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Paradies für Frankfurter Sommerboten

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Von: Thomas Stillbauer

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Zwei selbstgebaute Nester, ein Fertighaus und eine Bewohnerin beim Start.
Zwei selbstgebaute Nester, ein Fertighaus und eine Bewohnerin beim Start. © Peter Jülich

Der Nabu würdigt einen schwalbenfreundlichen Betrieb in Nieder-Erlenbach. Die Vögel haben es in der Klimakrise schwer, Futter und Nestbaumaterial zu finden.

Wie viele Nester das sind? Albert Kunna lacht. „Ich hab sie noch nie gezählt“, sagt er, „so viele, wie halt hinpassen.“ Dreißig könnten es sein, schätzt er. Christel Knerndel vom Nabu schaut unter den Dachfirst des Lagergebäudes, zählt mal eben durch und kommt zu dem Urteil: „Das reicht nicht.“ Vierzig, werden sie sich einig, kommen der Sache schon näher – ohne die Nester, die die Schwalben selbst gebaut haben.

Ganz klar: Wenn sich jemand die Auszeichnung „Schwalbenfreundliches Haus“ verdient hat, dann Albert Kunna und sein Nieder-Erlenbacher Gartenbetrieb.

Und das seit Jahren. „Der Ursprung war eine Population, die immer durch die Gemüsepackhalle schwirrte“, sagt Kunna. Das wurde auf die Dauer problematisch; die Behörde hatte Bedenken, der Hygiene wegen. „Und was soll ich jetzt machen?“, sagte Kunna damals. „Die Schwalben rausschmeißen?“ Kam natürlich nicht infrage. Schon Albert Kunnas Vater hatte ein Herz für die kleinen Kunstflieger. „Er hat immer geguckt, dass die reinkommen. Da blieb extra eine Tür für die Schwalben offen.“

Damit die Sommerfreunde bleiben konnten, brachte der Betrieb Nester draußen an und in einer Lagerhalle ohne Lebensmittel. Es gibt auf dem Hof nämlich beide: Mehlschwalben, die draußen am Haus wohnen, und Rauchschwalben, die drinnen nisten, ursprünglich gern in Pferde- oder Kuhställen.

FREUNDE

Etwa 20 Häusern in Frankfurt hat der Nabu inzwischen das Siegel „schwalbenfreundlich“ verliehen, davon sechs in diesem Jahr; 2022 sind es besonders viele in Nieder-Eschbach.

Hilfreich sind Kunstnester an der Hauswand oder griffiger Untergrund, an dem die Schwalben selbst Nester bauen können. Perfekt: wenn Wasser und unversiegelter, lehmiger Boden als Baumaterial in der Nähe sind. Wer sich oder seine Nachbarn als schwalbenfreundlich anmelden will, findet Informationen unter www.nabu.de

Ortstreue Nachbarn

Dass die Autos in der Halle mit Pappkarton abgedeckt sind, zeigt schon: Die Schwalben haben das Angebot angenommen. Wenn auch zögerlich. „Am Anfang, wenn sie aus dem Süden zurückkommen, wollen sie immer noch an den alten Ort“, sagt Kunna, „noch Generationen später.“ Das berühmte Ortsvererbungssystem der Zugvögel. Außerdem wohnen sie immer noch am liebsten in den selbstgemörtelten Nestern. Da weiß man, was man hat.

Die Leute vom Nabu freuen sich über den Hof. „Hier werden Schwalben toleriert“, sagt Kreisvorstandsmitglied Mikosch Siegel, während wie zum Beweis ganze Schwärme der Vögel um die Menschengruppe sausen, „hier haben sie auch Gelände drumherum“. Das ist nicht überall so. In Oberrad, erzählt Siegel, seien gerade Hausbewohner dabei, im Zuge einer Sanierung die Schwalbennester zu entfernen. Der Hausverwalter habe den Naturschutzbund um Unterstützung gebeten, damit das nicht passiert. Die Hilfe kann er haben – auch vom Gesetzgeber. Nester von Gebäudebrütern zu entfernen ist eine strafbare Ordnungswidrigkeit.

Auch in Nieder-Erlenbach ist die Schwalbenwelt nicht komplett in Ordnung. Die Klimakrise macht das Futter rar, es fehlen Insekten, es fehlen auch Wasser und Baumaterial. „Die Trockenheit macht allen zu schaffen“, sagt Christel Knerndel, „vom kleinsten Vogel bis zum größten Menschen.“ Deshalb sei es so wichtig, für alle die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen und die Vielfalt zu erhalten.

„Die Schwalben gehören zum Betrieb“, sagt Albert Kunna, und zum Leben gehören sie auch. „Sie sind die Sommerboten – und man sagt, wenn sie tief fliegen, gibt es Regen.“ Wenn sie im Sommer doch bloß öfter mal wieder tief flögen.

Schwalbenfreund Albert Kunna (r.) und Nabu-Mann Mikosch Siegel.
Schwalbenfreund Albert Kunna (r.) und Nabu-Mann Mikosch Siegel. © Peter Jülich

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