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Dritte Autorin in Folge: Ruth Schweikert schraubt die Plakette am Stadtschreiberhaus an.

Frankfurt-Bergen-Enkheim

Ruth Schweikert zieht ins Stadtschreiberhaus

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Die neue Stadtschreiberin Ruth Schweikert stellt sich im Festzelt von Bergen-Enkheim vor. Auch wenn sie ihr Stadtschreiberhäuschen nicht für die Vertriebene öffnen kann, soll zumindest ein „Freitagsessen“ zur regelmäßigen Einrichtung werden – „wenn ich hier in Bergen-Enkheim bin“.

Die Mauern stehn/Sprachlos und kalt, im Winde/Klirren die Fahnen.“ Ruth Schweikert, die neue Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim, hat die berühmten Zeilen Hölderlins am Freitagabend frei hergesagt. Der große, fremde Dichter als Gewährsmann in Tagen der „humanitären Notlage“, eines beispiellosen, sich täglich verschärfenden Szenarios. Einem ersten Impuls folgend, so die in Zürich lebende Autorin, habe sie Flüchtlingen das ihr für ein Jahr zur Verfügung stehende Stadtschreiberhaus überlassen wollen. Eine Geste, die im voll besetzten Festzelt am Berger Marktplatz mit Applaus bedacht wurde.

Auch im 42. Jahr dieser deutschlandweit ältesten Literaturwürdigung ihrer Art bewährte sich die charmante Mixtur aus handfester Volkstümlichkeit und freigeistiger Ungebundenheit. Da ergänzen sich der von Frankfurts Stadtrat Felix Semmelroth gelobte „vorzügliche Pflaumenkuchen“ und tropfende Schoppengläser aufs Sinnigste mit Max-Frisch-Zitaten und der unerhörten Wendung des „sich Vergemeinschaftlichen“.

Diese geistige Preziose hatte Fest- und Zeltredner Heinz Bude im Gepäck. Der Soziologe machte – dem Anlass durchaus angemessen – das Lachen zum Gegenstand analytischer Betrachtungen. Niederschmetternd das Ergebnis, nichts, was mit einem befreienden Gelächter zu kommentieren wäre. Längst vergangen die Zeit, in der „das lachende Volk ein unbeherrschbares“ gewesen ist. Heute „leben wir in einem Land des Lächelns“ – Ausdruck der Distanziertheit, der Überlegenheit, des Neoliberalismus.

Unter dem augustwarmen Bergener Abendhimmel war es jedenfalls kein allzu weiter Weg von „unserer ironischen Lebensweise“ bis zu Hölderlins klirrenden Fahnen. Nachdem der goldene Schlüssel zur Oberpforte übergeben war, erzählte Ruth Schweikert von ihrer Mutter als einer „Grenzgängerin“, den Gastarbeiterkindern in der Schweizer Neu-Heimat, dem Gefühl des eigenen Fremdseins als unehelich zur Welt Gekommene. Und imaginierte das von konzentriert lauschendem Publikum bevölkerte Marktzelt als Flüchtlingszelt, sprach von „Herausforderungen, die wir annehmen müssen“. Auch wenn sie ihr Stadtschreiberhäuschen nicht für die Heimatvertriebenen und Schutzsuchenden auftun kann, soll zumindest ein „Freitagsessen“ zur regelmäßigen Einrichtung werden – „wenn ich hier in Bergen-Enkheim bin“.

Dea Loher, die Vorgängerin im Amt, war nicht oft vor Ort. In der Stunde des Abschieds berichtete die Förstertochter und Heiner Müller-Schülerin noch einmal von jener Molly Bowman, die es einst aus dem England Virginia Woolfs nach Bergen bei Frankfurt verschlagen haben soll. Während ihrer Antrittsrede vor einem Jahr hatte sie ihre neuen Nachbarn zur Suche nach der rätselhaften, angeblich mit einem Schneider liierten Frau aufgerufen. Am Ende wurde alles zu Literatur, zu Traum und Gespinst. Es hätten sich Briefe ohne Absender aus Bad Nauheim eingestellt. Auf dem Anrufbeantworter sei ein „Sind wir nicht alle Molly?“ gelandet, ein Busreisender habe nach „Senckenberg“ und auf einen Herrn Schneider – „Spezialist für Schrumpfköpfe“ – verwiesen. Dass Dea Loher noch einiges unter dem Berger Hang zu klären hat, glaubt man gerne. Sie versprach, wiederzukommen.

Gekommen waren aber zwei frühere Amtsträger, die mit viel Beifall begrüßt wurden und den Schweizer Abend komplettierten: Peter Bichsel und Peter Weber, bejubelt und unvergessen. Sie erinnerten auch an vergangene Zeiten, als männliche Autoren noch vorrangig Schlüsselträger waren.

Mit Ruth Schweikert erhält nun die dritte Wortkünstlerin in Folge den beliebten Stadtschreiberpreis. Nur einmal hat sich ähnliches im schönen Bergen ereignet: Zwischen 1987 und 1990 dominierte das Dreigestirn Hahn/Demski/Lange-Müller das Geschehen an der Oberpforte. Dann kam Heinz Czechowski. – Kurzum: In einem Jahr wissen wir mehr.

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