+
FR-Reporter Fabian Scheuermann mit Stadtplan und Dart-Pfeil: Zusammen mit Fotograf Peter Jülich war er im nördlichen Bornheim unterwegs.

Zufallstreffer in Bornheim

Platz machen für etwas Neues

  • schließen

Der Redaktions-Dartpfeil grub die Spitze am Ende seines jüngsten Flugs in die Vorgärten im Norden Bornheims. Dem Quartier sind nur wenige Konstanten geblieben.

Das Dortmunder Eck heißt jetzt Wondergood. Statt kroatischer Hausmannskost, die es hier lange Zeit gab, werden an der Dortelweiler Straße jetzt Reisnudeln mit Minz-Koriander-Dressing und eingelegtes Tempeh kredenzt. Letzteres sind Sojabohnen, die durch Zugabe eines Edelschimmelpilzes eine feste – man könnte sagen: fleischähnliche – Konsistenz erhalten. Die aus Indonesien stammende Speise ist gerade in aller Vegetarier Munde.

So natürlich auch in Bornheim: Und die Speisekarte des vor einem Jahr eröffneten Wondergood ist der beste Indikator dafür, dass sich nun auch die verstecktesten Ecken des Stadtteils zum In-Quartier wandeln. „Unser Restaurant wird sehr gut angenommen“, sagt Anton Goloshchekin, der das Wondergood mit seiner Lebensgefährtin Olga Kuvsinova betreibt. „Letzte Woche waren wir jeden Abend ausgebucht“, erzählt der Gatronom – und das trotz immerhin 60 Innen- und 40 Außensitzplätzen. Sowohl Freitag als auch Samstag habe man leider „je 30 Leute wieder wegschicken müssen“.

Das Restaurant liegt zwar keine 500 Meter von der Berger Straße entfernt – dennoch fühlt es sich hier zwischen Seckbacher Landstraße und Günthersburgpark ganz anders an als etwa am pulsierenden Fünffingerplätzchen. Hier, wo der jüngste Dartpfeilwurf sein Ende fand, weicht das Urbane mit jedem Schritt in Richtung Seckbach einem diffusen Vorortgefühl: Die Altbauten der Jahrhundertwende geraten aus dem Blick, und plötzlich steht man neben wärmegedämmten Nachkriegsgebäuden mit viel Grün drumherum – und sehr wenig Leben auf der Straße.

Zumindest an einem wolkenverhangenen Montagvormittag ist das so. Die spontanen Assoziationen von Reporter und Fotograf reichen von „friedlich“ bis hin zu „ausgestorben“. Bereits in der Obernhainer Straße unweit des 1908 errichteten Bethanienkrankenhauses kann man statt städtischem Trubel sämtliche Spielarten der Vorgartenbepflanzung betrachten: Zwischen diversen Tieren aus Ton – etwa ein am Kunstteich wartender Reiher und eine am Fenster hangelnde Katze – entdeckt man beispielsweise auch reihenweise Tomatenstauden und Paprikapflanzen – sowie eine kecke Kürbispflanze, die sich über den frisch verstreuten Mulch rankt. Und natürlich: jede Menge Rosen.

Eine Straße weiter sitzt Roger Vinson auf einer Holzkiste und schraubt an Autoteilen. Der Mechaniker genießt die Sonnenstrahlen, die für einen kurzen Augenblick die Tristesse des Tages vergessen machen. Seit zwölf Jahren betreibt Vinson in Bornheim seine Autowerkstatt. Dicht gedrängt stehen die Wagen auf seinem kleinen Hof. Der Laden läuft gut: Autos müssten schließlich immer repariert werden, sagt Vinson. Nur der Verkauf von Gebrauchtwagen habe „stark nachgelassen“. Dass er einmal umziehen muss, wenn ein Investor hier Betongold wittert, glaubt Vinson trotz aller Beliebtheit Bornheims nicht: „Ich kenne den Besitzer. Der hat keine Lust auf so etwas.“

Auch auf der Straßenseite gegenüber wird entspannt geschraubt – und zwar mitten auf dem Bürgersteig an einem blauen Fahrrad. „Mein Stadtrad ist mir wichtig“, sagt Matthew Hodson mit einem Lachen ob der offensichtlich überflüssigen Frage, was er denn da mache. Vor zwölf Jahren ist der Australier von Sydney nach Bornheim gezogen. „Hier ist immer etwas los“, sagt der Fernsehtechniker. Nur in der Innenstadt gefällt es ihm noch besser – weil es da „noch internationaler“ sei.

Auch die Londonerin Katherine Thomas hat sich den Norden Bornheims als neuen Wunsch-Wohnort für sich und ihre kleine Familie ausgesucht. Mit ihrem fünf Monate jungen Sohn Jasper und einer Freundin samt deren lockiger Tochter spaziert sie am Montagmittag entspannt durch den Günthersburgpark, der nur einige Gehminuten von den beiden Mechanikern entfernt liegt. „Bevor ich mit meinem Mann letztes Jahr nach Frankfurt gezogen bin“, erzählt die junge Frau auf Englisch, habe sich das Paar zwei Tage lang zu Fuß mit Frankfurts Stadtteilen bekanntgemacht. Neben Sachsenhausen habe ihnen Bornheim „am besten gefallen“.

Im Vergleich zur englischen Millionenstadt habe Frankfurt im Allgemeinen und Bornheim im Speziellen einen ganz großen Trumpf, sagt Thomas mit erhobenen Augenbrauen: „Hier ist es so wahnsinnig kinderfreundlich, man hat als Mutter sofort ein richtiges Gemeinschaftsgefühl.“

Frauen wie Katherine Thomas machen die Stammkundschaft von Cherif Bouzenna aus. Gemeinsam mit seinem Kollegen Christos Minzas betreibt er seit fast 20 Jahren den mit Meeresmotiven bepinselten Kiosk nördlich der alten Orangerie. Anders als im übrigen Quartier habe sich hier im Park nicht viel verändert, sagt Bouzenna: „Wir haben uns auf Mütter mit Kindern eingerichtet“. Väter kämen auch heute nicht so viel mehr als früher. Und über die Wintermonate mache man wie eh und je zu. „Wir haben keine Heizung“, erklärt Bouzenna schulterzuckend. Und es sei ja auch schön, mal ein paar Monate etwas anderes zu machen. Zumal, wenn man ein alleinerziehender Vater sei.

Gemeinsam mit den mächtigen hundertjährigen Bäumen im Park, deren Blätter an windigen Tagen so herrlich rascheln, sind Bouzenna und Minzas Konstanten in einem Quartier, das sein Gesicht ansonsten stetig verändert.

Sogar vor dem Bethanienkrankenhaus mit seinem hippodromförmigen Rosengärtchen hat dieser Wandel nicht haltgemacht: Zur Schaffung von knapp 190 unterirdischen Stellplätzen hatte man vor einigen Jahren den ganzen 1926 angelegten Garten platt gemacht – und ihn später weitgehend originalgetreu wieder angelegt. Lediglich die niedrige Höhe der kleinen Platanen erinnert noch daran, welch riesiges Loch hier 2008 im Boden klaffte.

Eine Konstante im Norden Bornheims ist der Platz vor dem Bethanien-Krankenhaus also eigentlich doch. Wenn auch seit dem vergangenen Dienstag in abermals verminderter Form: Da stürzte nämlich die alte Kastanie südlich des Krankenhauseingangs auf das Trottoir und begrub ein Taxi und mehrere Fahrräder unter sich. Am Montag dieser Woche ist von der Kastanie nur noch ein von etwas Absperrband umgebener geradlinig angesägter Stumpf zu sehen. Wie so vieles hier hat auch der Baum Platz für etwas Neues gemacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare