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Kurz vor der Demo staut sich der Verkehr in Seckbach.

Protest in Seckbach

Anwohner legen Verkehr in Seckbach lahm

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Demonstranten blockieren die viel befahrene Wilhelmshöher Straße im Frankfurter Stadtteil Seckbach. Mit Trillerpfeifen und Transparenten demonstrierten sie gegen Raser und für mehr Sicherheit.

„Stopp, stopp, stopp, Autowahnsinn stopp“, schallt es durch die Wilhelmshöher Straße. Es ist Dienstagmorgen, und 200 Anwohner haben sich auf der viel befahrenen Durchgangsstraße versammelt. Sie halten eine Kundgebung ab – gegen Raser und für mehr Sicherheit. Der Verkehr ist gänzlich zum Erliegen gekommen.

„Heute gehört die Straße uns“, brüllt Heiko Nickel von der Aktionsgruppe „Verkehrsberuhigung Wilhelmshöher“ ins Mikrofon. Umzingelt von Schulkindern und weiteren Sprechern thront er auf einer Erhebung und blickt auf die johlende Menge herab. Die Initiative hatte sich Anfang des Jahres gegründet und nun zu der Demonstration aufgerufen.

„10 000 Autos fahren jeden Tag durch Seckbach“, sagt Nickel. „Der Verkehr nervt uns und gefährdet unsere Kinder.“ Er skandiert: „Diese Durchfahrt ist nicht der Schleichweg für Pendler, sondern unser Zuhause.“ Alles ersticke im Verkehr, das könne so nicht weiter gehen. Der Pulk applaudiert.

Die Aktionsgruppe ruft die Politiker im Römer zum Handeln auf. Sie fordert eine Verlängerung der U-Bahnlinie 4 nach Bergen, einen fest installierten Blitzer und ein Lkw-Durchfuhrverbot für die Straße Im Trieb. „Wir sind nicht gegen Autos und Busse“, sagt Sprecher Harald Fink, „doch es muss ins Gesamtgefüge passen.“

Eine Stunde vorher. Gegen 7 Uhr sperrt die Polizei auf Höhe der Arolser Straße die Wilhelmshöher Straße ab. Für Linienbusse und Autos gibt es nun kein Durchkommen mehr. Das macht sich schnell bemerkbar: Die anrollenden Verkehrsteilnehmer bremsen ab, wundern oder ärgern sich und kehren über den Wendehammer zurück nach Bornheim.

Dabei müssen sie den Gegenverkehr beachten, denn aus Richtung Vilbeler Landstraße kommend ist die Wilhelmshöher noch nicht dicht. Um kurz nach 8 Uhr rauscht der letzte 43er Bus am Wendehammer vorbei. Er ist brechend voll. Die nachfolgenden Busse umfahren die Wilhelmshöher und enden stattdessen am Hessen-Center.

Als die Wilhelmshöher endlich frei ist, setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung: 160 Menschen laufen Richtung Seckbacher Ortskern – mit Trommeln, Rasseln, Trillerpfeifen, Tröten. Jung wie Alt halten Schilder hoch: „Raser stoppen!“ und „LKW raus!“, „Doppelt blitzt besser!“, „Wir demonstrieren auf allen Vieren!“. Auf dem größten Banner heißt es: „Autoverkehr, Lärm, Dreck, Gestank machen die Seckbacher krank!“

Zwei Kilometer entfernt: Vom Klingenweg aus setzt sich ein zweiter Demonstrationszug in Bewegung. Dort laufen rund 40 Teilnehmer mit, angeführt von Kalle Kröber, dem Chef der Interessengemeinschaft der Seckbacher Vereine. Vorbei geht es an seinem Haus zwischen Budge-Heim und Seckbacher Bitzweg, wo Linienbusse laut Anwohner den Bürgersteig benutzen, um dem Gegenverkehr auszuweichen.

Familie Beetz, die in der Straße Im Trieb wohnt, sagt, dass sie die Raserei auf der Wilhelmshöher am meisten stört. Sie läuft ganz vorne im ersten Demonstrationszug mit und fordert breitere Gehwege. „Unseren Kater hat man nachts angefahren, seitdem traut er sich nicht mehr raus.“

Etwas weiter hinten im Pulk läuft Gerhard Fischer. Er hat vier Tempo 30-Aufkleber an seiner Kleidung angebracht und trägt die Ranzen seiner beiden Töchter. „Die Schüler der Zentgrafenschule können an diesem Tag auf Wunsch freigestellt werden, um ihre Eltern auf der Demo zu begleiten“, erläutert der Familienvater aus der Heinz-Herbert-Karry-Sraße.

Applaus von Schaulustigen

Auf dem Bürgersteig beklatschen Schaulustige die vorbeiziehenden Demonstranten, vom Fenster aus machen Anwohner Fotos. Mancher Autofahrer kann den Protest nachvollziehen. „Ich habe Verständnis“, sagt ein Mitarbeiter einer Elektrofirma, der in seinem Sprinter am Straßenrand einen Kaffee trinkt. „Ich fahre fast täglich durch Seckbach und bekomme mit, wie sich die Leute ärgern.“

Auf Höhe der Zentgrafenschule treffen beide Züge jeweils angeführt von einem Streifenwagen aufeinander. Die Demonstranten skandieren Parolen und tauschen sich lauthals aus. „Es ist super schön, dass so viele Leute heute Morgen aufgestanden sind“, ruft Stefan Klee ins Megafon. Er vertritt die Linkspartei im zuständigen Ortsbeirat 11.

Die Polizei, die 200 Teilnehmer gezählt hat, spricht derweil von „massiven Auswirkungen“ auf den Verkehr. Auf der Vilbeler Landstraße staut es sich, weil Autofahrer rechts in die Wilhelmshöher einbiegen wollen. „Das ist eine der Hauptdurchgangsstraßen“, sagt der Beamte.

Kurze Zeit später ist der Spuk vorbei. „Leider müssen wir die Straße wieder frei geben“, sagt Bonny Fischer, die ebenfalls zu den Sprechern der Aktionsgruppe gehört. Um 9 Uhr löst sich die Demo auf, und die Wilhelmshöher darf wieder befahren werden. Busse pendeln, Autos rasen – der ganz normale Wahnsinn ist in Seckbach zurückgekehrt.

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