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Raul Krauthausen (Mitte) bei der Podiumsdiskussion über Inklusion an der IGS Nordend.

INKLUSION

Podium in Frankfurt: Kritik an Förderschulen

Auf dem Podiums der IGS Nordend in Frankfurt zu Inklusion und Vielfalt kritisiert Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen das Förderschul-Konzept. Und schlägt vor, wie er es machen würde.

Ein Ort, an dem alle 170 Anwesenden die Probleme von Menschen mit einer Behinderung verstehen und niemand argwöhnisch gemustert wird, war das Dachgeschoss im Günthersburggebäude der IGS Nordend am Donnerstagabend. Die Schule veranstaltete ein Podium, um über Inklusion und Vielfalt zu sprechen. Die Podiumsteilnehmer*innen rund um den Inklusionsaktivisten und Menschenrechtler Raul Krauthausen fordern mehr Akzeptanz für Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft und kritisieren die weiße und privilegierte Mehrheitsgesellschaft.

„Es wird zu oft über und zu selten mit Menschen mit Behinderung gesprochen. Meistens bin ich der Einzige mit Behinderung auf einem Podium, heute ist das nicht so“, sagte Raul Krauthausen und blickte zu Mo aus der achten Klasse der IGS Nordend, der neben ihm saß. Beide haben die sogenannte Glasknochenkrankheit und sitzen im Rollstuhl. Sie thematisierten, wie schwer es Menschen im Rollstuhl im Alltag haben – obwohl seit 2008 die UN-Behindertenrechtskonvention gilt. Mo sagte, dass es nicht alle Kinder schaffen, die im Rollstuhl sitzen und mit dem Aufzug zur Mensa fahren müssen, sich Essen zu kaufen in der 30-minütigen Pause. Der Aufzug fahre zu langsam. Lia aus seiner Klasse saß ebenfalls auf dem Podium. Sie hat keine Behinderung, hat jedoch beobachtet, dass Kinder im Rollstuhl im Aufzug, der Glaswände hat, von anderen Kindern „angeglotzt“ werden.

Auch Raul Krauthausen erzählte von eigenen Erfahrungen. Etwa dass es Menschen gibt, die unsicher sind, einer Person mit Behinderung die Hand zu geben. „Je früher wir einander begegnen, desto leichter ist es zu lernen“, sagte Krauthausen. „Man kann von keiner Lehrkraft und keinem Elternteil verlangen, vorher alles gewusst zu haben.“ Sie bräuchten Ansprechpartner*innen, um sich informieren zu können.

Er hielt es für das Beste, in einer Klasse mit 25 Kindern, von denen bis zu drei Kinder Förderbedarf haben, zwei Pädagog*innen einzusetzen. Er kritisierte das Konzept von Förderschulen, das dazu beitragen würde, Kinder mit Behinderung aus der Gesellschaft auszugrenzen. „Die beste Schule ist die in der Nähe und nicht die, die auf die Diagnose des Kindes am besten ausgestattet ist.“ Dann sprach er seine größte Forderung an: „Ich wünsche mir, dass wir das ganze System verklagen.“

Bisher haben meist privilegierte Familien, die ein Kind mit Förderbedarf haben, die Möglichkeit, es nicht auf eine Förderschule zu schicken. Weniger privilegierte Familien haben es schwer, ihr Kind dabei zu unterstützen. Krauthausen lobte die IGS Nordend dafür, viele Förderlehrer*innen eingestellt zu haben. Eine davon ist die auf dem Podium vertretene Anneli Reichel: „Inklusion bedeutet für mich, nie behindert oder nicht behindert infrage zu stellen.“

Das Ziel hat auch Raul Krauthausen, der immer wieder lauten Applaus erhielt. Es war zu spüren, wie wichtig allen Anwesenden Inklusion ist. Doch in der Mehrheitsgesellschaft ist Inklusion noch nicht durchgesetzt. Wegen dieser Themen veranstaltet die IGS Nordend die „Abendgespräche“. „Wir wollen versuchen, Inklusion in der Stadt zum Thema zu machen und es positiv zu besetzen“, sagte Schulleiterin Susanne Frye, denn Inklusion sei eine Gemeinschaftsaufgabe.

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