Die Bruchstücke des zertrümmerten Thoraschreins aus der Synagoge am Börneplatz.
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Die Bruchstücke des zertrümmerten Thoraschreins aus der Synagoge am Börneplatz.

Pogromnacht

„Zur Geschichte gehört die Zerstörung“

  • vonBrüggemann
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Eine Gedenkveranstaltung erinnert an die von Nazis verbrannte Synagoge am Börneplatz und den zertrümmerten Thoraschrein. Virtuell ist der Schrein heute wieder sichtbar.

Lichterloh gebrannt hat sie, die ehemalige Börneplatz-Synagoge, in der Nacht vom 9. auf 10. November vor 82 Jahren. Es war kein Akt spontanen Volkszorns, sondern eine geplante Zerstörung jüdischer Kultur. Nazis verwüsteten den Innenraum, trugen Brennstoffe in Kanistern hinein und legten einen Brand. Alte Fotos zeigen die dicken schwarzen Rauchschwaden, die aus dem Gebäude aufstiegen und schon aus der Ferne zu sehen waren. Und wie die Hitlerjugend davorstand und feierte, dass das prachtvolle Gebäude langsam in sich zusammenfiel.

Andächtig zeigt Museumsleiter Wolfgang David bei der Gedenkveranstaltung am Dienstag im Archäologischen Museum die Bilder zu der Synagoge. Nicht nur auf Fotos soll die Synagoge ein einziges Kunstwerk gewesen sein: 1300 Gläubige konnten Platz finden in dem „herrlichen Gebäude“ mit den bunten Glasfenstern, wie es die „Jüdische Zeitung“ 1901 beschreibt: „In freundlicher Fülle durchströmte das elektrische Licht die weiten Räume.“

Heute ist nichts mehr davon zu sehen, dass es die Synagoge gab, nur ein Umriss auf dem Boden verweist darauf, wie ein Schatten der Vergangenheit. Nach der Zerstörung wurde das Gebäude 1939 endgültig abgerissen und somit dem Erdboden gleichgemacht. Für Marc Grünbaum von der Jüdischen Gemeinde ist die Synagoge am Börneplatz eine Besonderheit. „Die Brutalität der Novemberpogrome war die Axt, die die systematische Vernichtung des jüdischen Lebens möglich machte“, ordnet er die Zerstörung der Synagoge ein. Die Gemeinde habe wenig Bezugspunkte zu damals, meint er, und freue sich daher umso mehr über überlieferte Fotos und Fundstücke aus den damaligen Gebetshäusern.

Umso wichtiger für die Jüdische Gemeinde sind die Überreste des Thoraschreins aus der Synagoge. Er wurde in den 1960er Jahren bei Ausgrabungen gefunden und gehört zu der Sammlung des Archäologischen Museums. In einer aufgrund von Corona bisher unveröffentlichten Ausstellung sind die einzelnen Teile des Zentrums der Synagoge zu sehen. Hier werden die heiligen Thorarollen aufbewahrt, deren Berührung und Besichtigung nur in Ausnahmefällen möglich ist. Holzschrein und Thorarollen sind verbrannt, doch von der marmornen Einrahmung, kunstvollen Säulen, gibt es noch erkennbare Überreste.

Hieb- und Hackspuren deuten darauf hin, dass man beim Abriss des Gebäudes mutwillig versucht hatte, den Thoraschrein bis zur Unkenntlichkeit zu zertrümmern. „Man hat die Säulen des Thoraschreins weder verbaut noch verkauft, obwohl sie sich bestimmt gut in einem Gartenhäuschen gemacht hätten“, sagt Wolfgang David. Zu groß war der Hass gegen alles Jüdische.

Restauratoren gelang es jedoch, die zerhackten Kleinteile des Schreins virtuell zu einem Stück zusammenzufügen, das Gesamtkunstwerk mit seinen sieben Metern Höhe wurde wieder sichtbar. Zur Wiederherstellung polierte man, fügte Teile zusammen. Nun liegen die losen Teile des Thoraschreins ausgestellt im Archäologischen Museum. Restaurator Thomas Flügen wollte dieses Werk bewusst nicht vollenden: „Zu der Geschichte gehört die Zerstörung.“

Eine moderne Herangehensweise an solche zerstörten Stücke sei keine Übermodellierung, sondern ein Sortieren und Darstellen des Geschehenen. „Wir wollen zeigen, was die Steine erzählen würden, wenn sie sprechen könnten“, so Flügen.

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