Die Response-Berater Roman Jeltsch und Olivia Sarma in ihrem Büro in der Eschersheimer Landstraße 249. 
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Die Response-Berater Roman Jeltsch und Olivia Sarma in ihrem Büro in der Eschersheimer Landstraße 249. 

Rassismus und rechte Gewalt

Hessen: Gewalt bei rechten Angriffen nimmt zu, immer mehr Opfer suchen Hilfe

  • Valerie Eiseler
    vonValerie Eiseler
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Das Team der Beratungsstelle „Response“ ist in der Hilfe für Betroffene rechter und rassistischer Angriffe stark eingespannt.

Das vergangene Jahr misst für die Beratungsstelle Response einen neuen Höhepunkt: 134 Beratungsfälle haben sie 2019 betreut, im Jahr davor waren es noch 102. Das Angebot aus dem Hause der Bildungsstätte Anne Frank ist die einzige Beratungsstelle für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Hessen.

Laut Roman Jeltsch, dem stellvertretenden Leiter der Beratungsstelle bedeuten diese Zahlen nicht unbedingt einen akuten Anstieg der Vorfälle. Vielmehr seien sie Anzeichen für eine hohe Nachfrage und den steigenden Bekanntheitsgrad von Response. Auch der Start der neuen Meldestelle „Hessen schaut hin“ Anfang dieses Jahres dürfte für das Team eine Erhöhung des Arbeitspensums bedeuten.

Insgesamt fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Teilzeit beraten derzeit Betroffene über Telefon, mobil vor Ort oder in ihrem Büro in Frankfurt. In Kassel muss das Team mit anderthalb Stellen auskommen. Ob sie mit dem aktuellen Personal weiterhin zurechtkommen, wird sich zeigen, meint Jeltsch. „Wir sind aber nicht mehr weit entfernt davon, auf dem Zahnfleisch zu gehen.“

Die hohe Belastung entsteht auch durch den Anspruch des Teams, ihr Angebot für Betroffene im ländlichen Raum zugänglich zu machen. „Gerade die mobile Beratung frisst Zeit“, merkt Nillufar Hossaini an, seit einem Jahr Beraterin bei Response.

Laut Hossaini hat zudem auch die Beratung selbst an Komplexität gewonnen. Die Fälle, mit denen sich das Team auseinandersetzt seien schwerer, oft auch gewaltsamer geworden.

„Es hat eine andere Qualität angenommen“, berichtet auch Response-Leiterin Olivia Sarma. Viele der Beratungen würden sich mittlerweile Wochen und Monate ziehen. Letztes Jahr habe das Team ein junges Paar beraten, die in ihrer Nachbarschaft aus rassistischen Motiven körperlich angegriffen wurden, erzählt Sarma. Die Situation der Betroffenen sei besonders gefährlich gewesen, da sie sich in ihrem eigenen Umfeld nicht mehr sicher fühlten. Aber auch der Umgang mit den Behörden sei problematisch gewesen.

Beratungen für Betroffene

Beratungenbei Response lassen sich telefonisch unter 069 / 560 002 41 vereinbaren oder per E-Mail an kontakt@response-hessen.de

Betroffenevon rassistischen und rechten Vorfällen können ihre Erfahrungen über das Formular auf hessenschauthin.de melden. Auf Wunsch ist die Meldung anonym. Auch Zeuginnen und Zeugen können dort ihre Beobachtungen melden. FR

Dabei gebe es immer ein Risiko der „sekundären Viktimisierung“, also einer Behandlung durch Polizei, Ämter oder Justiz, die durch die gleichen rassistische Systeme beeinflusst sein könnten, erklärt Roman Jeltsch. Häufig komme es dann auch zu einer Täter-Opfer-Umkehr, bei denen das Verhalten der Betroffenen kritisiert wird. Das Paar wurde zum Beispiel auch in Anwesenheit der Polizei von ihrem Angreifer rassistisch beleidigt. Dennoch wurde dem Angriff keine politische Motivation zugeordnet. Stattdessen sei der „Nachbarschaftsstreit“ eine Sache für die Privatklage.

Um bei diesen Situationen zu unterstützen und wenn möglich zusätzliche Hilfe einzuschalten sind die Berater und Beraterinnen von Response begleitend dabei. Arzttermine, die Suche nach rechtlichem Beistand, einer neuen Wohnung, Anträge für finanzielle Unterstützung stellen – all das kann schon unter normalen Umständen belastend sein. Aber nach einer Gewalterfahrung, möglichem Trauma und in vielen Fällen einer Sprachbarriere sind Betroffene häufig auf eine nachhaltige Hilfe durch Response angewiesen. Eine Beratung kann sich daher bisweilen lange hinziehen. „Nur ein oder zwei Telefonate sind es in den seltensten Fällen“, sagt Sarma.

Die komplexen Fälle fordern den Beraterinnen und Beratern auch viele unterschiedliche Kompetenzen ab. Kaum habe man die Themengebiete abgesteckt, komme etwas Neues hinzu, berichtet Jeltsch, selbst Diplompädagoge. Umso wichtiger ist es laut Sarma, sich als Beratungsstelle möglichst interdisziplinär aufzustellen.

Schon vor ihrer Stelle bei Response arbeitete Sarma in der Bildungsarbeit gegen Rassismus und Antisemitismus. Nach ihren Beobachtungen hat das Berufsfeld trotz seines kurzen Bestehens schon eine enorme Professionalisierung erlebt. Dazu gehören regelmäßige Recherchen und Weiterbildungen über das Netzwerk des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt.

Doch trotz Kursen und Fortbildungen bleiben die Erfahrungen der Betroffenen auch für die Beraterinnen und Berater belastend. Für einige von ihnen kocht ab und zu die Erinnerung an eigene Gewalterfahrungen hoch. „Manche Fälle nehmen einen mit in die eigene Biografie“, erzählt Nillufar Hossaini, „das muss man dann steuern können.“ Die gelernte Volkswirtin ist über ihre Arbeit in den Themenfeldern Flucht und Migration in die Beratung gekommen. Dabei habe sie vor allem mit Frauen aus Afghanistan gearbeitet und auch ihre eigenen Erfahrungen nutzen können.

Manchmal sei das mit der Steuerung allerdings nicht so einfach, so Hossaini. Vor allem wenn man aus der eigenen Empörung nicht herauskomme. Für 2020 laute ihr Vorsatz, sich von der Empörung nicht mehr übermannen zu lassen. „Ich will meine Betroffenheit in Handlungsfähigkeit umwandeln“ sagt sie entschlossen.

Auch die Arbeit im Team, sei ein wichtiger Faktor, um bei aller Beratung die Selbstfürsorge nicht zu vergessen, betont Olivia Sarma. „Ab und zu sind das auch kleine Entspannungsrituale, wie eine warme Miso-Suppe,“ sagt sie lachend. „Wir müssen uns auch fragen, was wir brauchen und was unsere Strategien sind“, ergänzt ihr Kollege Roman Jeltsch. Er selbst komme mit der Belastung durch die Arbeit klar, solange er Rückmeldung bekomme, „dass sich irgendwas bewegt“. Aber auch die personelle Aufstellung des Teams spiele dabei eine Rolle. „Wenn wir schlechter aufgestellt sind, dann kippt das für mich.“

Von Valérie Eiseler

Eine 20-jährige Frau wird auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt Groß-Gerau  rassistisch beleidigt und gedemütigt. Alle schauen weg. Und die Polizei bedauert ein „kommunikatives Missverständnis“.

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