+
Kommt ein Ton raus? Vor dem Kauf muss die Trompete natürlich ausprobiert werden.

Flohmarkt in Frankfurt

Der Flohmarkt - ein Paralleluniversum

Der Flohmarkt an der Jahrhunderthalle in Frankfurt: Beobachtungen in einem Paralleluniversum.

Der frühe Morgen ist noch dunkel und kalt, und es ist noch dunkel, als Peter Schöne seinen Wohnort Zwingenberg verlässt und auf die Autobahn Darmstadt–Frankfurt einbiegt.

4.15 Uhr. Pünktlich ist er an seinem Ziel angekommen und beginnt mit dem Aufbau. Peter Schöne verkauft schöne Dinge. Raritäten und Schätze. Er ist einer von zahllosen Händlern, die donnerstags und samstags auf dem internationalen, „multikulti“ Floh-, Trödel- und Antikmarkt rund um die Frankfurter Jahrhunderthalle ein buntes Sammelsurium an Waren anbieten.

6 Uhr. Langsam erwacht die Welt an der Pfaffenwiese in Unterliederbach, einem weitläufigen Terrain hinter Silobad und Ballsporthalle, eingerahmt von der marokkanischen Hassan-Moschee und dem indischem Gurdwara-Sikh-Tempel. Die Parkplätze füllen sich mit Fahrzeugen aus Kassel, Fulda, Wetzlar, aus Offenbach, Baden-Baden oder Köln. Sogar aus dem Ausland sind sie angereist, aus dem Elsass, aus Österreich und der Schweiz. 

8 Uhr. Es riecht nach Kaffee. Die ersten Besucher und die Händler wärmen sich ihre Hände an den heißen Bechern. „Karl, du bist ja auch heute mal wieder hier, hast du was zu verkloppen?“, ruft einer: „Und denkst du noch an den silbernen Leuchter?“ Lautstark feilscht ein Mann mit einem Verkäufer um einen Teppich. Vergeblich zerrt seine kleine Tochter an ihm und will weiter, immer wieder tänzelt der Schnurrbärtige um das Objekt seiner Begierde herum, befühlt die Oberfläche, begutachtet die Struktur, zählt sein Geld – und wird sich schließlich mit dem Händler doch noch einig. Per Handschlag besiegeln sie den Kauf, und der neue Eigentümer hievt das gute Stück auf die Schulter.

9 Uhr. Ein paar Regentropfen fallen. Frau B. am zweiten Stand in der dritten Reihe bringt ihre empfindlichen Puppen mit den weißgestärkten Spitzenkleidern in Sicherheit. Im Dunstkreis der Bratwurstgrills bewegen sich jetzt immer mehr Menschen. Vor ihren Augen, auf dem Boden ausgebreitet: das Leben der Anderen. Schätze vom Dachboden, Funde aus Haushaltsauflösungen, aus dem Sperrmüll gefischte Erinnerungen, die einst in fremden Stuben an der Wand hingen. Kunst, Krempel, Kitsch und Kostbares – 1001 Dinge, die das Flair von Flohmärkten ausmachen. Fast alle finden hier ihr kleines Stück Glück: die grauhaarigen Pensionäre, die sich mit Lupen Münzen und Briefmarken nähern, der türkische Rentner im schwarzen Sonntagsstaat, ein Dauergast, der heute ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau sucht, Hartz-IV-Empfänger und polnische Saisonarbeiter, die nach eingefahrener Erdbeer- und Spargelernte heimfahren und nach billigen Koffern Ausschau halten.

Vor einem Lieferwagen mit der Aufschrift „Echtes Holzofenbrot aus dem Vogelsberg“ wird die Schlange immer länger. Auch Frau Ahmed hat sich eingereiht. Sie kommt jeden Samstag aus Niedernhausen mit S-Bahn und Bus hierher. Ungeduldig schaut sie auf die Uhr, denn sie wird erwartet. Sie hilft am Stand ihrer Schwester aus, die dort ihre handgemachten Seifen aus Milch und Honig anbietet.

10 Uhr. Auf dem Basar wird es immer voller, ein Gewühl und Gedränge wie auf einem kunterbunten Wimmelbild in einem Kinderbuch. Die Sonne strahlt jetzt vom wolkenlosen Himmel. Frau Karadimas wischt sich den Schweiß von der Stirn. Die Griechin, die in Griesheim als Altenpflegerin arbeitet, fährt regelmäßig auf den Flohmarkt an der Jahrhunderthalle, wo sie heute für ihren Enkel ein T-Shirt für drei Euro erstanden hat. „Sehen Sie nur, da ist sogar das EintrachtLogo drauf.“ Erschöpft und erleichtert lässt sie sich mit einem Seufzer auf einen der Plastikstühle unter den schattigen Bäumen am Kiosk fallen. „Der Einkauf strengt mich jedes Mal an“, erklärt sie, denn sie suche nicht nur nach Schnäppchen, sondern kaufe auch Käse am Odenwälder Bauernstand, Äpfel und Eier vom Biohof in Kriftel, selbst gemachte Kirschkonfitüre aus Kronberg und Wurst bei dem Metzger mit den schlesischen Spezialitäten. Und manchmal leistet sie sich einen Strauß gelber Rosen vom Blumenladen, denn es gibt nichts, was es auf dem Markt der Möglichkeiten nicht gäbe.

Ein Mann mit weißem Bart, in einem langen schwarzen Mantel, schlurft in Sandalen vorbei. „Ein ganz sonderbarer Zeitgenosse“, erzählt einer der Händler, „ein verrückter Kerl. Der sammelt Füße und Beine und alles, was damit zusammenhängt. Abbildungen auf Fotos, Postkarten und Prospekten, auf Zeichnungen und Gemälden, aber er hortet auch Schuhe und antike Schustermodelle.“ Heute hat der Mann mit der seltsamen Obsession wohl eine sensationelle Entdeckung gemacht. Lässig trägt er das einzelne Bein einer uralten Schaufensterpuppe unter dem Arm. Ein roter Schuh ragt heraus. 

11 Uhr. In einer der vielen Reihen haben sich die Bouquinisten eingenistet. Ein Dorado für Bücherwürmer und Leseratten, die in antiquarischen Bänden blättern und Grafiken prüfend betrachten. Ein Paar zieht verzückt das Buch „Frankfurt und die Goldenen zwanziger Jahre“ von Richard Kirn und Madlen Lorei aus einer staubigen Kiste. „Danach haben wir schon lange gesucht. Was soll das kosten?“ Man einigt sich auf 30 Euro. „Das ist es uns wert“, rufen die beiden noch, ehe sie in der Menge verschwinden. Ein altes Poesiealbum liegt unbeachtet am Rande. Einige der Seiten sind verwischt, wie von Tränen. Eine Martha hat im Jahr 1918 ihrer Mitschülerin Elsi den Spruch gewidmet: „Sei Deinen Eltern Freude, Beglücke sie durch Fleiß, So erntest Du im Alter dafür den schönsten Preis.“ 

12 Uhr. Herr Schöne bewacht weiter seine schönen Dinge. Besonders die prächtigen Messgewänder und andere sakrale Gegenstände aus verwaisten Klöstern und Kirchen, die mit seinen Kamasutra-Figürchen konkurrieren. Herr Schöne ist ein feinsinniger Mann mit Charme und einer leichten Ironie. Stets amüsiert er sich aufs Neue, wenn elegante Damen seine kostbare Erotica-Sammlung aus China in Augenschein nehmen und die kleinen aus Bein geschnitzten Kunstwerke in dem verschlossenen Glasschrank minutenlang anstarren, um dann mit diskreter Stimme eindeutige Fragen zu stellen. 

Gegenüber sind Wasserpfeifen aufgereiht und Militaria aus dem Zweiten Weltkrieg ausgerichtet: ein verbeulter Stahlhelm,  eine Koppel mit einem halben Hakenkreuz, der andere Teil ist überklebt. „Das ist Vorschrift“, sagt der Verkäufer, „Nazisymbole sind verboten.“ Ab und zu kommt   die Polizei vorbei und fahndet nicht nur nach Taschendieben oder beendet eine Schlägerei, sondern beschlagnahmt Hitlerbüsten und SS-Devotionalien. 

In einer Ecke liegen Alben aus dem Ersten Weltkrieg. Auf dem Foto eines unbekannten Georg steht: „Mein bester Freund starb am 16. April 1917 auf Vorposten infolge eines Granatsplitters in den Rücken den Heldentod fürs Vaterland.“ Und auf einer weiteren Karte: „Lieber Bruder, ich sende Dir Grüße aus Verdun.“

Daneben die Streublümchentasse für Omas Kaffeeservice, die lange gesuchte Lampe aus den Siebzigern. Impressionen aus der Gegenwart, Geschichten, die nie geschrieben werden. Ein amputierter Teddybär, Schlagerschallplatten, die pfundweise verkauft werden. Der alte Bismarck im Prunkrahmen mit dem markanten Spruch: „Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt.“ 

13 Uhr. Einzelne Stände werden langsam abgebaut, die Flohmarktsachen in die Autos verstaut. „Jedes Stück nur 50 Cent“ schreit einer in kurzen Hosen und im weißen Unterhemd, seine Arme und Beine zieren tätowierte Drachen und ein Krokodil, das sein Maul aufsperrt.

13.30 Uhr. Es war ein schöner Ausflug in den kuriosen Kosmos der Trödler und Schatzsucher. Sonnenstrahlen fallen schräg durch alte Kastanienbäume. Vögel zwitschern, die Parkplätze leeren sich. Für die meisten Händler haben sich die Standpreise von 13 Euro pro Meter für Trödel und 15 Euro für Neuware rentiert. Sie werden wiederkommen, obwohl es auch in Wiesbaden und Kalbach, in Eschborn und am Eisernen Steg in Frankfurt, in Hanau, Gelnhausen und Offenbach Flohmärkte gibt, die zu besuchen sich lohnen würde. 

14 Uhr. Die Pfaffenwiese ist leer geräumt. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare