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Neubauer führt ihre Schützlinge über die Straße.

FR auf Tour

Durchatmen auf dem Schlachtfeld

Am Frohngrundweg zwischen Bergen-Enkheim und Bad Vilbel scheint die Welt noch in Ordnung – aber die Idylle trügt.

Von Jonas Göcke

Hier auf der weiten Ebene zwischen Bad Vilbel und Bergen-Enkheim kämpften vor mehr als 255 Jahren in der Schlacht von Bergen etwa 50 000 Soldaten. Bei dem Gefecht am „Blutigen Karfreitag“ am 13. April 1759 versuchten die Preußen, die auf der Anhöhe stationierten französischen Truppen zu schlagen – ohne Erfolg. Der Kampf im Rahmen des Siebenjährigen Krieges zwischen England und Frankreich kostete etwa tausend Menschenleben. An dieser historischen Stätte landete am Tag zuvor der in der Redaktion geworfene Dartpfeil.

Geht man von der Ecke Nordring/Erlenseer Straße in Bergen-Enkheim über den Frohngrundweg in Richtung Stadtrand und überquert die Bundesstraße 521, kommt man zu dem Maisfeld, auf dem der Pfeil einschlug. Es ist einer dieser Orte in Frankfurt, wo Stadt und Land nahtlos ineinander übergehen. Steht man auf der Zeil, vor dem Römer oder im Bankenviertel, glaubt man nicht, dass es nur wenige Kilometer entfernt eine solche Idylle geben kann. Die Uhr zeigt gerade 8, langsam steigt die Sonne auf ihrer Wanderung höher und kündigt einen weiteren warmen Spätsommertag an. Noch aber ist es angenehm kühl – und das nutzen Spaziergänger und Hundebesitzer für einen kurzen Rundgang auf dem Frohngrundweg entlang von Feldern und Streuobstwiesen.

So auch Sabrina Neubauer, die mit ihrem Sohn Paul im Kinderwagen und ihren drei Hunden unterwegs ist. Sie ist in Bergen aufgewachsen und will hier auch nicht weg: „Hier ist nicht Stadt, nicht Land“, sagt Neubauer, „genau das Richtige“. Vor einigen Jahren musste sie wegen der hohen Mieten zunächst wegziehen. Nur zwei Jahre dauerte das Exil, dann kehrte sie mit ihrer Familie zurück „nach Hause“, wie sie sagt.

Ihre Hunde Loki, Laika und Krümmel toben herum, es riecht nach Äpfeln, ein Eichhörnchen huscht über den Weg. Aber es ist hier nicht immer so idyllisch. Davon zeugen die Motorengeräusche, die von der nahegelegenen Bundesstraße herüberdröhnen. Immer wieder gebe es Tote, berichtet Neubauer. Sie erinnert sich an einen besonders schrecklichen Unfall vor ein paar Jahren. Ein Junge, 14 oder 15 Jahre alt, habe Musik gehört und die Straße überqueren wollen. Ein Motorradfahrer, der viel zu schnell unterwegs war, erfasste den Jungen und wurde selber mehrere Meter weit durch die Luft geschleudert. „Beide tot“, sagt sie traurig. Leider gibt es also immer noch Tote zwischen Bergen und Bad Vilbel. Nach dem Unfall habe die Stadt die Geschwindigkeit begrenzt: „Daran halten sich aber die wenigsten.“

Sohn Paul will nun endlich weitergehen. Ein Pfiff von Neubauer genügt und die kleine Gruppe setzt sich wieder in Bewegung. Sie steht an der Straße, wo es heute nicht ganz so zügig vorangeht. Der Berufsverkehr stockt. Die Blechkolonne schiebt sich langsam in Richtung Frankfurt. Trotzdem wartet die Mutter so lange, bis ein Autofahrer Erbarmen hat und die Spaziergänger über die Straße winkt.

Ihnen entgegen kommen zwei weitere Hundebesitzerinnen. Sie wollen in der Zeitung nicht erkannt werden, erzählen aber doch, dass sie beide Schneider heißen. Die Freundinnen haben sich beim Gassigehen mit ihren Hunden Lima und Sunny kennengelernt. Sie harmonieren gut: „Es passt einfach“, sagt die eine Frau Schneider. Das gilt sowohl für die Hunde als auch für die Frauen. Auf die Frage, ob sie besondere Erinnerungen an diesen Weg hätten, sagt die andere Frau Schneider lachend: „Ja, ganz viele, aber die gehören nicht in die Zeitung“. Vor allem am Sonntagmorgen um 6 Uhr sehe man allerhand.

Weiter geht es mit dem Morgenspaziergang. Windräder und Strommasten zeugen von der nahen Zivilisation. Der blaue Himmel wird nur durchzogen von Kondensstreifen der Flugzeuge, die man hier ab und zu auch hört – aber nur, wenn der Wind ungünstig bläst.

Geht man den Weg zurück in Richtung Bergen-Enkheim, liegt auf der rechten Seite eine umzäuntes Gelände. Auf dem hölzernen Tor steht: „Völpies Kleine Farm“. In einem Holzstall stehen Pferde, Trecker und Wohnwagen sind zu erkennen. Es riecht nach frischem Heu und Pferdemist. Silke Völp, ihr Mann und ihre zwei Kinder hatten hier in liebevoller Kleinarbeit eine kleine Farm mit Pferden, Hühnern, Minischweinen, Katzen, Hasen, Kaninchen und Hunden aufgebaut. Kinder sollten die Natur hautnah erleben können. „Ein kleines Paradies“, sagt Völp. Aber diese Idylle wurde 2013 jäh zerstört. Unbekannte Täter öffneten die Käfige der Tiere, töteten sie und nahmen sie mit.

„Ich habe lange gebraucht, um darüber hinwegzukommen“, erzählt die Besitzerin wütend. Man sieht ihr die Traurigkeit über den sinnlosen Tod ihrer Tiere an. Sie und ihre Familie entschieden sich dagegen, alles wieder neu aufzubauen. Das habe einfach zu sehr weh getan. Und so sind ihnen nur die drei Ponys, ein Pferd, zwei Hunde und eine Katze geblieben. Aber um die kümmert sich Völp, die nur fünf Minuten von ihrer kleinen Farm entfernt lebt, täglich von 9 bis 20 Uhr.

Zwei ihrer Pferde werden alle vier Jahre zu Mitwirkenden bei den Schelmenspielen. Das Laienschauspiel „Der Schelm von Bergen“ erzählt die Geschichte eines Henkers, der sein Leben riskiert, um ein einziges Mal mit der liebreizenden Kaiserin zu tanzen.

Am Tor zu ihrem „Paradies“ trifft man sich, unterhält sich kurz und jeder geht wieder seines Weges. Heute sind es ein älterer Mann, der mit seinem Dackel unterwegs ist, und Dominik Bettin, ebenfalls Hundebesitzer. Man kennt sich: „Geht man einmal mit dem Hund raus, kennt man die Hälfte der Leute“, sagt Bettin. Heute ärgert man sich gemeinsam über den Funkmast, der in der Nähe errichtet werden soll.

Bettin sieht mit seiner Glatze, dem Bart, den tätowierten Armen und Beinen schon ein wenig gefährlich aus, ist aber sehr freundlich. Die beiden Hunde Koda und Amie toben herum, beißen sich immer wieder: „Die spielen nur“, versichert Bettin. Sie müssten sich ausprobieren.

Er findet es toll, dass sich auch die Jugend hier trifft. Am Zaun zur kleinen Farm steht eine selbst gebaute Bank aus Paletten. Als er die jungen Leute dort an einem Abend zum ersten Mal gesehen hat, erlaubte er sich einen kleinen Spaß. „Polizei, Ausweise raus“, habe er in strengem Tonfall gesagt. Die hätten vielleicht ein Gesicht gemacht, erzählt Bettin amüsiert.

Die kleine Runde am Eingang zur Farm ist sich einig: „Schreiben Sie nicht zu gut, wir wollen unter uns bleiben.“ Das ist aber nicht böse gemeint, sondern der Angst geschuldet, dass die Ruhe und der Frieden, der hier am Stadtrand herrscht, durch Tote im Straßenverkehr oder Kriminelle gestört wird. So aber bleibt es ein Ort zum Durchatmen, um sich dann ins Getümmel der Großstadt zu stürzen.

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