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Im Unverpacktladen gibt es Seifen auch ohne Plastikumhüllung.

Plastikmüll

Podiumsgespräch über Müllvermeidung und den Verzicht auf Plastik in Frankfurt

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Ein Abend zum Thema Plastikmüll in Frankfurt– ohne Männer auf dem Podium.

Unter den aufgeregten Hamsterkäuferinnen und -käufern dieser Wochen ist Beate Siegler nicht zu finden. Coronavirus hin oder her, die 70-Jährige kauft ohnehin viele Dinge auf Vorrat – und frisch auf dem Markt. Aus einem Grund: Beate Siegler meidet Verpackungen, vor allem Plastik.

Seit vier Jahren lebt sie ohne Plastikabfall, seit drei Jahren fast ohne Müll, berichtet sie am Dienstagabend dem Publikum beim Podiumsgespräch „Plastikfrei im Alltag“. Es sei mitunter ein weiter Weg zu den Nudeln ohne Kunststoffverpackung, sagt Beate Siegler. Ein Weg, den die meisten nicht auf sich nehmen. Rund 38 Kilogramm Plastik verbrauchten die Deutschen pro Kopf und Jahr, sagt die Moderatorin des Abends, Petra Boberg von HR-Info, und dabei würden sie in der EU nur von Irland und Estland übertroffen.

„Wir stellen einen liederlichen Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt fest“, sagt die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). Zu vieles sei aus Plastik – auch das erschwere es, ein Bewusstsein dafür zu wecken, darauf zu verzichten. Außerdem: „Das Thema Müllvermeidung ist sehr weiblich.“ In der Tat: Auf dem Podium sitzen ausschließlich Frauen.

Zu ihnen zählt Christiane Hütte, die Inhaberin des Hotels Villa Orange im Nordend. Seit Jahren als Bio-Hotel zertifiziert, betreibt sie die Herberge seit 2018 auch plastikfrei. „Beim Frühstück war sowieso alles unverpackt, aber wir wollten das noch vertiefen“, sagt sie. Manches musste sie den Gästen erklären – etwa dass es nicht gleich unhygienisch ist, wenn der Mülleimer im Bad keinen Plastikbeutel enthält.

„Meine Kolleginnen und Kollegen finden Plastikmüll überall, bis auf den Grund der Meere“, sagt Julia Krohmer von der Senckenberg-Gesellschaft, die den Rahmen für den Abend bietet. Ein Nachhaltigkeitsbeauftragter koordiniere die Anstrengungen der Naturforscher, so umweltfreundlich wie möglich zu arbeiten.

Das sei auch das Anliegen des Konsumgüterkonzerns Procter & Gamble, sagt Firmensprecherin Gabriele Hässig. Das Unternehmen arbeite intensiv daran, bis 2030 alle Verpackungen wiederverwendbar und recyclingfähig zu machen. Sie hat, auch wenn sie privat auf Plastik möglichst verzichtet, keinen ganz leichten Stand unter den zahlreichen interessierten Besuchern. Ihr Vorschlag, die große Shampooflasche statt der kleinen zu kaufen, das spare 25 Prozent Plastik, erscheint vielen nicht als beste aller Lösungen.

Warum es immer noch kein Rückgabe- und Pfandsystem für Verpackungen etwa von Waschmittel- oder Körperpflegeprodukten gebe, so wie es mit Getränkeflaschen seit eh und je laufe, fragt ein Mann. Das sei tatsächlich geplant und werde gerade in Paris und New York getestet, sagt Hässig. „Loop“ heißt das System, das auch bald nach Deutschland kommen soll.

Beate Siegler überzeugt die Leute mit einfachen und plausiblen Lösungen: „Ich brauche keine Duschgelflasche, ich nehme Seife.“ Ob plastikfreies Leben Verzicht bedeute? I wo: „Ich hab’ da total Spaß dran.“ Nur bei medizinischen Artikeln höre der Spaß kurz auf. Die seien oft nicht ohne Kunststoffabfall zu haben. „In dem Fall sage ich dann nicht: Ich sterbe lieber.“ Das Publikum lacht. Der Spaß geht weiter.

Stadträtin Heilig rät allen: „Leben Sie doch mal eine Woche plastikfrei – fasten Sie Plastik!“ Und Besucher Jörg Harraschain hat eine Milchpackung mitgebracht, weil ihn eine ganz einfache Frage bewegt: „Früher haben wir mit der Schere eine Ecke abgeschnitten – warum haben diese Packungen jetzt alle einen Drehverschluss aus Plastik?“ Ja, warum eigentlich?

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