das Bundesverdienstkreuz erhalten. „Traurig macht mich, dass sein Antrag auf Rehabilitation vom Bundesamt für Justiz abgelehnt wurde. Mit der Begründung, er sei ,nur in U-Haft‘ gewesen, aber nie strafrechtlich verurteilt worden“, sagt Hoang. „Dass er sehr gelitten hat, seine Wohnung und seinen Job verlor, zählt da wohl nicht.“ Mit 99 Jahren starb Lauinger im Dezember 2017.

Ohne Wiedergutmachung.

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