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Abwärtsspirale: Prüfungsangst und Depressionen nehmen bei Studierenden zu.

Prüfungsangst und Depressionen

Pillen gegen den Druck

Psychologe Ulrich Stangier spricht im FR-Interview über Prüfungsängste und Depressionen bei Studierenden.

Herr Stangier, laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse fühlt sich fast jeder deutsche Student gestresst. Können Sie als Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Goethe-Uni diesen Trend bei hiesigen Studenten bestätigen?

Die Frankfurter Universität hat in den letzten Jahren dank der Exzellenz-Initiative und der Studienreform an Renommee gewonnen und strebt ein hohes Niveau in Lehre und Forschung an. Die Schattenseite ist, dass auch der Leistungsdruck auf die Studenten gestiegen ist. Ich kann jedoch nicht feststellen, dass das Stress-Niveau höher ist als an anderen Universitäten.

Auch depressive Verstimmungen haben unter Studenten zugenommen. Woran liegt das?

Eine Ursache hier liegt sicher in den besonderen Anforderungen. In dieser Phase ist die Entwicklung einer eigenen Identität und eigener Lebensziele, der Umgang mit den Rollenerwartungen an Erwachsene, eine wichtige Aufgabe. Insofern sind Lebenskrisen eine „normale“ Erscheinung. Aber auch die großen Belastungen, die mit der Organisation des eigenen Studiums, dem Leistungsdruck und Konkurrenzkampf verbunden sind, und die hieraus resultierenden Versagensängste und mangelndes Selbstwertgefühl sind Gründe dafür, dass Antidepressiva verstärkt bei Studierenden verschrieben werden.

Spielt die Studienreform zum Bachelor und Master eine Rolle?

Aufgrund der höheren Dichte von Prüfungen und dem stark verschulten Studienablauf lastet auf allen Studierenden ein größerer Druck, der auch zu verstärkten Prüfungsängsten führt. Prüfungsängste sind die häufigste psychische Störung bei Studierenden. Es gibt aber auch Studenten, und das sind nicht wenige, die darüber hinaus eine Angststörung entwickeln. Dabei spielen etwa soziale Ängste eine Rolle. So sieht man sich zum Beispiel nicht mehr in der Lage, in einem Seminar vor anderen zu sprechen oder ein Referat zu halten, aus Angst sich zu blamieren. Es gibt Studierende, die permanente Sorgen haben, dass sie in ihrem Leben keinen Erfolg haben, und einen sozialen Abstieg befürchten, weil sie die Anforderungen nicht erfüllen und dann keinen Job finden. Natürlich ist auch der Konkurrenzkampf bei Studierenden größer geworden. Das geht bei der Zulassung zum Studium los und setzt sich fort, etwa beim Übergang von Bachelor- zu Masterstudiengängen, wo die Note zählt und man versuchen muss, einfach besser zu sein als die meisten anderen.

Immer mehr Studenten nehmen vor Prüfungen Psychopharmaka ein. Wie gefährlich ist das?

Es gibt nicht wenige Studierende, die leistungssteigernde Medikamente nehmen, etwa Antidementiva. Diese steigern die Hirndurchblutung und sind eigentlich für Demenzkranke entwickelt worden. Da diese Präparate nicht verschreibungspflichtig sind, werden sie teilweise unkontrolliert und ohne Rücksicht auf bislang unerforschte Langzeitfolgen eingenommen, um Konzentrationsfähigkeit und geistige Leistungsfähigkeit zu steigern. Eine weitere Gruppe von Medikamenten, Tranquilizer, werden teilweise auch ohne Verschreibung regelmäßig geschluckt, um Angstsymptome zu lindern. Eine mehrwöchige Einnahme kann bereits zu Medikamentenabhängigkeit führen, die unter ärztlicher Aufsicht behandelt werden muss.

Welche Erfahrung haben sie mit Studenten der Goethe-Uni?

Es kommt immer wieder vor, dass sich Studierende an mich wenden, weil sie jemanden suchen, der ihnen einen Rat gibt, wie sie mit psychischen Problemen umgehen oder wo sie eine Therapie finden könnten. Allerdings fällt es nach wie vor vielen Studierenden schwer, solche Probleme zuzugeben, weil sie sie als Schwäche und Versagen empfinden. Neben persönlichen Problemen wird die Studienbelastung als häufige Ursache genannt. Wenn noch andere Belastungsfaktoren hinzukommen, wie etwa Trennungssituationen oder die Anforderungen von alleinerziehenden Studierenden, ist die Gefahr groß, dass sich Erschöpfungszustände, ein Burnout-Syndrom, entwickeln.

Wie kann man konkret helfen?

Es gibt verschiedene Ansätze. Wenn Ängste eine wichtige Rolle spielen, gibt es neben Beratung und Therapie verschiedene Techniken, Entspannungsübungen und Stressbewältigungstrainings, die sich Studierende aneignen können. Diese werden teilweise auch an Institutionen wie Volkshochschulen angeboten. Bei depressiven Symptomen gibt es eine ganze Reihe von Grundsätzen, die helfen, diese besser zu überwinden. In den letzten Jahren hat sich zunehmend gezeigt, dass Meditation gerade bei Depression eine eindeutig positive Wirkung hat.

Wann sollten Studenten psychologische Hilfe annehmen?

Wenn die Probleme so groß sind, dass sie den Lebensalltag dauerhaft und deutlich beeinträchtigen. Wenn man nicht mehr dem Studium nachgehen kann, soziale Anforderungen nicht mehr gelöst werden können, oder auch die Gesundheit beeinträchtigt wird. Zuerst kann das in so einem Fall eine begrenzte Beratung sein, aber in vielen Fällen wird das wohl nicht ausreichen. Dann wäre eine psychotherapeutische Behandlung notwendig.

Das Interview führte Björn Eenboom

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