+
Es ist dringend an der Zeit, in der Ausbildung von Polizisten den Fokus stärker auf Selbstreflexion, Kritik und Widerspruch zu legen.

Kommentar

Ausbildung ändern

  • schließen

Es gibt zu viele "Einzelfälle" ? die Polizei hat ein Systemproblem. Unser Kommentar.

Manche Nachrichten sind so ungeheuerlich, dass man sie bündig aufschreiben muss, um sich klarzumachen, worum es geht. Momentan steht der Verdacht im Raum, dass Frankfurter Polizeibeamte eine prominente Strafverteidigerin unter dem Pseudonym „NSU 2.0“ als „Türkensau“ beschimpft und ihr gedroht haben könnten, ihre kleine Tochter zu „schlachten“. Darum geht es.

Die bisherigen Wortmeldungen zu diesem eskalierenden Skandal sind so richtig wie erwartbar. Jetzt muss lückenlos aufgeklärt werden, die Verantwortlichen gehören vor Gericht, bloß kein Generalverdacht gegen die Polizei. 

Was dagegen bisher kaum gesagt wird: Sollte der Verdacht sich bestätigen, muss es im Vorfeld ein gewaltiges institutionelles Versagen gegeben haben. Polizisten, die sich gegenseitig Hitlerbildchen schicken, rassistisches Vokabular verwenden, mit Neonaziterroristen sympathisieren – das alles soll im ersten Frankfurter Polizeirevier niemandem aufgefallen sein? Wie, bitte schön, sieht ein Dienstalltag aus, in dem derartige Menschenverachtung unbemerkt bleibt? 

Jedem, der sich jetzt schon darauf festlegt, dass es sich hier nur um „Einzelfälle“ handele, sei gesagt: Die deutsche Polizei hat in der Vergangenheit immer wieder mit ähnlich gelagerten Skandalen Schlagzeilen gemacht. Wie im NSU-Komplex, wo nur gegen die Familien der Opfer ermittelt wurde. Wie in Sachsen, wo das SEK ein Logo benutzte, dass allzu stark an NS-Symbolik erinnerte. Man kommt um die unbequeme Frage nicht herum, inwieweit eine hierarchische, Gewalt ausübende Institution wie die Polizei autoritäres Denken, Korpsgeist und Rassismus fördert. 

Es ist daher dringend an der Zeit, in der Ausbildung von Polizisten den Fokus stärker auf Selbstreflexion, Kritik und Widerspruch zu legen. Und die Polizei braucht neutrale Ombudsleute, an die sich jeder Beamte, der bedenkliche Entwicklungen mitbekommt, vertrauensvoll wenden kann. Der konkrete Frankfurter Skandal braucht jetzt aber in der Tat vor allem eins: Aufklärung.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare