+
Göpferts Runde mit der Tanzpädagogin Johanna Knorr im Tanzstudio

Göpferts Runde

Tanzen ist Freiheit

  • schließen

Die Choreographin Johanna Knorr führt seit 40 Jahren ihr Studio in Frankfurt. Die Frau, die ihr Alter partout nicht verraten mag, ist eine Institution weit über Frankfurt hinaus.

Eine schmale, ruhige Straße im Nordend. Wenig Passanten. Der Klingelknopf ist nicht leicht zu finden. Eine Treppe in den Keller. Noch ein paar Stufen. Klaviermusik ertönt. Ein großer, viereckiger Probenraum mit Parkettboden öffnet sich vor dem Besucher. Ein Klavier in der Ecke, einige Schemel. Eine umlaufende runde Holzstange an den Wänden, die wie poliert wirkt, von unzähligen Händen. Mehr nicht auf den ersten Blick. Das ist das Studio der Choreographin Johanna Knorr. Hier seit 28 Jahren.

„Das ist Bach, ich liebe Bach“, eine knappe Anmerkung zur Musik. Gerade hat sie wieder getanzt, nur für sich, ganz allein. Ein Privileg. Eine seltene Gelegenheit im durchorganisierten Alltag. „Sieben Klassen in der Woche“ unterrichtet sie, „früher waren es 20“. Sie streicht ihre blonden Haare zurück. 1,77 Meter groß, schlank: Die Frau, die ihr Alter partout nicht verraten mag, ist eine Institution weit über Frankfurt hinaus. Seit 40 Jahren unterrichtet sie im eigenen Studio, unzählige Elevinnen und Eleven sind durch ihre Hände gegangen, viele Stücke hat sie inszeniert.

Es fällt ihr schwer stillzuhalten, still zu sitzen. Es drängt sie nach Bewegung. Für den Fotografen gleitet sie gerne durch den Saal. „Ich mag die fließenden, raumgreifenden Bewegungen“, und dann, fast verächtlich: „Ich bin keine Bodenturnerin.“ Ein kritischer Kommentar zu manchen Choreographien der Gegenwart. Die Pädagogin hat viel getan für die Entwicklung des modernen Tanzes in Deutschland. Und grenzt sich doch von Inszenierungen ab, die ihr mehr Akrobatik zu präsentieren scheinen.

Johanna Knorr ist geprägt durch den gesellschaftlichen Aufbruch des Jahres 1968, als überall die jungen Menschen gegen die verkrusteten Verhältnisse revoltierten. Eigentlich hätte die Tochter eines Bäckers aus dem fränkischen Mellrichstadt „die Bäckerei übernehmen und einen Bäcker heiraten sollen“.

So dachten sich das ihre Eltern. Doch Johanna wollte nicht. „Das kam überhaupt nicht infrage.“ Noch heute lacht sie trotzig in der Erinnerung. Sie wollte ausbrechen aus den Verhältnissen in der Kleinstadt. Schon als Kind hat sie „den Tanz im Kopf“. Hört zu Hause Operettenmusik, aber auch populäre Vokalensembles wie etwa die „Comedian Harmonists“. Sonst gibt es wenig Anregungen, ihre Eltern halten Tanzen für kindische Flausen, es war in ihren Augen „hoffärtig“. Der Ausdruck ist ihr noch ganz gegenwärtig.

Doch die Tochter setzt sich durch. Tanzunterricht mit zehn Jahren. Im nahen Bad Kissingen, mit seinen 20 000 Einwohnern und dem Ruf als Kurort geradezu eine mondäne Welt.

Ein Gang durch das Studio. Auf einem Brett über dem winzigen Schreibtisch ein gerahmtes Photo der großen Choreographin Pina Bausch. Und dann die Briefmarken: Sie zeigen ein Konterfei der großen Tänzerin Mary Wigman. Beide haben Johanna Knorr geprägt.

Ihr Aufbruch aus dem heimischen Franken führt Mitte der 60er Jahre zunächst nach Heidelberg, zwei Semester Studium der Psychologie. Doch das bleibt Episode. Viel wichtiger ist etwas anderes: In Heidelberg lernt sie den Satiriker Pit Knorr kennen, damals Mitglied des Studentenkabaretts „Das Bügelbrett“. Das ist so erfolgreich, dass es 1962 und 1963 den ersten Preis des Berliner Kabarett-Festivals gewinnt. Johanna und Pit ziehen um nach Berlin, eines der Zentren der beginnenden Revolte.

Und 1966 in Berlin, „da war Mary Wigman“, sagt Knorr ganz schlicht. Wigman, eigentlich Karoline Wiegmann, ist damals schon eine Tanzlegende. Sie hat den expressiven Ausdruckstanz in der Weimarer Republik zur Weltgeltung gebracht. Und genau der ist es, der die junge Tänzerin aus Franken magisch anzieht. „Klassisches Ballett war mir viel zu reglementiert.“ Knorr tanzt vor bei Wigman. „Sie war 86 Jahre alt, hat aber noch unterrichtet.“ Die alte Dame, fast stets mit Zigarettenspitze beim Unterricht, nickt nur, als Knorr vor ihren Augen improvisiert. Sie ist angenommen.

Während Pit Knorr Kabarett spielt, geht Johanna ganz im Tanz auf. Doch bald ziehen die beiden weiter nach New York. Die Hoffnung des Kabarettisten, an der Universität eine Anstellung zu finden, erfüllt sich nicht, die beiden schlagen sich mit kleinen Jobs durch. Johanna häkelt Mützen. Und sie tanzt. Denn in New York, da ist auch das Studio von Martha Graham, die gerade das klassische Ballett revolutioniert hat: Tanz als Ausdruck innerer Bewegung, als Spiegel der Emotionen. Johanna ist fasziniert. Sie darf bei Martha Graham trainieren, lernt auch andere Studios in der Millionenstadt kennen. Das erotische Element im Tanz Grahams gefällt ihr sehr.

Anstellung bei einer Tanzlegende

Als die Knorrs 1969 nach Frankfurt umziehen, will Johanna ihr tänzerisches Rüstzeug anwenden: „Ich muss das unterrichten“, ist ihr Gedanke. Sie findet eine Anstellung bei einer dritten Tanzlegende: Waltraud Luley. Seit 1950 hatte die gebürtige Hamburgerin mit ihrer Schule in Frankfurt den kreativen Tanz mit geprägt, auch den Kindertanz. Genau das ist es, was Knorr will: „Keine gedrillten, sondern natürliche Bewegungen.“ Gerade die Kinder sollten „ihren freien Willen behalten“ beim Tanz.

Zugleich aber wird die Tänzerin hineingezogen in die wilde Aufbruchzeit Ende der 60er Jahre. Sie schließt sich dem Frankfurter Weiberrat an, in dem sich die Frauen organisieren gegen den Machismo der linken Männer. „Wir wollten endlich zu Wort kommen“, sagt Knorr heute und: „Natürlich waren die Männer sauer.“ Es habe sich aber auch „mehr Verständnis für Frauen“ entwickelt.

Sie demonstriert mit für die Abschaffung des Paragrafen 218, der die Abtreibung verbietet. Sie ist Anfang der 70er Jahre beim Häuserkampf im Westend mit dabei, als sich die Menschen gegen Spekulanten wehren, die Wohnhäuser zugunsten von Bürotürmen plattmachen. Sie lernt die Satiriker kennen, die mit Pit Knorr bald die Neue Frankfurter Schule bilden: Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Chlodwig Poth und andere. 1974, als sie Mutter wird, zieht sich Johanna Knorr aus politischen Aktivitäten ein wenig zurück. „Wir haben die Gesellschaft ein Stück weit verändert“: ihre Bilanz heute.

1976 ist es so weit: Die Tänzerin macht sich selbstständig, eröffnet ihr erstes eigenes Studio in Alt-Bornheim.

Am Anfang sind es gerade die linken Männer, die zu ihr kommen, die politischen Aktivisten und die Künstler – auf der Suche nach ihrem Körpergefühl. Der Kabarettist Matthias Beltz und der Theatermacher Willy Praml sind ihre Schüler, aber auch der Schriftsteller Wilhelm Genazino und der Satiriker Eckhard Henscheid.

Knorr versucht, ihnen zu vermitteln, was sie allen Schülerinnen und Schülern in ihrem Studio mitgibt: Tanzen ist Freiheit. Freiheit des Ausdrucks, Freiheit der Bewegung. „Gerade die Kinder sollen lernen, sich frei zu bewegen, das ist heute wichtiger denn je.“ Heute, da viele Kinder im Zeitalter der Computerspiele immer weniger Körpergefühl besitzen, sich immer weniger bewegen. Im Studio Knorr „muss niemand funktionieren“, anders als in der kapitalistischen Gesellschaft draußen.

Mit dem „Karfunkel“ ausgezeichnet

Die Lehrerin will „meine eigene Freude beim Tanzen weitergeben“. Mit Christian Golusda, Marie-Luise Thiele und Heidi Schmitz-Böhm gründet sie 1979 das Ensemble mit dem wunderbar simplen Namen „Tanz und so weiter“. Bei den Stücken, die sie schreiben, geht es immer auch um gesellschaftliche Wirklichkeit, damals zum Beispiel schon um Ausländerfeindlichkeit in Frankfurt und anderswo. „Wir haben den Alltag vertanzt.“ Das Ensemble macht Furore, tritt im Theater am Turm auf, wird in die israelische Partnerstadt Tel Aviv eingeladen. Immer wieder fährt die Tänzerin nach Wuppertal, um dort von Pina Bausch und ihrem Ensemble zu lernen: „Sie war ein großes Vorbild.“

Besonders liegen der Tanzpädagogin Knorr Kinder und Jugendliche am Herzen. Sie ruft 1993 ein „Junges Ensemble“ ins Leben, das bis 2005 besteht. Etliche Stücke führt es auf, wird 2012 mit dem „Karfunkel“ ausgezeichnet, dem Kinder- und Jugendtheaterpreis der Stadt Frankfurt. Das prämierte Stück „Picknick im Kohlfeld“ steht für Johanna Knorrs Anspruch: Mit der Geschichte der spießigen Familie Kohlweißling, die auf die aufmüpfigen Hummeln trifft, wirbt es für Toleranz im Alltag.

Heute lässt es die Choreographin ein wenig ruhiger angehen, nimmt sich mehr Zeit für Reisen, etwa auf die lnsel Kreta. Und mehr Zeit für die Musik, die sie liebt: den Jazz-Saxofonisten John Coltrane, den brasilianischen Sänger und Gitarristen Milton Nascimento oder die britische Rockband Procul Harum. „Das ist so großartig“, sagt sie mit strahlenden Augen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare