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Anita und Ernst Schwarz in ihrem Geschäft am Dornbusch. Für ihre Pelzdesigns gewannen sie schon viele Preise.
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Anita und Ernst Schwarz in ihrem Geschäft am Dornbusch. Für ihre Pelzdesigns gewannen sie schon viele Preise.

Frankfurt

„Pelze am Dornbusch“: Zusammen arbeiten und helfen

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Anita und Ernst Schwarz verlieben sich in der Berufsschule. Sie führen gemeinsam den Familienbetrieb „Pelze am Dornbusch“ – und setzten sich für Einzelhändler in den Frankfurter Stadtteilen ein.

Als ihre Eltern Andor und Eva Szepesi das Geschäft „Pelze am Dornbusch“ 1971 eröffnen, finden die Nachbarn wenig ermutigende Worte: „Nach zwei Monaten müsst ihr wieder schließen. Pelze zu verkaufen geht nur in der Innenstadt, aber funktioniert niemals im Dornbusch“, hätten sie gesagt. So erzählt es Anita Schwarz und zeigt ein altes Schwarz-Weiß-Foto ihrer Eltern, lächelnd vor dem Laden. 49 Jahre später ist der blaue Neonröhrenschriftzug mit „Pelze am Dornbusch“ über der Tür immer noch da.

Die 56-jährige Pelzdesignerin sitzt zusammen mit ihrem Mann Ernst am großen Tisch hinten im Atelier des Familienbetriebs zwischen Stoffen und Pelzen in allen Farben. „Hier habe ich schon als Mädchen meine Hausaufgaben gemacht“, erzählt sie. Jetzt fertigten sie und ihr Mann nicht nur maßgeschneiderte Pelze an, sondern auch das Thema Nachhaltigkeit spiele heutzutage eine große Rolle. „Wir haben den 40 Jahre alten Nerzmantel einer verstorbenen Dame für deren Enkelkinder, die etwas zur Erinnerung an sie haben wollten, zu Bauch-, Handtaschen und einem Kissenbezug verarbeitet und für ihren Mann aus dem Nerz einen Kragen gearbeitet.“

Oft seien sie auch so etwas wie Seelsorger. „Wir hören sehr viele persönliche, emotionale Geschichten“, sagt Anita Schwarz. Seit 1997 ist sie Erste Vorsitzende des Geschäftsrings Dornbusch. „Wir sind supergerne im Dornbusch. Aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet kommen unsere Kundinnen und Kunden.“ 1991 hat sie den Laden von den Eltern übernommen. Ein paar Jahre später kam ihr Mann dazu. „Manche Kunden kommen schon in dritter Generation zu uns“, sagt Ernst Schwarz.

Der 55-Jährige ist seit vier Jahren Erster Vorsitzender des Dachverbands Frankfurter Gewerbevereine, eine ehrenamtliche Aufgabe. Und nicht seine erste: Von 1997 bis 2016 war er Vorsitzender des zweiten Gewerbevereins an der Berger Straße. „20 Jahre lange habe ich das Berger Straßenfest organisiert.“

Und jetzt wirbt er als Erster Vorsitzender des Dachverbands mit der Aktion „Frankfurt füllt den Warenkorb im Einzelhandel“ dafür, dass die Menschen gerade in Corona-Zeiten ihre Weihnachtsgeschenke nicht bei Onlineriesen bestellen, sondern bei Händlern in ihrem Stadtteil kaufen. „Jeder lokale Kauf leistet einen kleinen Beitrag, dass unsere lokale Wirtschaft einen milderen Corona-Verlauf nimmt“, sagt er. Außerdem sei es viel persönlicher, beim Händler zu kaufen, der einen kenne. Für 2021 plant er eine Bekennerkampagne unter dem Motto „Main Viertel“. Zum harten Lockdown mit Schließung der Geschäfte ab Mittwoch sagt er: „Der Lockdown ist eine Katastrophe für den Einzelhandel.“

Kennengelernt und verliebt hat sich das Paar in der Berufsschule, 1983. „Da saßen wir nebeneinander, und wir waren gleich super befreundet. Wir sind Seelenverwandte, und es gibt viele Parallelen in unserem Lebenslauf“, sagt Anita Schwarz. In diesem Jahr feierten sie Silberhochzeit. Schicksal oder Zufall, aber sie stellten auf der Schulbank fest, dass Anita Schwarz ihre Ausbildung zur Kürschnerin im Pelzladen seines Vaters auf der Berger Straße machte. „Ich habe in einem anderen Pelzladen meine Ausbildung zum Kürschner gemacht, ich wollte nicht bei Papa lernen“, erzählt Ernst Schwarz.

Unweit von ihm hängt ein Familienfoto mit ihren zwei Kindern. Die Tochter ist 23, der Sohn 20 Jahre alt. Wollen sie auch ins Familiengeschäft? „Momentan sieht es nicht danach aus. Uns ist wichtig, dass sie das machen, was ihnen Spaß macht“, antwortet Ernst Schwarz. Die Tochter hat eben ihren Bachelor in BWL gemacht, der Sohn studiert Psychologie. Er selbst habe nie hinterfragt, was anderes zu machen als seine Eltern. Nach der Ausbildung ging er für ein halbes Jahr in die damalige Sowjetunion und baute dort eine Kürschnerei mit auf. Eigentlich wollte Anita Schwarz nach der Ausbildung nach Kanada, um Design zu studieren. „Aber dann wurde mein Vater sehr krank, und ich übernahm das Geschäft und habe meine Kreativität hier ausleben können.“

Beide gewinnen abwechselnd internationale Designerpreise. Und beide bekamen bereits den Ehrenbrief des Landes Hessen für ihr soziales Engagement. Anita Schwarz in diesem Jahr, ihr Mann zwei Jahre zuvor. Sie engagierten sich auch von Anfang an bei der Weihnachtsaktion „Ihr Geschenk für Frankfurter Kinder“. Und sie sind beide aktiv bei der Wizo-Modenschau, einer Benefizveranstaltung des gemeinnützigen Vereins jüdischer Frauen.

Zunächst führte das Paar, das sich eine Mailadresse teilt, zwei Geschäfte. Er einen Sockenladen auf der Berger, sie den Pelzladen. „Aber als die Kinder klein waren, entschieden wir uns auch aus Organisationsgründen, zusammen in einem Laden zu arbeiten“, so Ernst Schwarz. Bis heute sei das fast 24-Stunden-Zusammensein harmonisch. „Sie verstehen sich wirklich gut. Ich bin ja fast jeden Tag mit ihnen zusammen“, bestätigt ihre Angestellte, die Pelznäherin ist.

Müssen sie sich häufig verteidigen, weil sie Pelze verkaufen? Ernst Schwarz antwortet: „Nicht mehr so. Die großen Proteste gegen Pelze waren Ende der 80er, Anfang der 90er. Und Pelze sind alltagstauglicher geworden. Viele Leute tragen sie jetzt selbstbewusst.“

Sie verkaufen Mäntel, aber auch Wärmflaschen mit gefärbtem Kaninchenfell. „Wir machen auch Pelzmützen aus Fuchsfell für Jäger, die nicht wissen, wohin mit dem Fell.“ Aber klar gebe es noch den Nerzmantel. „Wir verstehen, wenn Leute keinen Pelz tragen wollen, weil Tiere extra dafür gezüchtet werden. Das muss jeder für sich entscheiden“, sagt Ernst Schwarz. Anita Schwarz betont: „Wir arbeiten mit Fellhändlern unseres Vertrauens. Und wenn die Tiere nicht gut gehalten werden, sieht man das. Dann sind auch die Felle nicht schön.“

Ihr Vater hatte in Budapest einen Lammfell-Außenhandel betrieben. Ihre Eltern kamen 1956 nach Frankfurt. In der Zeit der ungarischen Revolution. Ihre Mutter Eva Szepesi ist eine Holocaustüberlebende. „Mit zwölf Jahren wurde sie in Auschwitz befreit. Ihre Mutter, Großeltern und ihr Bruder waren in Gaskammern gestorben.“ Erst 25 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz habe ihre Mutter angefangen zu erzählen. „Sie geht als Zeitzeugin an Schulen, das vermisst sie gerade jetzt in Corona-Zeiten.“

Noch im Februar war Anita Schwarz mit ihrer Mutter zusammen bei Markus Lanz eingeladen. Comedian Atze Schröder war auch als Gast in der TV-Talkshow. Schröder entschuldigte sich spontan und stellvertretend für die Nazi-Verbrechen seines Vaters bei der Mutter. „Er sagte später, dass ein Auslöser war, dass ich neben ihm saß, also die zweite Generation.“ Die Kinder sind wie Anita Schwarz jüdischen Glaubens, ihr Mann christlich. Die Familie feiert Weihnachten und Chanukka.

Ihre Mutter, die eine Schneiderlehre in Budapest absolviert hatte, hat noch nicht ganz mit der Arbeit aufgehört. „Sie lässt es sich nicht nehmen, auch mit 88 Jahren noch die Rüschcheninnentaschen zu nähen“, sagt Anita Schwarz und zeigt stolz ein Instagram-Bild ihrer Mutter an der Nähmaschine.

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