Nach 30 Jahren schließt Geschäftsführer Thomas Lehr an Heiligabend die Türen der Parfümerie an der Kaiserstraße. peter jülich
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Nach 30 Jahren schließt Geschäftsführer Thomas Lehr an Heiligabend die Türen der Parfümerie an der Kaiserstraße. peter jülich

Frankfurt

Parfümerie Lehr schließt im Bahnhofsviertel und wagt Neuanfang auf der Leipziger Straße

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Seit 100 Jahren war das Familienunternehmen, die Parfümerie Lehr, im Bahnhofsviertel, doch die Probleme vor der Ladentür verschrecken die Kunden, nun schließen sie ihr Stammhaus an der Kaiserstraße

Totalausverkauf steht auf rosa Schildern in den Schaufenstern der Parfümerie Lehr. „Man soll gehen, wenns am schönsten ist“ auf anderen. Ganz so schön ist es allerdings in den vergangenen Jahren am Stammhaus des Familienunternehmens an der Kaiserstraße, Ecke Weserstraße nicht mehr gewesen. Die Kundschaft sei immer weniger geworden, sagt Geschäftsführer Thomas Lehr. Das liege auch an den Zuständen auf der Straße. „Hier ist es schlimmer denn je.“ Immer mehr Drogenabhängige, aber auch Dreck schreckten ab. „Kunden, die gehobenen Luxus kaufen, wollen das nicht sehen.“ Die Stadt müsse mehr machen, fordert er, die Polizei sei hoffnungslos überfordert.

Hinzukomme, dass viele Arbeitsplätze im Umfeld weggefallen seien, Dresdner Bank und die Holzmann AG zogen weg. Es gab Zeiten, da sei der Laden pünktlich zur Mittagspause voll gewesen. Heute kommen immer noch Angestellte aus den Büros, auch Touristen, Messegäste, und die ein oder andere Prostituierte. Aber eben nicht genug.

Darum ist Lehr auch nicht allzu traurig, dass die Eigentümerin, die Commerzbank, den Mietvertrag nicht verlängerte. Wenn alle Mieter ausgezogen sind, werde wohl kernsaniert sagt Lehr, während er zwischendrin die Kunden bedient. Normalerweise hält er sich eher im Hindergrund, kümmert sich um die Buchhaltung und Organisation. Der Familie gehören noch zwei weitere Filialen: an der Berger und der Berliner Straße.

Das Geschäft an der Kaiserstraße schließt offfiziell nach 30 Jahren an Heiligabend seine Türen. Und öffnet sie im Februar wieder an der Leipziger Straße 21. Dort sei mehr los, da werde noch gewohnt und es gebe auch einige Büros.

„Auf der Kaiserstraße geht man ja auch nicht mehr bummeln“, sagt Lehr. Ein Branchenmix fehle schon lange. Früher wurde Meissner Porzellan neben Jagdzubehör und schicker Kleidung verkauft, erinnert sich der 60-Jährige.

Vor fast 100 Jahren hat Lehrs Großvater sein Geschäft im Bahnhofsviertel eröffnet, zog von der Kronprinzenstraße, wie die Münchener Straße vor dem Krieg noch hieß, in die Taunusstraße und verkaufte auch mal im Hauptbahnhof. „Die Theke ist noch von meiner Großmutter“, sagt Lehr und zeigt auf ein große verzierte Holzanrichte.

Über diesen Tresen wanderten nicht wie jetzt Parfüm, Kosmetik oder Bodylotion, sondern wie es sich für eine klassische Drogerie gehörte, auch Gewürze, Rattengift, Kerzen, Strumpfhosen oder Hustenbonbons. Beratung gab es dazu.

Diese sei es auch, die sie von der Konkurrenz, den Drogerieketten oder dem Internet abhebe. Die 15 Mitarbeiter nehmen sich Zeit für die Kunden, die zum großen Teil 40 oder 50 plus sind. Einige kommen seit 20 Jahren, unterziehen sich dazu noch Kosmetikbehandlungen. Wie eine Kundin, die sich bestürzt über den Umzug äußert, „hier vertraut man einfach“. „Wir versuchen jeden Tag zu beweisen, dass Deutschland keine Servicewüste ist“, sagt der gelernte Drogist und Einzelhandelskaufmann.

Noch bis Januar ist die Filiale in der Kaiserstraße 46 von 10 eingeschränkt bis 16 Uhr geöffnet – oder nach Absprache. Samstags ist geschlossen.

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