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Auf der Hauptwache in Frankfurt: bunter Widerstand gegen die Konferenz der "Demo für alle".

Demo der Vielfalt und Liebe in Frankfurt

Kraftvoll für Vielfalt und Liebe

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Protest gegen das Symposium der "Demo für alle" in Kelsterbach: Das linke und alternative Spektrum macht mal wieder in Frankfurt mobil, bei der Demo der Vielfalt und Liebe.

Wann immer in Frankfurt gegen rechte Umtriebe demonstriert wird, kommt irgendwann der Hinweis, dass man mit einem breiten Bündnis gegen Rassismus auf die Straße gehe. Meistens stimmt das auch. Aber einen so bunten und diversen Auflauf wie an diesem Samstag hat die Hauptwache lange nicht mehr gesehen. Über den Köpfen einiger Hundert Menschen, die sich vor einem Lautsprecherwagen drängen, wehen Regenbogenfahnen und gestreifte Flaggen in Hellblau, Weiß und Rosa, die von Transgendern benutzt werden – von Menschen also, die sich mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren. Daneben sieht man Luftballons, Konfetti, Einhörner und die Fahnen von Grünen, Linksjugend „Solid“, Pro Familia, Piratenpartei und der Antifa. Die Stimmung ist gelöst, beinahe ausgelassen. Willkommen in Frankfurt.

Nur einige Hundert sind es anfangs, am Ende werden sich 2500 Menschen an der „Demo der Vielfalt und Liebe“ beteiligt haben, zu der ein Bündnis aus Frankfurter Aids-Hilfe und unterschiedlichen Initiativen aus der LGBTIQ-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans, Inter und Queer) aufgerufen hat. Die Kundgebung mit anschließendem Demozug richtet sich gegen die zeitgleich in einem Kongresszentrum in Kelsterbach laufende Konferenz der rechts-evangelikalen „Demo für alle“, die dort gegen die Öffnung der Ehe für Homosexuelle wettert.

Die Menschen auf der Hauptwache sind so vielfältig wie die Organisationen, die sich an dem Protest beteiligen: Junge Lesben mit buntgefärbten Haaren stehen neben alten Frauen mit Regenbogen-Schminke im Gesicht, junge Männer mit Kindern auf den Schultern neben aufwendig geschminkten Dragqueens in Netzstrümpfen und Stöckelschuhen. „Liebe ist Liebe“ steht auf einem Schild. „Wir sind hier, weil wir ein Zeichen setzen wollen gegen das, wofür die ‚Demo für alle‘ steht, gegen Homo- und Transphobie“, sagt eine junge Frau, die drei Freundinnen mitgebracht hat und wie diese eine Regenbogenfahne um ihre Schultern trägt. „Wir stehen für Vielfalt und Liebe, und wir gehören zu denen, die die ‚Demo für alle‘ so fürchtet.“

Inzwischen haben die Reden begonnen. Chris Gaa von der Aids-Hilfe, der die Kundgebung mit koordiniert hat, freut sich, dass die Konferenz der „Demo für alle“ in Kelsterbach stattfindet. „Sie behaupten, die Mitte der Gesellschaft zu sein, aber sie schaffen es nicht einmal in die Mitte unserer Stadt“, ruft Gaa. Die heutige Kundgebung stehe „für eine freie und liebende Gesellschaft“, die „Demo für alle“ schüre dagegen Angst und Feindseligkeit. Gerade in Zeiten des Rechtsrucks sei es wichtig, gegen Diskriminierung aufzustehen, sagt Gaa unter dem Jubel der Menge. „Wer das Jetzt der Ignoranz und dem Hass überlässt, der hat kein Morgen mehr.“

Anschließend geben sich unterschiedliche Redner das Mikrofon in die Hand. Kai Klose (Grüne), hessischer Staatssekretär für Antidiskriminierung, nennt die „Demo für alle“ eine „Demo für Ausgrenzung“ und sagt: „Ihr, die ihr spalten und ausgrenzen wollt, ihr seid eben nicht alle. Hier in Hessen wird Respekt gelebt, und daher findet ihr hier keinen Nährboden.“ Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sagt, Frankfurt sei eine tolerante Stadt. „Aber wir haben keinen Platz, keine Toleranz und kein Verständnis für homophobe Gruppen, Diskriminierung und Ausgrenzung.“ Matthias Janssen vom Lesben- und Schwulenverband Hessen sagt, er wolle „jeder Form von Hass ein deutliches Nein entgegensetzen“. Deutschland erlebe eine „Renaissance der Ressentiments“ durch völkisches Denken, AfD, Pegida und religiöse Fundamentalisten; daher müsse zivile Gegenwehr organisiert werden. Zwei Vertreter der „Rainbow Refugees Frankfurt“ berichten davon, wie es ist, gleich doppelt ausgegrenzt zu werden – durch Homophobie und Rassismus.

Der hessische SPD-Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel weist darauf hin, dass nicht nur die „Demo für alle“, die er für reaktionär halte, die Würde sexueller Minderheiten in Frage stelle, sondern auch Islamisten. „Auch gegen diese Gruppe richte ich mich ausdrücklich“, sagt Yüksel. „Sie wollen unsere pluralistische Gesellschaft zerstören.“ Nargess Eskandari-Grünberg, grüne OB-Kandidatin, fordert, man müsse sich „tagtäglich mit allen Kräften dafür einsetzen, dass unsere Demokratie nicht mit Füßen getreten wird“ – und ruft zugleich zur Unterstützung der aktuellen Proteste im Iran auf. Ihre Konkurrentin Janine Wissler (Linke) ruft, „homophobe, rassistische und reaktionäre Hetze“ dürfe in Frankfurt nicht unwidersprochen bleiben. Kräfte wie die „Demo für alle“ oder die AfD verschöben das politische Klima immer weiter nach rechts, „und das dürfen wir nicht zulassen.“ Die Menge bejubelt alle Reden mit der gleichen Euphorie.

Dann bricht die Demo auf. An die Spitze setzen sich gut 100 Antifa-Aktivisten, von denen die meisten morgens zum Protestieren in Kelsterbach waren. „Wir bleiben unserem Motto treu – queer, pervers und arbeitsscheu“, skandieren sie. Dahinter folgt die ganze bunte Menge, von der Dragqueen bis zum Landesverband Schwule und Lesben in der CDU. Luftballons fliegen, Technobässe dröhnen, und am Hauptbahnhof löst diese selbst für Frankfurt unwahrscheinliche politische Konstellation sich wieder auf. Auf der Kaiserstraße bleiben einige besonders motivierte Leute noch etwas länger, tanzen im Nieselregen und schwenken Regenbogenfahnen. Es läuft ein Song von Beyoncé: „Crazy in Love“.

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