+
Viele Bücher warten darauf, gelesen zu werden (Symbolfoto).

Börsenverein des Deutschen Buchhandels

"Das Buch behauptet sich"

  • schließen

Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, spricht im FR-Interview über das Lesen und den Kampf ums freie Wort.

Alexander Skipis (63) ist seit 2005 Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Zuvor war er unter anderem Büroleiter der Frankfurter OB Petra Roth.

Herr Skipis, wenige Tage vor der Frankfurter Buchmesse wird öffentlich wieder einmal der Tod des stationären Buchhandels beschworen. Wie ist die aktuelle Lage?
Bereits mit Aufkommen des Hörfunks und des Stummfilms im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts haben etliche das Ende des Buches und des Buchhandels prophezeit.     Das trat bekanntermaßen nicht ein. Es gibt Veränderungen im Buchhandel, der Markt konsolidiert sich, die Vertriebswege differenzieren sich. Aber der Buchhandel ist zukunftsfähig und er hat Zukunft.

Tatsache ist aber, dass die Zahl der Buchhandlungen schrumpft.
Ja. Doch wir haben rund 6000 Buchhandlungen in Deutschland. Weltweit ist das eines der dichtesten Netze. Und 70 Schließungen standen im letzten Jahr knapp 50 Neueröffnungen gegenüber.

Geht der Umsatz im Buchhandel zurück?
Nein. Der Gesamtumsatz der Branche ist im vergangenen Jahr um ein Prozent gestiegen. Das stationäre Geschäft ist leicht rückläufig, dafür setzt der Buchhandel online mehr um. Wir halten den Branchenumsatz seit etwa zehn Jahren stabil.

Wie sieht es in diesem Jahr aus?
Im Moment, also bis August, ist der Gesamtumsatz ausgeglichen, der stationäre Handel etwas unter dem Vorjahr. Aber wir erwarten starke Bestseller im Herbst und es steht noch das Weihnachtsgeschäft bevor, das einen großen Anteil an unserem Umsatz hat. Wir erwarten keinen Einbruch beim Umsatz, im Gegenteil.

Die Kollegin Sandra Kegel hat in der „FAZ“ beschrieben, dass die Vertreter der Verlage auf verzweifelte Buchhändler treffen.
Ich will nichts schönreden. Der Veränderungsprozess, in dem wir uns befinden, ist für die Branche auch schmerzhaft. Aber 47 Prozent des Buchumsatzes werden noch in Buchhandlungen gemacht. Sie sind der bedeutendste Vertriebskanal für Bücher. Wir müssen differenzieren.

Es wird bezweifelt, dass die Bücher, die gekauft werden, auch gelesen werden.
Diese Zweifel tauchen immer wieder auf. Ich halte mich an die Fakten. 75 Prozent der Bürgerinnen und Bürger ab elf Jahren lesen in Deutschland Bücher, das belegt eine Studie aus dem Jahr 2016. Immerhin 60 Millionen haben 2015 ein Buch pro Jahr gelesen und 30 Millionen haben zehn und mehr Bücher pro Jahr gelesen. In den zurückliegenden zehn Jahren sind die absoluten Nichtleser von 20 auf 25 Prozent gestiegen. Das ist nicht schön. Aber das Buch behauptet sich gegen große Medienkonkurrenz. Wir kämpfen dafür, dass das Buch Leitmedium bleibt und einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt unserer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft leistet.

Wie hat sich das E-Book entwickelt?
In Deutschland hatte das E-Book im Jahr 2016 4,6 Prozent Umsatzanteil am Publikumsmarkt. In den ersten zwei Quartalen dieses Jahres ist der Absatz von E-Books weiter gestiegen, während der Umsatzanteil gegenüber dem Vorjahreszeitraum konstant blieb. Auch in den USA, in denen E-Books schon um die 25 Prozent Umsatzanteil hatten, ist der große Hype vorbei. Der Anteil liegt dort aktuell bei 20 Prozent. Aber die Entwicklung wird sicher weitergehen, es wird noch große Veränderungen im Buchhandel geben. Wir sind vorbereitet. Zwei Drittel der Buchhandlungen verfügen mittlerweile über einen Onlineshop, in dem Sie rund um die Uhr einkaufen können.

Sie haben den Kampf für die freiheitliche Gesellschaft angesprochen. Die Meinungsfreiheit und die Freiheit, zu publizieren, ist bedrohter denn je.
Als Buchbranche sehen wir es als unsere Pflicht an, für Meinungsfreiheit und eine freie Gesellschaft einzutreten. Unsere Petition Free Words Turkey hatten im letzten Jahr im Nu 140 000 Menschen unterzeichnet. Nur 13 Prozent der Menschheit haben Zugang zu freien Medien. 87 Prozent werden mehr oder weniger manipuliert. Die Despoten dieser Welt fürchten nichts mehr als das frei gesprochene Wort. Das können wir an der Türkei sehr gut sehen. Die Politik scheint nicht in der Lage zu sein, dagegen etwas zu tun.

Sie beklagen die Untätigkeit der Bundesregierung.
Ja. Wir dürfen die Menschenrechte nicht zum Verhandlungsgegenstand mit Despoten machen. Nehmen sie das Beispiel Saudi-Arabien. Da werden die Menschenrechte mit Füßen getreten. Da sitzt der Blogger Raif Badawi seit 2013 in Haft, nur weil er von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat.

Aber die Bundesregierung macht Rüstungsgeschäfte mit Saudi-Arabien.
Das verurteile ich. Das zeugt meiner Meinung nach nicht von Haltung. Wir müssen auch in Gesprächen mit Despoten unsere Werte kompromisslos vertreten. Die letzte Ausfuhrgenehmigung für Waffen nach Saudi-Arabien gab es im Juni 2017.

Sie laden zur Buchmesse wieder bedrohte Autorinnen und Autoren aus der Türkei ein, wie etwa Asli Erdogan.
Ja, wir wollen diesen Stimmen Gehör geben. Sie sind uns gleichzeitig Vorbild. Wir brauchen in Deutschland einen aktiven Kampf für Werte wie die Meinungsfreiheit. Asli Erdogan ist eine mutige Frau. Wir hoffen, dass sie zur Buchmesse kommen kann.

Aber wir haben einen Deal mit der Türkei, der uns die Flüchtlinge vom Leib hält.
Und dafür werden Menschenrechte verraten. Dieser Deal ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Solche Abkommen auf Kosten unserer wichtigsten Werte zu verhandeln, das darf nicht sein.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare