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Qualitätskontrolle von Mitgründerin Claudia Frick (v.l.), Reyhane Heidari und Mansoureh Kazemi.

Stitch by Stitch

Mode mit Sinn

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Die Schneiderei Stitch by Stitch, die geflüchtete Frauen ausbildet, ist auf Wachstumskurs und hat eine erste eigene Kollektion entwickelt.

Die Räume sind größer geworden, die Mitarbeiter mehr, und inzwischen arbeiten die Schneiderinnen der Frankfurter Werkstatt Stitch by Stitch an einer eigenen Kollektion. „Wir haben uns von 50 auf 200 Quadratmeter erweitert“, sagt Geschäftsführerin Nicole von Alvensleben. 

Die Kommunikationsdesignerin von Alvensleben hat mit der Maßschneiderin und Mode-Designerin Claudia Frick vor gut zwei Jahren das Sozialunternehmen Stitch by Stitch gegründet, was auf Deutsch so viel heißt wie „Stich um Stich“. 

Ihr Ziel: Geflüchteten Frauen Arbeit zu geben und gleichzeitig kleinen deutschen Modelabels die Möglichkeit zu bieten, hierzulande produzieren zu lassen. Prototypen, Musterkollektionen oder kleine Serien. Made in Germany von Neuankömmlingen sozusagen. „Früher nannte man das, was wir machen ‚Zwischenmeisterei’“, sagt Frick.

Die ersten beiden Auszubildenden sind noch dabei, inzwischen ist das Team auf neun Auszubildende angewachsen. 

Eine von ihnen ist die 26-jährige Afghanin Mansoureh Kazemi. Sie trägt eine dunkle enge Hose, ein hellblaues Jeanshemd und ein lockeres hellbraunes Kopftuch. 2015 ist sie von Teheran über die Türkei, Griechenland und Österreich nach Deutschland geflüchtet; durch Ungarn marschierten sie, ihr Mann und der damals achtjährige Sohn, mehr als zehn Tage zu Fuß. 
Heute ist sie im dritten Lehrjahr, ihr Deutsch ist gut, gerade arbeitet sie an einem Tunikakleid, das Teil eines Auftrags einer deutschen Designerin ist. 

„Seit unserer Gründung haben wir mehr als 300 Kundenanfragen gehabt“, sagt Produktionschefin Frick. „Doch die Hälfte davon finden uns zu teuer – obwohl unsere Handwerkerstunde mit 25 Euro knapp kalkuliert ist.“ Und von Alvensleben ergänzt: „Manche verwechseln uns mit einer Behindertenwerkstatt. Wir sind aber sowohl vom Niveau wie auch vom Preis her woanders.“ Auf der Fashion Week in Paris zum Beispiel, auf der ein israelischer Kunde von ihnen gefertigte Hemdblusen für Männer präsentiert hat. 

Der Einsatz bei Stitch by Stitch ist für alle Beteiligte hoch. Die Auszubildenden haben neben ihrer praktischen Arbeit in der Werkstatt und der Berufsschule wöchentlich drei Stunden Deutschunterricht im Betrieb, drei Stunden Fachsprache für Fremdsprachler in der Berufsschule, und und die meisten von ihnen haben zudem Kinder. Außerdem noch anderthalb Stunden Nachhilfe für die Berufsschule dazu. 

Die Gründerinnen ihrerseits nehmen nicht nur in Kauf, dass die Mitarbeiterinnen während der Arbeitszeit Deutsch lernen und zur Nachhilfe gehen, sondern organisieren diese Angebote teils aktiv für ihre Angestellten.

Und auch Deutschlehrer Rainer Vollmar ist mit vollem Einsatz dabei. Zunächst als Ehrenamtler gestartet, stellt der freiberufliche Lektor heute einen Teil seiner Stunden in Rechnung. Dabei ist die Arbeit mit den Frauen aus Syrien, Afghanistan und Madagaskar auch eine Bereicherung für ihn. „Das macht mir wahnsinnig viel Spaß“, sagt er. 

Zwei Gruppen unterrichtet er: die größere mit fünf Frauen, die bereits in etwa auf dem Niveau sind, wie es Arbeitgeber bei Einstellungen verlangen. Und die kleinere Gruppe mit zwei Frauen, die noch auf Anfangsniveau sind. Eine von ihnen habe sogar in Deutschland überhaupt erst Lesen und Schreiben gelernt, sagt er.  Einer anderen Schülerin habe der Ehemann den Deutschunterricht verbieten wollen – doch ohne Erfolg. Beide Gruppen unterrichtet Vollmar jeweils zwei Mal in der Woche anderthalb Stunden. 

„Wenn man die Sprachbarriere miteinbezieht, ist diese Ausbildung sehr hart“, sagt Vollmar. Die Frauen hätten so viele Aufgaben zu bewältigen wie es ein normaler Mensch gar nicht schaffen könne. In Sachen Sprache ist es ihm vor allem ein Anliegen, seine Schülerinnen fit für das Leben in Deutschland zu machen. Dass das für die Gründerinnen von Stitch by Stitch zur Ausbildung dazugehört, findet er ebenso lobenswert wie wichtig. 

Aus Fortbildungen weiß er, dass das nicht immer so ist. „Allgemeiner Deutschunterricht fehlt in vielen Ausbildungen von Migranten“, sagt er. Zwar stehe dann die Vermittlung von Fachsprache auf dem Programm, schon bei der Frage nach der Uhrzeit kämen aber viele ins Stottern. „Deswegen übe ich diese Alltagssituationen ganz gezielt“, so Vollmar. 

Die junge Kazemi kommt aus einer Schneiderfamilie, ihr Vater, inzwischen auch in Deutschland, unterstützt ihre Entscheidung eine eigenständige Ausbildung zu machen. Wie das für sie ist? Schwierig. Vor allem am Anfang sei es sehr hart gewesen, sagt sie. Inzwischen gehe es schon besser. Wenn sie im kommenden Jahr mit der Ausbildung fertig wird, dann möchte sie zunächst einmal Pause machen, sagt sie. Pause von der Arbeit? Nein, nein. Pause vom Lernen. Einfach nur Arbeiten. Später dann, will sie noch Englisch lernen und einen Führerschein machen, sagt sie. 

Ein Jobangebot zumindest hat sie schon. In ihrem Ausbildungsbetrieb Stitch by Stitch. Der nämlich soll nach dem Willen der Gründerinnen weiter wachsen. Ziel ist ein Betrieb mit 25 Schneiderinnen. Das Übernahmeangebot, so Frick, gelte auch für die anderen Azubis. „Das ist unser festes Team so wie es ist“, sagt sie. Das werde auch übernommen. 

Die Nachfrage für ihr Wachstum sehen Frick und von Alvensleben. Dennoch gelte es auch, unabhängig von staatlicher Unterstützung zu werden. Aktuell bekommt Stitch by Stitch noch Geld von der Frap-Agentur, die im Auftrag der Stadt Frankfurt Arbeitsplätze fördert. 

Neben Auftragsarbeiten gibt es aber auch schon weitere Ideen. Die eigene Kollektion etwa.

Gerade haben die Mitarbeiter der Werkstatt eine erste Mantelkollektion herausgebracht – mit der Designexpertise und den unterschiedlichen kulturellen Einflüssen des ganzen Teams und gefertigt aus nachhaltigen Stoffen wie Sympatex aus recycelten PET-Flaschen oder Biobaumwolle. Vertrieben wird zunächst lokal in der Werkstatt in Bornheim, am Online-Vertrieb arbeiten sie gerade.

Außerdem ist da die Idee, Workshops für junge Designer anzubieten, die tolle Ideen aber wenig Erfahrung in der praktischen Umsetzung haben. 

Mitgründerin Frick, die auch das Frankfurter Modelabel Coco Lores gegründet hat, hat in ihrer Arbeit früher „oft nach dem Sinn gesucht und ihn nicht gefunden. Diese Verbindung aber von Mode und der Möglichkeit den Frauen eine Chance zu geben, ist für mich das Glück schlechthin.“ 

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