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„Frankfurter Paulskirche. Ort der Demokratie“.

Kultur

Paulskirche in Frankfurt: Architektur mit Botschaft

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In nur anderthalb Jahren stemmten die Vorväter bis 1948 den Wiederaufbau der Paulskirche. Ob eine Sanierung bis 2023 gelingt?

Was für ein Schwung, was für ein Tatendrang: Nur 16 Monate vergingen im kriegszerstörten Frankfurt vom Beschluss der Stadtverordneten bis zur feierlichen Eröffnung der wiederaufgebauten Paulskirche am 18. Mai 1948, verfolgt von 35 000 Zuschauern und 1000 Ehrengästen. Ein Signal sollte es sein, „ein Zeugnis für die geistige Haltung Deutschlands vor der Welt“, sagte der Historiker Thomas Bauer vom Institut für Stadtgeschichte beim zweitägigen Symposium über die „Frankfurter Paulskirche. Ort der Demokratie“.

Streng und modern war der Entwurf des Architekten Rudolf Schwarz. Er folgte einer Dramaturgie des Aufstiegs: Hinein in den schachtartigen Torweg, vorbei am Kampf des Erzengels Michael mit dem Bösen, weiter in die steinkarge, halbdunkle Wandelhalle mit 14 Säulen, welche erst in den 1990er Jahren durch Johannes Grützkes Leinwandgemälde „Der Zug der Volksvertreter“ mehr Farbe bekam. Über die beiden schmalen Treppen hinauf in den lichten, hohen Saal. „Ein Symbol des Weges, den unser Volk in seiner bittersten Stunde zu gehen hat“, zitiert Thomas Bauer aus Rudolf Schwarz’ Hauptwerk „Kirchenbau“ von 1960.

Der geistige Vater der wiederaufgebauten Paulskirche war der Frankfurter SPD-Oberbürgermeister Walter Kolb. Die Gedenktafel an der Paulskirche, die Eiche am Parkplatz nördlich des Bauwerks erinnern an diese Lebensleistung. Er bescherte dem zerstörten Frankfurt, inmitten der Wohnungsnot, ein nationales Symbol der Demokratie. Mit einem Aufruf zum Spenden wandte er sich an seine Landsleute. 1,8 Millionen Reichsmark gingen in Frankfurt ein, darunter 10 000 Reichsmark von der SED und 100 000 Reichsmark vom Land Sachsen. Die Stadt Offenbach sandte Leder für die Bestuhlung, welche bei der Sanierung 1986 erneuert wurde. Das Land Thüringen schickte Holz für das Gebälk, das nun das kupfergedeckte Dach trägt. 30 000 Sportler aus den in Zonen geteilten Land, mit Ausnahme des Saarlands und der sowjetischen Besatzungszone, liefen auf einem Staffellauf nach Frankfurt und überbrachten Köcher gefüllt mit Grußworten, die bei der Eröffnung überreicht wurden, hundert Jahre, nachdem die Nationalversammlung in der Paulskirche tagte. Der Schriftsteller und Exilant Fritz von Unruh beschwor bei der Eröffnung in seiner, von einer Ohnmacht unterbrochenen Rede, die Deutschen sollten sich ihrer Schuld zu bekennen.

Applaus für Thomas Bauer, auch von Mathias Mund (BFF) und Christiane Loizides (CDU), die die Stadtverordneten repräsentierten; Oberbürgermeister Feldmann fehlte. Am 18. Mai 2023 jährt sich die Nationalversammlung zum 175.-mal. Dreieinhalb Jahre verbleiben, um das Gebäude zu sanieren, das Demokratiezentrum zu errichten. Wie lange die Vorväter wohl gebraucht hätten?

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