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Pokalfinale von Eintracht Frankfurt: Das Waldstadion bebt

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Von: Stefan Behr

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Die Fans im Waldstadion sind Feuer und Flamme für die Eintracht. Peter Jülich
Die Fans im Waldstadion sind Feuer und Flamme für die Eintracht. Peter Jülich © Peter Jülich

50.000 Fans erleben ein intensives Pokalfinale zwischen Eintracht Frankfurt und Glasgow Rangers.

Wer sich die Seychellen nicht leisten kann, der macht eben Urlaub auf Balkonien. Und wem Sevilla zu teuer oder zu weit oder zu heiß ist, der nimmt halt zum Public Viewing auf der Deutschen Parkbank - oder wie auch immer das Waldstadion momentan heißen soll - Platz. Wesentlich kälter als in Sevilla ist es am Mittwochabend in Frankfurt freilich auch nicht.

Und auch nicht viel leerer. Das Public Viewing ist mit 50 000 vorverhökerten Tickets restlos ausverkauft. Dabei ist es derzeit gar nicht so einfach, ins Stadion zu kommen, denn wegen Bauarbeiten fährt die Trambahn nur bis zum unteren Ende der Rennbahn. Von dort nehmen schlappe Kicker zur Weiterfahrt den Bus, Cis-Fans allerdings entscheiden sich fürs simultane Wandern und Biertrinken, singen dabei aus voller Brust, dass sie den Jürgen im Endspiel gesehen hätten und die SGE Deutscher Meister werde, und hüpfen frohgemut über zahlreiche E-Scooter, die möglicherweise von Offenbachern als Barrikaden auf das Trottoir geschmissen worden waren. Funktioniert aber nicht. Unaufhaltsam bahnt sich der Fanstrom seinen Weg, vorbei an der verödeten Rennbahn, auf der jetzt ein DFB-Campus wächst. Den würdigt aber niemand auch nur eines Blickes, schließlich geht es heute nur um eines, nämlich Fußball.

Im Stadion ist die Hölle los. Noch vor Anpfiff wird der Innenraum dichtgemacht, er ist rappelvoll. Fanfamilien werden brutal auseinandergerissen und wissen nicht, wann sie sich je wiedersehen werden. „Wir treffen uns in der Halbzeit. In der Halbzeit! HALBZEIT!!!“ brüllt ein verhinderter Innenraum-Besucher in sein Handy, aber sein Gesprächspartner hört ihn nicht, weil man im Innenraum sein eigenes Wort nicht versteht, geschweige denn ein fremdes. Man kann froh sein, einen unverstellten Blick auf die 400-Quadratmeter-Leinwand zu erhaschen. Irgendwelche Heinis entblöden sich nicht, pünktlich zum Anpfiff ein bisschen Pyrotechnik abzufackeln. Als ob Sicht und Luft selbst ohne Feuerwerk hier keine knappen Güter wären.

Maske trägt hier an diesem Abend übrigens niemand mehr. Dafür ist es jetzt auch viel zu spät. Das Sevilla-Virus hat sich schon seit Tagen ungebremst in der Region verbreiten können. Die Symptome - das Singen sinnfreier Satzfetzen („Schwarz-weiß wie Schnee“) und unkoordieniertes Rumgehüpfe - waren ja nicht zu überhören oder -sehen. Wer nicht mitsang und -hüpfte, outete sich als nicht infiziert. Oder als Offenbacher. Diese beiden Randgruppen sucht man am Mittwochabend im Stadion freilich vergebens. Überhaupt sucht man hier so ziemlich alles vergebens, dafür ist es einfach zu voll. Vor allem im Innenraum.

Ein paar hundert Genussmenschen haben sich ohnehin außerhalb der Stadionhölle auf dem Vorplatz versammelt. Da ist die Leinwand zwar nicht ganz so riesig, dafür ist der Boden mit hinternschmeichelndem Kunstrasen bedeckt. Hier findet sich Raum zum Atmen und Platz zum Mitdribbeln. Zumindest in der ersten Halbzeit.

Dann wird es leider merklich enger. „Der Innenraum ist überfüllt“, verkündet ein Spruchband unten auf der Leinwand recht euphemistisch. Die Sicherheitsleute lassen zwar jeden raus, aber keinen mehr rein. Gut für den Innenraum. Schlecht für den Vorplatz.

Glasgow geht in Führung. „Ihr Wichser!“, brüllt ein zorniger junger Mann und reckt die Fäuste in den Himmel. Es ist nicht ganz klar, ob er die Fußballgötter oder die Schotten oder beide meint, aber ganz unrecht hat er ja in keinem Fall. Frankfurt gleicht aus. Jetzt brennen die Bengalos nicht nur im Innenraum, sondern auch draußen. „Hört sofort auf damit!“, bittet der Stadionsprecher so eindringlich wie wirkungslos. Wenigstens verkneift er sich ein „ihr Wichser!“, obwohl er ja nicht ganz unrecht hätte.

Was dann nach der Nachspielzeit passiert, darüber muss man keine großen Worte machen. Das kann sich jeder selbst vorstellen. Die einen wie die Dippemess im Himmel. Die anderen wie Freibier in der Hölle. Mit Pyrotechnik.

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