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Kein Blick fürs Gericht und die Kameras: Michael W., der Emeka Okoronkwo totgeschlagen hat.

Fall Okoronkwo

Gericht entscheidet auf Totschlag

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Im Mai 2010 starb im Frankfurter Bahnhofsviertel Emeka Okoronkwo, weil er zwei Frauen gegen zwei Angreifer verteidigt hatte. Doch das Bild vom Held mit Zivilcourage bekam Risse. Mit dem Gerichtsurteil vom Montag - neuneinhalb Jahre für Totschlag - ist er rehabilitiert.

Held oder nicht Held? Das war die Frage, die bei dem Prozess um den Tod von Emeka Okoronkwo im Vordergrund stand. Jetzt ist das Urteil da, und die Frage scheint beantwortet: Held. Michael W., der Okoronkwo am 2. Mai 2010 vor einer Disco im Bahnhofsviertel erstochen hat, wurde am Montag vom Landgericht Frankfurt wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt.

Michael W. und sein Begleiter waren nach einer wilden Nacht in der Münchener Straße mit zwei Frauen aneinandergeraten, die sie zuvor ebenso blöde wie erfolglos angemacht hatten. Es folgten obszöne Pöbeleien, W’s Begleiter spuckte schließlich einer der Frauen ins Gesicht. Okoronkwo schritt ein – und bezahlte die Zivilcourage mit seinem Leben. So zumindest die einhellige Meinung kurz nach der Tat. Okoronkwo wurde damals gern mit Dominik Brunner verglichen, jenem Mann, der ebenfalls seinen Mut zum Einschreiten mit dem Leben bezahlt hatte.

Doch dieses voreilig errichtete Denkmal bekam im Prozess leichte Risse. Sicher: Emeka Okoronkwo scheint ein netter Kerl gewesen zu sein – zumindest ist das die einhellige Meinung seiner zahlreichen Freunde. Der gebürtige Nigerianer war bestens integriert, ein lebenslustiger, engagierter junger Mann.

Schlichter – und Kampfsportler

An besagtem Abend jedoch war Okoronkwo aus einer Disco rausgeschmissen worden. Er soll im Streit eine Frau geschlagen haben – eine Behauptung, die im Laufe des Prozesses nicht bestätigt werden konnte. Einen der Türsteher, die ihn hinauswarfen, hat er die Treppe runtergetreten. Zudem war Okoronkwo schon mehrfach mit seiner Mutter handfest aneinandergeraten, ein paar Mal musste deswegen sogar die Polizei bei ihm zu Hause anrücken. Und der Streit mit den Frauen, auch das zeigte sich während des Prozesses, war eigentlich längst vorbei, als es zu dem tödlichen Stich kam.

Okoronkwo hatte zudem zuvor ordentlich ausgeteilt und Michael W., dem er haushoch überlegen war, das Jochbein gebrochen. Der 21-Jährige hatte zuvor nicht bloß an Streitschlichter-Seminaren teilgenommen. Er war zudem ein versierter Kampfsportler.

Im Vergleich zum 35-jährigen Michael W., der sich in seiner Verteidigung aus Notwehr berief, war Okoronkwo aber eher die Unschuld vom Lande. W’s Leben ist geprägt durch eine Kindheit, die man nicht einmal als miserabel bezeichnen kann, und die Anwendung von Gewalt, vor der er auch bei seinen eigenen Kindern nicht zurückschreckt. In der Nacht vor der Tat hatte er mit Sicherheit Kokain intus, wahrscheinlich auch Marihuana, aber vor allem jede Menge Alkohol. Auch er hatte zuvor in einer Disco, die er besucht hatte, randaliert.

Okoronkwo freilich hatte sich mit den Türstehern, mit denen er aneinandergeraten war, nach einem klärenden Gespräch wieder vertragen. Die Frauen, die er später verteidigte, hatten ihn zuvor aus freien Stücken angesprochen, weil er ihnen sympathisch war – im Gegensatz zu Michael W. und seinem Begleiter. Und Okoronkwos Mutter berichtete unter Tränen von einer Sohn-Mutter-Beziehung, die nicht immer einfach, aber mit Sicherheit von viel Liebe geprägt war.

„Schützend davor gestellt“

Notwehr konnte das Gericht bei Michael W. nicht erkennen. Er habe zugestochen, weil er „die Partie nicht verloren geben“ wollte, weil er darin die einzige Chance sah, dem übermächtigen Kontrahenten beizukommen.

Der wichtigste Satz der Urteilsbegründung ist wohl der, der den Beginn von Okoronkwos Streit mit den beiden Männern beschreibt: „Emeka Okoronkwo hat sich schützend vor die beiden Frauen gestellt.“

Auch wenn die folgende Eskalation vielleicht vermeidbar gewesen wäre: Helden tun sowas. Und insofern kann man das Verhalten des jungen Mannes heldenhaft nennen. Wenn auch nicht ganz ohne Fehl und Tadel.

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