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Obdachloser? Passagier? Nicht immer ist das klar am Flughafen Frankfurt.
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Obdachloser? Passagier? Nicht immer ist das klar am Flughafen Frankfurt.

Obdachlos in Rhein-Main

Auf Platte am Flughafen

  • Johannes Vetter
    VonJohannes Vetter
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Am Flughafen ist es nachts ruhig und warm. Obdachlose, die hier übernachten wollen, sind aber nicht gerne gesehen. Der Airport sei nun mal für Reisende da.

Einst sei er Lehrer gewesen, in Nürnberg damals noch, da komme er ja auch her, und ganz in der Nähe, in Erlangen, habe er zuvor auch studiert. Und dann sei der Vater gestorben, im Krankenhaus. Das habe ihn aus der Bahn geworfen damals. Da habe er dann plötzlich Medizin studieren wollen, in Mainz, bis zum Praktischen Jahr sei er gekommen. Und dann habe er sich für Jura eingeschrieben. Und dann sei der Roland Koch von der CDU mit den Studiengebühren gekommen. Die habe er nicht zahlen können. So sei er auf der Straße gelandet.

Max, der eigentlich anders heißt, hört sich diese Geschichte seines Gegenübers beim Frühstück gelassen an, ohne irgendetwas zu sagen. Max sieht müde aus, isst aber trotzdem recht hastig an diesem Morgen im Franziskustreff an der Liebfrauenkirche, wo ein Frühstück nur 50 Cent kostet. Auf Fragen antwortet der 52-Jährige höflich und kurz: Nein, einen festen Schlafplatz habe er nicht. Er habe auch keinen geregelten Schlaf. Meistens penne er in Bussen oder Bahnen.

Manchmal kaufe er sich dafür eine Wochenkarte. Ja, auch er schlafe öfter mal am Flughafen, wie es einst sein Gegenüber auch getan habe. Als der dann wieder zu reden beginnt, flüchtet Max. Etwa 200 Obdachlose hielten sich immer wieder am Flughafen auf, rund 50 Obdachlose seien dauerhaft dort. Das sagt die Sozialarbeiterin am Flughafen, Kristina Wessel. Seit September kümmert sie sich hier um die Obdachlosen. Der Flughafenbetreiber Fraport nennt die gleichen Zahlen. Fraport-Sprecher Dieter Hulick ergänzt, man habe in den vergangenen zwei Jahren nicht feststellen können, dass es mehr geworden seien.

Rund 14 Stunden nach dem Frühstück am Flughafen, Terminal eins. Das Nachtflugverbot gilt seit mehr als einer Stunde. Es ist ruhig, es ist warm. Es ist Schlafenszeit. In der Abflughalle B, Treppe rauf, vor der Flughafenkapelle, kein schlechter Platz, schwer einsehbar. Und in die Kapelle kommt auch keiner mehr: „Wegen ständiger nächtlicher Verunreinigung ist die Kapelle auf absehbare Zeit von 23–5 Uhr geschlossen“, ist am Eingang zu lesen. Gute Nacht.

Wäre ich zu Beginn der kälteren Jahreszeit gekommen, ich hätte in der Kapelle schlafen können. So haben es jedenfalls einige Obdachlose bis Anfang Dezember gemacht. Allerdings haben sie laut Heinz Goldkuhle, dem katholischen Flughafenseelsorger, dort nicht nur geschlafen, sondern auch „gegessen, getrunken, geraucht und uriniert“. Und Kot habe in der Kapelle auch schon aufgewischt werden müssen, berichtet er. Und gestunken habe es so stark, dass sie morgens für den Gottesdienst erst einmal lange hätten lüften müssen.

„Es war oft unerträglich“, sagt Goldkuhle. Deswegen hätten sie gemeinsam mit der evangelischen Seelsorge entschieden, die Kapelle vorerst nachts zu schließen. Er betont, die Entscheidung sei nicht leichtgefallen, zwei Jahre lang hätten sie mit sich gerungen. Aber es sei nun einmal so, dass die Flughafenkapelle in erster Linie für Reisende und Beschäftigte am Flughafen da sei, betont Goldkuhle.

„Wohin? Hallo! Aufwachen! Fliegen Sie irgendwo hin? Hallo?“ Vor mir stehen zwei Männer. Es ist der Sicherheitsdienst. Er wartet auf meine Reaktionsfähigkeit. „Fliegen Sie nun irgendwo hin?“ Ich verneine nach kurzem Zögern, woraufhin sie mir erklären, dass ich hier nicht bleiben könne, weil das ein Gehweg sei. Ich frage, wo ich denn im Flughafen schlafen könne. „Gar nicht“, sagt der Sicherheitsmann, im Flughafen gebe es für mich keinen Schlafplatz, wenn sie mich noch einmal hier anträfen, flöge ich raus. Die beiden Männer warten, bis ich Schlafsack und Isomatte zusammengerollt habe, dann gehen sie weiter.

Ich richte mich auf, blicke die Treppe hinunter auf einen nur 30 Meter entfernten Wartebereich. Dort schlafen mehrere Menschen liegend auf den Sitzreihen. Ich blicke auf die Uhr, es ist halb vier. Rausfliegen? Wegfliegen? Ich glaube, dass ich darüber noch ein Stündchen schlafen sollte und lege mich in den Wartebereich.

Was passiert wäre, wenn ich dem Sicherheitsdienst gesagt hätte, ich sei Fluggast? Fraport-Sprecher Hulick erläutert, die Sicherheitsleute fragten durchaus nach Flugtickets. Die Infrastruktur des Flughafens sei nun mal für Reisende da, auch in der Hausordnung sei das festgehalten. Hulick sagt, es komme „nicht so oft vor“, dass Menschen mit Hilfe der Polizei des Gebäudes verwiesen würden.

„Aufwachen!“ Ein Mann klatscht mehrfach laut in die Hände. Es ist ein Putzmann. Er müsse jetzt hier putzen, sagt er den Aufwachenden im Wartebereich. Ich habe keine halbe Stunde auf den Sitzen geschlafen und beschließe, es woanders erneut zu versuchen, nun auf den Bänken inmitten der Abflughalle B. Auch dort liegen schon zwei Menschen. Ich lege mich dazu und träume von einer Ausweitung des Nachtflugverbots, denn es wird immer lauter, immer mehr Menschen, immer mehr Trubel. Zwei Stunden dösen, mehr ist nicht drin.

Wenig erfolgreich ist auch der Versuch, die öffentlichen Duschen zu benutzen. Die Klofrau will sechs Euro haben für einmal duschen. Im Tagestreff des Diakoniezentrums Weser 5 bekommt man dafür 20 Kaffee. Oder man kann im Franziskustreff zwölfmal frühstücken. Oder am Hauptbahnhof sechsmal die öffentliche Toilette benutzen.

„Wir fahren immer in die Stadt zum Duschen“, sagt Monika. Mit Eugen sitzt sie morgens im Ankunftsbereich des Terminals 1. Beide sind obdachlos, beide heißen eigentlich anders. Eugen berichtet, mit Glück könne man auch am Flughafen durchschlafen. Der Sicherheitsdienst sei nicht jede Nacht unterwegs. Wenn er komme, müsse man eben den Platz wechseln.

Eugen ist 50 Jahre alt. Er lebt noch nicht lange auf der Straße, erst vor einem halben Jahr sei er aus dem Wohnheim geflogen. Er sei ein Sammler, sagt Eugen. Man dürfe ihn auch den „Frankfurter Flaschenfinder“ nennen. Täglich sammele er Pfandflaschen, zwischen 10 bis 15 Euro kämen dabei immer rum, berichtet er.

Monika bestätigt, Eugen finde sehr viele Dinge. Einige Menschen würden sagen, Eugen sei ein „Messie“, berichtet Monika. Sie selbst ist 66 Jahre alt und lebt schon länger auf der Straße. Wie es dazu kam? Das Sozialsystem sei eine Menschenrechtsverletzung, sagt sie. Dann zieht sie eine Weile wild über „das System“ her.

Was sie sich für die Zukunft wünschen? Monika sagt, sie hätte gerne einen Wohnwagen. „Dann kann mich niemand mehr aus meiner Wohnung schmeißen, und ich kann damit einfach abhauen.“

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