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Analyse

Pausenhof auf dem Dach

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  • Peter Hanack
    Peter Hanack
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Damit im wachsenden Frankfurt Platz für alle Schüler ist, wird die Stadt neue Wege gehen müssen. Eine Analyse.

Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass sich in 15 Jahren die Frankfurter Schulen geleert haben. Aber wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass die Klassenzimmer in der Stadt einmal so knapp werden könnten, wie es heute der Fall ist? Nichts ist schließlich so schwierig vorherzusagen wie die Zukunft. Doch wenn die Prognosen derzeit einen stetigen Zuwachs an Schülerinnen und Schülern vorhersagen, dann kann die Stadt das nicht ignorieren, nur weil es vielleicht doch anders kommen könnte als gedacht. Dann muss sie Schulplätze schaffen.

Und das heißt: Schulen bauen. Für 2000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler müssen jedes Jahr Plätze entstehen. Weil Schulen aus Stein nicht rasch genug gebaut werden können, werden auf die Schnelle Container und Holzmodule aufgestellt. Ein Ende dieser Praxis ist vorerst nicht in Sicht. Solange die Schülerzahlen steigen, werden auch Container errichtet werden müssen. So lange wird die Stadt mit Provisorien arbeiten müssen, um dem Bedarf gerecht werden zu können.

Das klappt jedes Jahr nur gerade so eben. Bis nicht mehr ständig neue Schulen eröffnen müssen, wird noch einige Zeit vergehen. Ansonsten müssten die in den nächsten Jahren notwendig werdenden 25 neuen Schulen quasi auf einen Schlag gebaut werden.

Abgesehen davon, dass die Verwaltung das kaum schaffen kann – immerhin hat in diesem Schuljahr kein Gymnasium aufgemacht, weil die Stadt nur die Eröffnung von zwei neuen Schulen stemmen konnte –, ist da noch das Platzproblem. Es gibt nicht viele passende Flächen in der dicht besiedelten Großstadt. Sie sind nur mühsam aufzutreiben. In 15 Jahren werden daher nicht nur einzeln stehende Schulgebäude wie etwa für die IGS auf dem Riedberg entstanden sein. Jeder Platz muss genutzt werden, Schulgebäude werden daher auch anders aussehen: Darüber wird gewohnt werden, Pausenhöfe werden auf dem Dach liegen oder in öffentliche Plätze integriert werden, Schulen in Bürogebäude einziehen.

Das plant die Stadt alles schon. Noch verwirft sie Ideen wie etwa die, Schulen höher zu bauen als bisher üblich. Oder eine Schule auf einen Supermarkt zu setzen. Doch in Anbetracht des Flächenmangels wird sie darüber vielleicht noch mal nachdenken – und den Blick in andere Städte werfen. In London wird gerade über dem Discounter Lidl eine Grundschule gebaut.

Doch auch wenn es der Stadt an Zeit und Platz mangelt: Moderne pädagogische Standards dürfen dabei nicht untergehen. Lernlandschaften, Rückzugs- und Differenzierungsräume – pädagogische Konzepte haben sich gewandelt und sie müssen sich auch im Schulgebäude niederschlagen. Selbst wenn in einem Bürogebäude gelernt wird oder ein Supermarkt im Erdgeschoss liegt. Schwierig ist das aber vor allem in den standardisierten Containern und Holzmodulen. Sie lindern zwar die Raumnot, für Konzepte wie etwa das der IGS Kalbach-Riedberg sind solche Übergangsquartiere jedoch nicht geplant.

Auch wenn die Prognosen noch keinen Trend zu sinkenden Schülerzahlen zeigen – die Privatschulen jagen dem staatlichen Bildungssystem die Schülerinnen und Schüler ab. Seit Jahren steigen die Anmeldezahlen an diesen Schulen in freier Trägerschaft. Sie profitieren vom Wunsch vieler Eltern nach sozialer Abgrenzung. Gleichzeitig scheinen sie für viele die interessanteren pädagogischen Konzepte zu bieten. Davon kann auch das staatliche System Nutzen ziehen, wenn es die Privatschulen als Innovationsmotor betrachtet.

Nur zuzuschauen, wäre allerdings zu kurz gesprungen. Selbst innovativ sein, ist auch die Aufgabe der öffentlichen Schulen – und nicht wenige haben sie angenommen. Gegen den Elternwunsch nach Segregation allerdings können sie kaum etwas ausrichten. Hier ist das Land in der Pflicht, endlich genauer hinzuschauen und den Privatschulen Modelle abzuverlangen, die einer sozialen Vorauswahl der Schülerschaft entgegenwirkt. Baden-Württemberg etwa verlangt ein Schulgeld, das nach dem Einkommen der Eltern bemessen wird. Ein Blick über die Landesgrenzen also könnte sich lohnen.

Auf dem Land wissen sie längst, was sie an ihren Schulen haben. Und sie kämpfen für deren Erhalt. Die Wegzüge Richtung Ballungsraum haben so manchen Schulstandort auf das Mindestmaß sinken lassen – und manchmal sogar darunter.

Natürlich ist es teuer, solch kleine Schulen zu unterhalten. Aber es lohnt sich. Nicht nur für die Jungen und Mädchen, die dort unterrichtet werden und die dafür ihren Heimatort nicht verlassen müssen. Auch für das Lernen an sich. Denn häufig funktionieren die Klassengemeinschaften an solchen Zwergschulen außergewöhnlich gut, werden Neuankömmlinge schnell integriert, nehmen die pädagogischen Konzepte dort vorweg, was andernorts an innovativen Modellen zur individuellen Förderung und zum eigenständigen Arbeiten erst noch entwickelt werden muss.

Und wer weiß: Vielleicht sind eines Tages alle froh, dass es außerhalb des Ballungsraum ausreichend Alternativen gibt zum engen Gedränge der Städte. Alternativen, die für Familien mit schulpflichtigen Kindern interessant sein könnten. Eine Stadtflucht gab es schon einmal. Vielleicht ist sie die Zukunft.

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