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Zero-Waste-Bloggerin Shia Su verbraucht im Jahr zusammen mit ihrem Mann nur dieses Einmachglas an Müll.

Zero-Waste-Bloggerin Shia Su

Rebellin gegen eine Welt voller Abfall

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Die Zero-Waste-Bloggerin Shia Su produziert zusammen mit ihrem Mann nur ein Einmachglas an Müll im Jahr.

Mehr als 90 000 Menschen folgen der Zero-Waste-Bloggerin Shia Su alias Wasteland Rebel auf Instagram. Ihr Buch „Zero Waste - Weniger Müll ist das neue Grün“ ist bereits in der vierten Auflage und vor wenigen Wochen sogar auf Chinesisch für den taiwanesischen Markt erschienen. Wie die 35-Jährige und ihr Mann Hanno so müllfrei wie möglich leben, erzählt die Kölnerin heute Abend in Frankfurt bei der Veranstaltung „Zero Waste – Leben ohne Müll in Frankfurt“ im Haus am Dom. Vorab gibt sie im Interview schon mal ein paar Tipps.

Das Müll-Jahresaufkommen Ihres Zwei-Personen-Haushalts passt in ein Einmachglas. Wie schafft man das, bitte?  
Einfach irgendwo anfangen. Mein Mann und ich sind auch nicht systematisch vorgegangen. „Ab morgen bin ich plastikfrei“ schaffen die wenigsten Leute. Das wäre so als, ob mir jemand sagt: „Ab morgen läufst du einen Marathon.“ Da würde ich auch streiken. Bei uns hat das auch anderthalb Jahre gedauert.

Sie schreiben über sich: „Hey, ich bin Shia, Krümelmonster und faule Socke ohne Selbstdisziplin! Ich suche immer nach den einfachsten Zero-Waste-Lösungen, weil ich kompliziert nicht mag.“ Viele würden jetzt denken: Ist das nicht schon ein Widerspruch in sich – also Zero Waste und unkompliziert? 
Ich bin mir sicher, dass man Zero Waste auch ganz kompliziert machen kann. Mir aber hat Zero Waste sogar geholfen, Sachen zu Hause zu vereinfachen. Früher hatte ich auch sehr viele Fläschchen im Bad stehen. Es gibt eine Studie, die besagt, dass jede Frau sich durchschnittlich am Tag über 500 synthetische Chemikalien auf die Haut schmiert. Wie die meisten habe ich lange geglaubt, man braucht für jedes Körperteil, zu jeder Tageszeit ein anderes Produkt. Damit ist Schluss. Jetzt habe ich im Bad ein Stück Seife, diese benutze ich zum Duschen, aber auch zum Händewaschen und fürs Gesicht. Auch bei Cremes habe ich reduziert: Früher hatte ich eine Gesichtscreme für den Tag, für nachts, eine extra Augencreme, Fußgel gegen Stinkefüße und so weiter. Jetzt aber benutze ich nur noch Öle zum Eincremen.

Was denn für Öle? 
Bio-Öle aus der Küche. Da mische ich Rapsöl, einen kleinen Schuss Olivenöl, Kokosöl und ein bisschen Teebaumöl zusammen. Teebaumöl hilft gut gegen unreine Haut. Drei Öle zusammenkippen dauert keine Minute. Es ist super einfach und deutlich günstiger als Cremes aus der Drogerie. Statt Wattepads habe ich auch angefangen, mir aus Baumwollstoff Abschminkpads zu nähen. Olivenöl ist übrigens auch super zum Abschminken. Die Abschminkpads wasche ich danach direkt mit Seife aus.

Wie fing das mit der Müllreduzierung bei Ihnen eigentlich an? Gab es einen bestimmten Auslöser? 
Das war 2014. Ich war zu dem Zeitpunkt mit meinem Leben und meinen Job als Projektmanagerin bei einer IT-Dienstleistungsgesellschaft sehr unglücklich. Ich wollte mein Leben mehr nach meinen Werten ausrichten. Nachhaltigkeit gehörte für mich auf jeden Fall dazu. Im Arbeitsalltag war ich immer gestresst, habe immer Convenience Food gekauft, was sehr viel Müll produziert hat. Ich habe zuerst meinen Job gekündigt und habe ein Jahr von meinem Ersparnissen gelebt und gekellnert. Nach meiner Kündigung bin ich von vegetarisch ganz auf vegan umgestiegen. Und dann habe ich auf Facebook ein Video von einer Familie in Kalifornien gesehen, die im Jahr zu viert nur noch ein Glas Müll hatte.

Glas oder Stoffbeutel sind die perfekte Plastikalternative für Lebensmittel. 

Wie bitte? Zu viert ein Glas Müll im Jahr? 
Ja, das fand ich auch total irre. Da sah man auch, wie sie sich Cornflakes, Nudeln, Reis an Stationen im Supermarkt abzapften. Mein Mann Hanno hatte damals recherchiert, es gab da erst einen Unverpackt-Laden in Deutschland. Und dieser war in Kiel. Wir haben aber zu dem Zeitpunkt in Bochum gelebt. Das war also leider keine Option. Wir haben klein angefangen und zunächst einfach häufiger daran gedacht, Stoffbeutel mitzunehmen und unser Obst und Gemüse lose im Supermarkt aufs Band gelegt. Irgendwann haben wir aber über ein Kilo Kartoffeln lose aufs Band geschmissen. Da war die Kassiererin nicht ganz so glücklich. Und sie hat schon gemeckert. Wir wollten aber einfach nicht diese blöden Plastiktüten verwenden. So sind wir auf die Idee gekommen, unsere Wäschenetze für BHs und Socken einfach für Obst und Gemüse zu benutzen.

Wie kam diese Idee an? 
Wir haben die Schlange aufgehalten, die Kassiererin war irritiert. Sie sagte: „Ich finde den Barcode von dem Netz nicht.“ Sie dachte, das BH-Wäschenetz wäre ein neues Produkt (lacht). Am Ende waren aber alle begeistert. Mittlerweile gibt es in Bio- und Unverpackt-Läden aber extra Netze für Obst und Gemüse zu kaufen.

Und was sparen Sie in der Küche an Müll ein? 
Mit Baumwolllappen spülen wir das Geschirr. Mein Mann nimmt lieber den Lappen, ich die Spülbürste aus Holz, wo der Kopf austauschbar ist. Diese Spülbürsten gibt es inzwischen auch in Drogeriemärkten. Nur die Ersatzköpfe muss man in den Unverpackt-Läden kaufen. Statt Spüli nehmen wir Olivenöl-Seife.

Wie fing das mit dem Bloggen bei Ihnen an? 
Ich hatte schon in Studienzeiten mit dem Bloggen angefangen. Mit veganen Backrezepten. „Cake Invasion“ hieß mein Blog, mit dem ich auch schon etwas Geld verdiente. Aber dann fing ich eben Jahre später an, da meine Gedanken zu Müllvermeidung niederzuschreiben. Die Leute mussten dann erstmal 200 Zeilen über Palmöl lesen, bis sie das Backrezept lesen konnten (lacht). Dann habe ich das Thema ausgelagert und einen neuen Blog gestartet.

Wieso heißt Ihr Blog denn eigentlich „Wasteland Rebel“? Woher kam die Idee?  
Wasteland hat eine doppelte Bedeutung: Einmal ist es die Einöde. Denn wenn wir so weitermachen, steuern wir auf eine Einöde zu. Und Waste bedeutet zudem Abfall: Wir leben in einem Land der Verschwendung. Und ich bin der Rebel, weil das muss man sich irgendwann nicht mehr geben.

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Aber Wasteland Rebel war zunächst nicht als Geschäftsmodell gedacht?  
Nein, es ging mir wirklich erstmal nur darum, meine Gedanken rauszulassen. Ich hätte auch nie gedacht, dass sich viele Leute wirklich dafür interessieren könnten, wie man sich Haare mit Roggenmehl wäscht …

Ehrlich gesagt klingt sich mit Roggenmehl die Haare zu waschen auch nicht so sexy …  
Das stimmt. Und es hat mich auch sehr viel Überwindung am Anfang gekostet. Aber Roggenmehl mit Wasser und Schneebesen anzumischen, dauert eine Minute. Ich muss auch nicht mehr täglich meine Haare waschen. Denn Shampoo trägt den natürlichen Fettschutz der Haut ab. Die Kopfhaut produziert so auf Hochtouren Öl. Roggenmehl enthält Stärke und bindet Öl und Schmutz, aber eben nicht so heftig und aggressiv wie Shampoo.

Sie benutzen auch kein Toilettenpapier mehr, richtig?  
Nein, wir haben während eines Auslandssemesters in Japan diese supertollen futuristischen Toiletten kennengelernt. Drückt man einen der Knöpfe, fährt sich ein Bidet raus. In unserer Wohnung haben wir nun auch eine fest installierte Bidet-Brause. Ob Zero Waste oder nicht, ich rate jedem, ein Bidet mal auszuprobieren. Denn ein Bidet ist ein Stück Lebensqualität und auch viel hygienischer als Toilettenpapier. Bei den japanischen Toiletten wird der Hintern sogar trockengeföhnt. Diese Funktion haben wir nicht. Wir benutzen zum Hintern-Trocknen einen sauberen Waschlappen.

Vortrag und Zero-Waste-Café

Die Veranstaltung „Zero Waste – Leben ohne Müll in Frankfurt“ ist heute Abend im Haus am Dom, Großer Saal, am Domplatz 3. Einlass ist ab 18.30 Uhr, Beginn um 19 Uhr. Neben Tipps und Tricks von der Kölner Zero-Waste-Bloggerin Shia Su und ihrem Mann Hanno geht es an dem Abend auch darum, was sich in Frankfurt beim Thema Plastikfrei tut. Der Eintritt ist frei. Man sollte rechtzeitig dort sein, denn auf Facebook haben bereits über 1000 Menschen Interesse an der Veranstaltung bekundet. 

Die Macherinnen von Grammgenau berichten über die baldige Eröffnung ( 2. März ) von Frankfurts erstem Zero-Waste-Café in ihrem Unverpacktladen in der Bockenheimer Adalbertstraße 11.

Der Arbeitskreis Plastikfrei des Ernährungsrats Frankfurt gibt zudem einen kurzen Einblick in seine Arbeit. Gesponsert wird der Abend von der FES Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH.  

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