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Dem Überwachungsstaat den Spiegel vorhalten: In weißen Overalls passiert der Stadtrundgang gegen Kameraüberwachung den Eisernen Steg.

Videoüberwachung/Protest

Auffällig unauffällig

Kameras sind allgegenwärtig im öffentlichen Raum. Der Verein "Social Impact" macht mit einer fantasievollen Aktion darauf aufmerksam - in Linz, Stuttgart und jetzt auch in Frankfurt.

Von Hanning Voigts und Georg Leppert

Was ist denn hier los?“ Einer der bierseligen Erstsemester, die in Scharen den Eisernen Steg bevölkern, stößt seine Kommilitonen an. Er ist nicht der Einzige, dem diese Frage durch den Kopf schießt. Die Spaziergänger, die Touristen und die Verliebten, die über den Steg bummeln, starren ungläubig auf das Bild, das sich ihnen bietet. Hälse werden gereckt, Handys für einen Schnappschuss gezückt.

Zwölf Menschen joggen in auffälligen Outfits über die Brücke, mit weißen Overalls, Knieschonern und Schilden aus spiegelndem Kunststoff. „Bleibt zusammen, bleibt kompakt“, ruft ihnen im Laufen ein Mann in einem roten Rennfahrer-Anzug zu, bevor er sich durch ein Megafon an die Zuschauer richtet: „Sie sehen hier die einzige Möglichkeit, sich ohne Videoüberwachung durch Frankfurt zu bewegen!“

Was an diesem Nachmittag die Neugier auf sich zieht, ist ein Stadtrundgang, den Aktivisten vom österreichischen Verein „Social Impact“ als Beitrag zur Ausstellung „Außer Kontrolle – Leben in einer überwachten Welt“ veranstalten, die noch bis Februar im Museum für Kommunikation zu sehen ist. Als die Regierung in Wien vor einigen Jahren laschere Regeln für die Installation von Überwachungskameras auf öffentlichen Plätzen beschlossen habe, sei die Idee entstanden, mit dieser spielerischen Methode auf die Problematik der immer stärkeren Videoüberwachung hinzuweisen, sagt Christian Korherr von „Social Impact“. Die erste Tour entstand in Linz, dann folgte Stuttgart und jetzt Frankfurt.

„Wir wollen mit dieser Aktion körperlich erfahrbar machen, wie Überwachung funktioniert“, sagt der 37-jährige Sozialarbeiter. Man errege mit den auffälligen Klamotten Aufmerksamkeit und versuche, trotzdem unerkannt zu bleiben, erklärt Korherr. Das Ganze sei ein übertriebenes Spiel, das zeige, „wie aufwendig es wäre, wenn man sich ernsthaft vor der derzeitigen Überwachungssituation schützen würde“. Durch den Performance-Charakter der Aktion würden viele Menschen auf das Thema aufmerksam. Denn wie oft man auf öffentlichen Plätzen, in U-Bahnen und Fahrstühlen gefilmt werde, sei vielen gar nicht bewusst, sagt Korherr.

Dabei habe die Videoüberwachung handfeste soziale Folgen: Wenn Kameras etwa an einem Platz aufgestellt würden, wo Drogen gedealt würden, verschiebe das die Szene in andere Stadtteile. „Eine Kamera bekommt ja keine Drogenproblematik in den Griff, sondern verlagert sie nur.“

Das allerdings sieht man bei der Polizei und anderen Sicherheitsbehörden anders. Seit vor mehr als zehn Jahren die erste polizeiliche Überwachungskamera an der Konstablerwache aufgestellt wurde, habe sich die Sicherheitslage dort verbessert, argumentieren die Ermittler regelmäßig. Ihr Wunsch ist es, weitere Kameras zu bekommen. Doch bislang gibt es nur einen zusätzlichen Standort: am Kaisersack.

Das heißt aber nicht, dass es in Frankfurt nur diese beiden Geräte gebe. Tatsächlich dürften sich Hunderte Kameras im Stadtgebiet befinden. Genaue Zahlen gibt es nicht, da etwa Hauseigentümer ihre privaten Kameras nicht melden müssen. Seitens der Stadt wurden an den großen Kreuzungen Kameras zur Verkehrsüberwachung aufgestellt. Bilder gibt es auch von allen U-Bahn-Stationen. Etwa die Hälfte der Busse, Trams und U-Bahnen sind mit Kameras ausgestattet. Hinzu kommen Geräte an speziellen Orten, etwa vor dem Stadion am Bornheimer Hang.

Trotz der ernsten Problematik haben die Teilnehmer des Rundgangs sichtlich Spaß. Schon beim Anlegen der weißen Anzüge wird ausgiebig gekichert, ebenso unten am Main, als Korherr der Gruppe die Formationen beibringt, in denen sie durch die Stadt laufen soll – etwa als Doppelreihe, die sich mit den Schilden in beide Richtungen sichert, oder als „Schildkröte“, die sich auch nach oben abschirmt und an antike Kriegstechniken erinnert. Als alle Formationen auch im Joggen klappen, geht es über den Eisernen Steg zum Römer, ständig verfolgt von den Blicken neugieriger Passanten.

Korherr ruft den Teilnehmern zu, wie sie sich bewegen sollen, und weist sie nebenbei auf die Videokameras hin, die auf dem Weg liegen. „Die hier ist sogar illegal“, sagt er und zeigt auf eine Kamera, die der Betreiber eines Cafés am Mainufer aufgehängt hat. Es sei nicht erlaubt, seine Gäste ohne deren Einwilligung zu filmen.

Straßenlampen vom "Sonnenkönig"

Ulrike Hager, die die Tour gemeinsam mit Korherr vorbereitet hat, nutzt kurze Pausen im Laufe des Rundgangs, um die Teilnehmer mit der Geschichte der Überwachungspraxis vertraut zu machen. Schon im Mittelalter sei es vielerorts vorgeschrieben gewesen, nachts ein Licht mit sich zu führen, sagt sie. „Sich nicht selbst sichtbar zu machen, war schon ein Grund zum Verdacht.“

Der „Sonnenkönig“ Louis XIV. habe als Erster großflächig Straßenbeleuchtung etabliert. Was heute auf viele Menschen beruhigend wirke, hätten die Bürger damals als Affront aufgefasst, erklärt Hager. Für sie habe der König seine Macht demonstrieren wollen, alles sichtbar machen zu können. Die Laternen seien, wie heute die Überwachungskameras, als „verlängerter Arm der Exekutive“ kritisiert worden.

Und dann geht es weiter durch die Stadt. Was die Teilnehmer nach dem Rundgang mit ihren Erkenntnissen anfingen, sei ihre Sache, sagt Christian Korherr. Er persönlich finde es jedenfalls wichtig, sich mit dem Thema zu befassen. Schließlich höhle die Überwachung zunehmend die Unschuldsvermutung aus. „Der Staat überwacht mich, also hält er mich für verdächtig. Und ich als Bürger muss meine Unschuld beweisen.“

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