"Europa-Caricade"

Alles Schall und Rauchverbot

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Der Besuch der Karikaturenausstellung im Keller der Paulskirche kann schwermütig machen.

Die Paulskirche ist momentan kein Ort, an dem man zum Lachen in den Keller gehen sollte. Denn dort ist die Ausstellung „Europa-Caricade“ zu sehen, und die kann angesichts der Gesamtsituation denn doch ein bisschen deprimierend sein.

Das liegt ja gar nicht daran, dass die Schau nicht unbedingt ein Hort der Hochkomik ist – die wesentlich lustigeren Zeichnungen hängen ein paar Hundert Meter weiter in der Caricatura.

Vielen der Karikaturen wohnt eine gewisse Zopfigkeit inne, die dem Zeitungshumor der 70er Jahre entspringt, einer Zeit, in der auf jeder Humor-Seite eine nudelholzbewaffnete Frau auf die Heimkehr ihres besoffenen Ehemanns wartete. „Frech, komisch, ironisch … mit 70 Arbeiten von Karikaturisten aus 15 Ländern“, informiert der Pressetext in makelloser internationaler Frühschoppenhaftigkeit.

Es liegt vielmehr daran, dass die Ausstellung in eine Zeit entführt, in der alles hätte so schön werden können. 1972: Die Iren und Dänen haben per Plebiszit Ja zur Europäischen Gemeinschaft gesagt, und Horst Haitzinger zeichnet die Führer der freien Welt, wie sie im Obergeschoss des europäischen Hauses lautstark eine goldene Zukunft feiern – während der Führer der unfreien Welt und Bewohner des Erdgeschosses, Leonid Breschnew, mit dem Besenstiel an die Decke klopft.

Europäischer Elan

Aber eigentlich möchte er gar nicht die Polizei rufen, er möchte mitfeiern. Auf einer anderen Karikatur wundern sich Richard Nixon und Henry Kissinger über die dralle Dame, die da plötzlich in ihrem Kinderwagen liegt: „Ich finde, unser Baby wird gefährlich groß.“ Das mag von diskussionswürdigem Witz sein, aber eines ist den alten Karikaturen gemein: Sie sind getragen von einem gewissen europäischen Elan. Und zeichnen Europa als eine kampflustige Amazone, die den Stier bei den Hörnern packt.

In den 80ern zeigen sich die ersten Anzeichen des Niedergangs. Zeichnerisch mutiert Europas Lebensabschnittsgefährte Zeus vom Stier zur fetten Sau – zumindest bei Horst Haitzinger, der 72 noch Breschnew klopfen ließ. Europa ist nicht begeistert. Dem Betrachter geht es ebenso.

Und es wird chronologisch schlimmer. Die Idee der europäischen Einheit versinkt in Butterbergen, Bananennormen krümmen die Perspektive, es kriselt, kracht und brexittet, am Ende der Ausstellung entfernt sich ein irrlichternder Erdogan mit Kometengeschwindigkeit vom EU-Planeten. Und US-Präsident Trump fährt mit einer Dampfwalze einen Kraftwagen zu Klump, der die EU personifizieren soll. Der Besucher ist aber mittlerweile so weichgekocht, dass er beinahe gewillt ist, das als Akt der Gnade zu betrachten.

Was ist mit dem Ist-Zustand?

Denn der gruseligste und bewegendste Moment der Schau ist dem Künstler Heinz Brig in Zusammenarbeit mit den Ausstellern gelungen. „Prosit Euro“ heißt seine Karikatur aus dem Jahr 2002, sie zeigt eine Gesellschaft sektkelchbewehrter Gestalten in Abendgarderobe, die Gesichter in vorfreudiger Erregung zu Smiley-Fratzen verzerrt, deren Grinsemund durch das Euro-Zeichen ersetzt wurde. Direkt darüber haben die Aussteller allen Ernstes ein „Nicht Rauchen!“-Schild platziert. Ist es das, fragt sich der schwermütige Betrachter, was einmal von der EU in Erinnerung bleiben wird? Finanzarschgeigentum und Rauchverbot

Und was ist mit dem Ist-Zustand? Eigentlich wäre die Ausstellung im Keller der Paulskirche weitgehend unbemerkt geblieben, die Organisatoren haben jedenfalls im Vorfeld kein großes Gewese gemacht.

Mitte vergangener Woche, da lief sie schon ein paar Tage, hat Oberbürgermeister Peter Feldmann die Ausstellung – Zeus weiß warum – nochmal offiziell eröffnet. Und in einer ergreifenden Rede an „die Grundlage für das heute vereinigte Europa“ erinnert und gemahnt, alldieweil „das Wirtschaftswachstum zu fördern“, weil es weiterhin gelte, „zwischenstaatliche Beziehungen zu festigen“ und „gemeinsame Werte zu schaffen“, weil dann weiß man, was man hat, guten Abend. Und von unten hat niemand geklopft, aber geht ja auch gar nicht, weil man bereits im Keller ist. So weit zum Ist-Zustand.

Wer aber prinzipiell melancholischen Charakters und gerade auf dem Retro-Trip ist und sich keine Karten für das jüngste Cure-Konzert leisten konnte, der ist noch bis zum 21. Mai (10 bis 17 Uhr) im Keller der Paulskirche nicht fehl am Platze. Eintritt frei.

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