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Adornos Begräbnis am 13. August 1969.

1969 in Frankfurt

Der Funke zündet

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Im Jahr 1969 in Frankfurt breitete sich die Umwälzung in viele Bereiche der Gesellschaft aus.

Etwas hat sich verändert. 1969 in Frankfurt, das Jahr nach der großen Revolte, beginnt an der Goethe-Universität zunächst wie immer. Am 31. Januar besetzen Studentinnen und Studenten das Institut für Sozialforschung an der Senckenberganlage. Sie verlangen andere Lehrinhalte und andere Formen des Unterrichts – wie schon 1968. Doch diesmal zögert Theodor W. Adorno, der weltbekannte Philosoph und Instituts-Direktor, nicht lange. Er erstattet Anzeige wegen Hausfriedensbruchs und ruft die Polizei, fordert sie zur Räumung auf.

Noch am gleichen Tag kommen die Polizisten, nehmen 76 Besetzer fest, darunter auch Hans-Jürgen Krahl, den intellektuellen Kopf der Frankfurter Bewegung. Gleich zu Beginn des Jahres macht der Staat deutlich: Er will mit Härte gegen die Proteste vorgehen, keine „rechtsfreien Räume“ mehr dulden. 1969 wird das Jahr in Frankfurt, in dem einerseits die Revolte an der Universität an Kraft verliert. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) mit seinen Vorsitzenden Frank und K.D. Wolff, der den Umsturz des kapitalistischen Systems will, genießt immer weniger Rückhalt. Es deutet sich schon an, dass die Bewegung bald in einzelne, rivalisierende Gruppen zerfallen wird.

Andererseits aber breitet sich der Impuls der Veränderung in der Gesellschaft immer mehr aus. Die jungen Menschen in der Stadt leben zunehmend in Wohngemeinschaften zusammen. Die Revolte springt auf die Schulen, insbesondere auf die Gymnasien, über. Als Alternative zu den klassischen Kindergärten gründen sich selbstverwaltete Kinderläden. Sie proben eine nicht-autoritäre, anti-repressive Erziehung.

Am 1. Februar demonstrieren etwa 1000 Menschen für die Freilassung Krahls, am Abend stürmen 100 Aktivisten das Café Kranzler an der Hauptwache. Am 6. Februar lässt die Polizei Krahl frei, damit die Demonstrationen nicht weiter eskalieren.

Am 10. Februar gibt es schlechte Nachrichten für den SDS. Die Ergebnisse der Wahlen zum Studentenparlament zeigen, dass er deutlich an Rückhalt verloren hat. Nur noch 20 Prozent haben SDS gewählt, 41 Prozent aber unterstützen das Aktionskomitee Demokratische Studenten (ADS). Es tritt für Reformen des Universitätsbetriebes ein, aber nicht mehr für den Umsturz.

Die Schwerpunkte der Aktionen bewegen sich von der Universität weg. Am 14. Februar gibt es eine erste Eltern-Demonstration für antiautoritäre Erziehung – 70 Personen nehmen teil. Am 25. Februar bricht am Gagern-Gymnasium ein Aufstand los: Zwei Schüler sollen wegen eines Spott-Flugblatts gegen die Lehrer von der Schule verwiesen werden.

Der Widerstand an der Schule dauert solange, bis die Relegation zurückgenommen wird. Es ist nur ein Beispiel für die Erfolge der sich ausbreitenden Schülerbewegung. Sie richtet sich gegen Lehrer, die häufig noch aus der Nazizeit stammen und fordert, ähnlich wie an der Universität, andere Lehrinhalte. Überall werden Schülerzeitungen gegründet.

Als am 30. März 1969 der Ostermarsch der Friedensbewegung in Frankfurt seinen Höhepunkt erreicht, versucht der SDS, von dieser großen Demonstration zu profitieren. Militante SDS-Aktivisten werfen Steine und beschädigen Autos – doch die Friedensbewegung distanziert sich.

Andere Felder der Politik werden wichtig. Am 17. April 1969 gründet sich eine erste Bürgerinitiative in Frankfurt : Die Aktionsgemeinschaft Westend (AGW). Sie bekämpft die zunehmende Zersiedelung des alten Wohnviertels Westend durch immer neue Bürobauten. Heute ist die AGW die älteste Bürgerinitiative Frankfurts – am 9. Mai wird sie im Rothschildschen Pferdestall im Westend ihr 50-jähriges Bestehen groß feiern.

Anfang des Jahres ist im Frankfurter Suhrkamp Verlag die Nummer 17 der Zeitschrift „Kursbuch“ erschienen – diese Ausgabe widmet sich ausschließlich der Frauenbewegung. Die Philosophin Karin Schrader-Klebert formuliert in diesem Heft eine entschiedene Absage an die bürgerliche Ehe. Sie schreibt: „Die Institution der Ehe schließt aus: die Selbstbestimmung des Menschen, die Selbstverfügung der Frau über ihren eigenen Körper, die freie Weiterentwicklung zu anderen, angemessenen Formen der sozialen Beziehung.“

Der „Weiberrat“ an der Frankfurter Universität spricht sich anstelle der Ehe für die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen aus: Sie sollen über sich und ihren Körper frei entscheiden. Aktivistinnen beklagen den „sozialistischen Bumszwang“, der innerhalb der Studentenbewegung herrsche.

Am 22. April 1969 dringen mehrere Studentinnen in eine Vorlesung von Theodor W. Adorno ein. Sie verteilen Flugblätter mit der Schlagzeile „Adorno als Institution ist tot“. Sie umtanzen den Professor und entblößen schließlich ihre Brüste. Diese Aktion der Frauenbewegung geht als „Busenattentat“ in die Geschichte ein.

Am 6. August 1969, als die Universität wegen der Semesterferien verlassen daliegt, trifft eine Nachricht in Frankfurt ein, die viele aufwühlt: Adorno ist überraschend an seinem Urlaubsort in der Schweiz gestorben. Die offizielle Todesursache ist Herzschlag. Der Philosoph ist gerade einmal 65 Jahre alt geworden.

Bis heute wird darüber spekuliert, ob die Proteste an der Universität Adorno verstört haben, dass seine Gesundheit ernsthaft gefährdet wurde.

Am 13. August 1969 wird Adorno auf dem Frankfurter Hauptfriedhof zu Grabe getragen. Viele 68er empfinden diesen Tag als eine Zäsur, Tausende von Menschen, darunter etliche Studierende, versammeln sich. Studentinnen weinen. Hans-Jürgen Krahl droht jedem Prügel an, der die Beerdigung durch eine Aktion stört. Der SDS legt einen Kranz am Grab des Philosophen nieder.

Doch die Auswirkungen der Revolte sind nicht aufzuhalten. Ende 1969 entsteht in Frankfurt die „Betriebsprojektgruppe“ (BPG). Sie versucht, den revolutionären Funken in die Betriebe zu tragen. Mitglieder sind der Studentenführer Daniel-Cohn-Bendit, der spätere Kabarettist Matthias Beltz oder der spätere Direktor des Hessischen Literaturforums, Harry Oberländer. Auch ein gewisser Joseph Fischer aus Baden-Württemberg, seit 1968 in Frankfurt, tritt ein. Bald darauf benennt die BPG sich in „Revolutionärer Kampf“ um. Doch das ist eine andere Geschichte.

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