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Beim Pilgern kann man schon mal die Orientierung verlieren, aber nie die Besinnung.

Frankfurt

Pilgermesse in Frankfurt: Pilgern geht nicht nur zu Fuß

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„Vamonos 2020“ - die Frankfurter Pilgermesse beweist, dass Gottes Wege nicht mehr alleine für Schusters Rappen offen sind.

Es sind erst wenige Wochen vergangen, seit die IAA sich mit einem leicht beleidigten „Ich bin dann mal weg“ gen sonst wo verabschiedet hat. Muss man sich um Frankfurts Zukunft als Messestadt Sorgen machen? Mitnichten! In Niederrad wird am Samstag eine Messe abgehalten, die sich ebenfalls mit Mobilität befasst. Und die auf erneuerbare, weil spirituelle Energie setzt: „Vamonos 2020 – die 3. Frankfurter Pilgerbörse“ unter dem Motto „You’ll never walk alone“ im Gemeindezentrum der Mutter vom Guten Rat.

In den vergangenen Jahren ist Pilgern zunehmend trendiger geworden. Zeitgeistigen Pilgerplunder wie den Pilgerstab mit integriertem Selfie-Stick oder eine Marienerscheinungs-App auf Pokemon-Go-Basis findet man auf der Messe – Gott sei dank – nicht. Die Offenbarung des Johannes als Hörbuch-to-go, gelesen von Franz-Peter Tebartz-van Elst, leider auch nicht. Immerhin gibt es für lau kleine Buttons, die die Trägerin als „#pilgerin“ oder „#wallfahrerin“ ausweisen, die es gendergerecht auch im Maskulinum gibt, und eine Pflasterbox mit Gottessegen für alle Geschlechter. Zudem stellen sich jede Menger Pilgerpfade einem ohnehin bereits bestens informierten Publikum vor.

Allen voran der Jakobsweg, die Haute Route der Wallfahrer, von Pilgern zwecks Entschleunigung auch gerne Jakobusweg geheißen. Der ist gleich mit mehrerer Ständen vertreten, von denen jeder behauptet, den schönsten Teil des Jakobswegs gepachtet zu haben.

Pilgermesse in Frankfurt: Bücher über Buße

Viele Pilger glauben, ein Buch über ihre Reise auf dem Jakobsweg schreiben zu müssen, um Bonus-Buße zu tun. Andere glauben, man büße bereits genug, wenn man die Bücher lese. Wobei es nicht nur Jakobsweg-Reiseberichte sind, unter denen sich der Büchertisch auf der Messe biegt. Da ist auch noch der „Barrierefreie Pilgerführer durch die Pfalz“, „Die kleine Pilgerbibel“ im Jakobsmuschelformat und „Der Pilger – Magazin für die Reise durch das Leben“.

Im Glanz des Jakobswegs wollen sich viele sonnen. „Drei Elisabethenpfade führen nach Marburg“, wird an einem Stand die Regionalliga der Pilgerpfade beworben, nicht ohne einen fast verzweifelten Verweis auf die Champions League: „Von Eisenach nach Köln sind sie auch Jakobuswege!“ Welcher denn der schönste der drei Pfade sei, will eine Besucherin wissen. „Schön sind sie alle“, sagt der Mann hinter dem Stand, „aber der Kölner hat am meisten Steigungen.“ Nebenan lobt ein Mann, laut Namensschild „Pilgerbegleiter und Entspannungspädagoge“, südländische Saumseligkeit, die komfortable Pilgerpfade schaffe. Denn wahrlich: „Wenn der Spanier eine neue Straße baut, lässt er die alte einfach liegen.“ Nebenan wird der „Lutherweg 1521“ beworben, der von der Wartburg nach Worms auf so herrlichen Pfaden führt, dass wohl selbst der lauffaule Ausnahmereformator bei seinem Anblick „Hier gehe ich, ich kann nicht anders!“ gejauchzt hätte.

Pilgermesse in Frankfurt: Wer Gott suchen will, braucht festes Schuhwerk

Bei den Messebesuchern handelt es sich größtenteils um Fachpublikum. Die meisten kennen sich, weil sich irgendwann irgendwo in Europa schon einmal ihre Fußwege gekreuzt haben. Man tauscht Fotos aus, bedankt sich für bereits gesendete, verabredet vor Ort gemeinsame Touren.

Per pedes pilgern zu müssen, ist übrigens kein Dogma mehr. Mit „Radfahren und pilgern auf der Bonifatiusroute“, rät in Gestalt des Bistums Limburg der Klerus zum Radl. Ein Plakat auf der Messe wirbt für „Pilgern als Paar“, das daneben für „Pilgern mit dem Esel“. „Wo ist der Unterschied?“, mag sich manche #pilgerin/wallfahrerin da fragen, und Gott kennt die Antwort, aber wer ihn suchen will, braucht festes Schuhwerk. Und ein „Pilgerstempelbuch“.

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