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Peter Kraus vom Cleff: Antreiber und Mahner

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Peter Kraus vom Cleff ist Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.
Peter Kraus vom Cleff ist Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. © Monika Müller

Peter Kraus vom Cleff ist Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Als Buchmessenmanager will er die „digitale Transformation“ und Themen wie Nachhaltigkeit vorantreiben, erwartet aber einen „frostigen Herbst“ für die Branche.

Die Zeiten könnten stürmischer nicht sein. Ein Angriffskrieg in Europa, Inflation, Energieknappheit, Corona-Pandemie, Klimawandel. Für Peter Kraus vom Cleff ist es die erste Frankfurter Buchmesse in seiner neuen Funktion. Als Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels trägt er Verantwortung für mindestens 4500 Mitglieder: Verlage, Großhandel, Buchläden. Der 54-Jährige wirkt entspannt, spricht ruhig, aber nachdrücklich. Gleich am Anfang fällt ein Satz, der viele Herausforderungen bündelt: „Uns steht ein frostiger Herbst bevor.“

Der frühere kaufmännische Geschäftsführer des Rowohlt-Verlags kennt das Buchgeschäft seit mehr als 20 Jahren. Er kommt rasch auf den Punkt. „Selbst diese widerstandsfähige Branche braucht nun staatliche Unterstützung.“ Die müsse „schnell und verwaltungsarm ankommen“. Die Zahlen des Börsenvereins sind eindeutig: In den ersten neun Monaten 2022 lag der Umsatz in den Läden um 8,7 Prozent unter dem im Vergleichszeitraum 2019, also des letzten Jahres vor Corona. Aktuelle Krisen verstärken langfristige Trends: Die Zahlen der Leser:innen und Buchkäufe sinken.

Kraus vom Cleff ist kein Alarmist, sondern einer, der Worte sorgfältig wägt. Er zitiert die Bundesministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth (Grüne): „Kulturpolitik ist auch Sicherheitspolitik.“ So schnell wie möglich will der Manager mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) über staatliche Hilfe sprechen. Aber das wollen gegenwärtig viele.

In der schwierigen Lage behaupten sich kleine „Kiezbuchhandlungen“ am besten. Kraus vom Cleff weiß, dass Flächen im Handel kleiner werden. Es bleibe aber dabei: „Menschen für Literatur zu inspirieren und ihnen zu helfen, das für sie passende Buch zu finden, das leistet der Buchhandel vor Ort.“ Der Hauptgeschäftsführer will die Nachhaltigkeit und die „digitale Transformation“ in der Buchbranche vorantreiben.

Ein wichtiger Fortschritt sei es, dass Bücher verkauft würden, ohne in Plastikfolie eingeschweißt zu sein: „Das hat sich durchgesetzt, das ist eine große Leistung der Branche.“ Bei den Auflagen soll es keine Fehldispositionen mehr geben, die liegen bleiben, im Zwischenhandel keine Retouren nicht verkaufter Bücher. In Buchläden will er energiesparende LED-Lampen. Kraus vom Cleff verteidigt die Ökobilanz der Frankfurter Buchmesse, die etliche Reisen provoziert: „Sie ersetzt viele andere Termine.“

Überhaupt die Messe, noch das größte Medientreffen der Welt. 2019, bei der letzten Ausgabe vor Corona, kamen 7100 Verlage aus 110 Ländern. Aktuell zeigten die Anmeldungen 70 Prozent des damaligen Niveaus: „Eine unglaubliche Leistung des Teams.“ Aus der Volksrepublik China kommen wegen der strikten Corona-Politik des Landes keine Gäste, aus Osteuropa und Lateinamerika sind es weniger als sonst.

2021 hatte es Aufregung gegeben, weil eine schwarze Autorin behauptete, Menschen ihrer Hautfarbe seien auf der Buchmesse nicht willkommen. Sie boykottierte die Veranstaltung, andere schlossen sich an. Es ging auch um die Präsenz eines rechtsextremen Verlags, der in einem Podcast Journalisten bedroht hatte. Kraus vom Cleff hat viele Gespräche mit verschiedenen Gruppen geführt. Ein Ergebnis: Auf der Messe wird es einen Stand des Bunds für Antidiskriminierungs- und Bildungsarbeit geben. Dort können alle Hilfe suchen, die sich bedroht fühlen. Aber es bleibe dabei: „Solange sich jemand anmeldet, der nicht gegen geltendes Recht verstößt, müssen wir ihn zulassen.“

Der Manager beteuert zugleich, er nehme Ängste sehr ernst: „Es macht uns betroffen, wenn sich jemand auf der Buchmesse nicht wohlfühlt.“ Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine wirft einen großen Schatten. 40 ukrainische Verlage werden sich in der Halle 4 versammeln, trotzig die kulturelle Identität des Landes demonstrieren. Kraus vom Cleff hofft auf viele neue Übersetzungen ukrainischer Bücher.

Sein Vorgänger Andreas Skipis hatte sich sehr für Meinungsfreiheit und für verfolgte und inhaftierte Autorinnen und Autoren eingesetzt. Sein Nachfolger will das fortführen. Auch die von Skipis initiierte „Woche der Meinungsfreiheit“ soll es 2023 wieder geben. Vom 3. bis 10. Mai im Zeichen eines besonderen Jubiläums: 90 Jahre wird es dann her sein, dass in der Nazizeit Bücher verbrannt wurden.

Peter Kraus vom Cleff liest trotz der Fülle seiner Termine viel. Gerade steckt er im „Himmel über Charkiw“, dem Kriegstagebuch des ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan, der jetzt in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. „Es ist ein sehr eindrückliches Buch.“ Zuvor hat er „Der letzte weiße Mann“ des pakistanischen Autors Mohsin Hamid beendet. Der schildert, wie immer mehr Menschen ihre weiße Hautfarbe verlieren, bis der letzte Weiße stirbt. „Ein toller Appell an die Mitmenschlichkeit und den Abbau von Vorurteilen.“

Zum Alltag des Managers gehört Zeitungslektüre. Im Büro als E-Paper, zu Hause als Papierausgabe. Er liebt es, den britischen „Guardian“ zu lesen: „beglückend“.

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