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Viele Paare hängen seit der Pandemie aufeinander, das kann auch vermehrt zu Streit führen.

Interview

„Wichtig ist, im Gespräch zu bleiben“

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Paartherapeut Bernd Böttger spricht im Interview über den Näheschock während des Teil-Lockdowns und gibt Tipps für das Zusammenleben in der Corona-Zeit.

Herr Böttger, ist Ihr Terminkalender seit Corona voller geworden?

Also, während des ersten Lockdowns sind weniger Paare gekommen, das konnten ich und meine Kollegen feststellen. Aber danach mehr als sonst. Das ist ähnlich wie nach Weihnachten, im Januar haben wir auch mehr Zulauf – wenn der ganze Stress vorbei ist. Die Corona-Krise und besonders der Lockdown führte in vielen Beziehungen zu einem enormen Näheschock. Für die meisten Familien war Homeoffice und vor allem Homeschooling ein Desaster, das bedeutete natürlich vermehrt Spannungen und Aggressionen. Da ist es schon gut, dass die Schulen und Kitas wieder offen sind.

Aber auch für viele Paare ohne Kinder war und ist der Lockdown überhaupt nicht einfach. Warum?

Die Selbst- und die Paarentwicklung ist gestört, man sitzt zusammen in einer Höhle. Es ist schwerer zu bestimmen, wo man für sich ist und was man gemeinsam macht. Einen Ausgleich zu finden, wird nun zur Kunst. Ein Problem ist auch, dass ja unser Sozialleben komprimiert wurde: kein Kino, Theater oder Essengehen. Das waren und sind enorme Einschränkungen, die wir nicht gewohnt sind. Hinzu kommen die Sorgen um unsere wirtschaftlichen Probleme und natürlich die Angst vor dem Virus.

Und wie bekommt man das wieder hin?

Es kann schon helfen, sich zu zwingen, sich mal zurückzuziehen, Freunde und Verwandte anzurufen oder den Kontakt über Facetime, Skype oder Zoom aufzunehmen. Rausgehen und Luft schnappen, Atem-, Entspannungsübungen, Pilates und Yoga können auch helfen. Zuviel Nachrichten ansehen ist sicher nicht hilfreich. Beide Partner müssen auch akzeptieren lernen, dass nicht viel zu ändern ist. Es ist keine Zeit für Rebellion, denn wir müssen auch als Gesellschaft anerkennen, dass wir in Zukunft immer wieder Zeiten der Pandemie haben werden.

Bernd Böttger

Wird es jetzt beim zweiten Lockdown, wenn auch light, noch schlimmer?

Na ja, der Winter ist immer eine härtere Zeit. Man trifft sich seltener draußen und kann auch weniger Sport treiben und Ausflüge unternehmen, was auch zum Stressabbau beiträgt. Das steigert die Spannungsnähe. Schöne Gelegenheiten und Rituale – Weihnachtsmärkte, Chöre, Weihnachten mit der Familie –, alles wird schwierig oder fällt ganz aus. Am besten wir verschieben Weihnachten einfach auf ... später!

In manchen Partnerschaften ist auch die Gewalt gestiegen, konnten Sie das bei Ihren Patienten beobachten?

Ja, selbst bei Paaren, bei denen es sonst friedlich zuging. Einige sind nur laut geworden, andere auch gewaltbereit, so haben es mir einige meiner Paare mitgeteilt. So viel Stress und Belastung haben dazu geführt, dass eine Grenze überschritten wurde, was vorher noch nie passiert war. In solchen Zeiten werden auch mehr Alkohol getrunken und Drogen konsumiert, das lässt sich deutlich beobachten.

Wenn Gewalt eine Rolle spielt, sollte man am besten professionelle Hilfe dazuholen, in manchen Fällen ist es auch nötig, die Polizei zu rufen. Denn wenn die Gewalt anfängt, ist die vertrauensvolle Beziehung zu Ende. Eventuell ist es dann sinnvoll, einzeln und getrennt eine Therapie machen.

Zur Person

Bernd Böttger ist Leiter und Mitbegründer des Instituts für Paartherapie (IfP) mit Sitz in Frankfurt. Seit 2000 lehrt das IfP die psychoanalytische Paartherapie und entwickelt sie weiter. Das Institut richtet sich an Paare, Expertinnen und Experten und die interessierte Öffentlichkeit. Böttger betreibt zudem eine Praxis in Frankfurt. Im Moment führt der Psychologe und Psychotherapeut all seine Gespräche online per Zoom. jkö

Aber es gibt auch Paare, die sich darüber freuen, nun mehr Zeit miteinander zu verbringen, oder?

Ja, ich würde mal sagen, ein Viertel der Paare findet es gut, endlich Zeit füreinander zu haben. Und diese auch bewusst miteinander zu verbringen. Also nicht nur vor dem Fernseher zu sitzen, sondern Dinge zu machen, zu denen man vorher selten kam. Das kann auch einfach Musikhören sein oder in die Natur zu gehen. Ein Paar hat mir erzählt, dass sie sich jetzt immer wechselweise ein Buch vorlesen, andere hören gemeinsam ein Hörbuch, das der andere Partner ausgesucht hat und wechseln die Vorschläge. Es wird mehr gemeinsam gekocht, gebacken oder sogar Musik gemacht ...

Welche Tipps haben Sie für das Zusammenleben?

Wichtig ist, im Gespräch zu bleiben. Vielleicht setzt man sich am Tag mal zehn Minuten zusammen und erzählt sich, was man erlebt hat, auch wenn es nicht viel war, oder ob es Spannungen gab. Und der andere hört zu und kommentiert nicht – und andersherum. Das kann auch in anderen Zeiten hilfreich sein. Gut ist auch, wenn man in solchen Gesprächen sagen kann, was man in dieser Zeit gerade braucht. Ob es Zeit für mehr Zärtlichkeit und Nähe ist, ob man mehr Sex will oder gar keinen, ob man mehr Zeit für sich braucht oder mehr zusammen – Grenzen müssen in jedem Fall akzeptiert und eingehalten werden.

Kann man sagen, dass eine Beziehung, die die Corona-Zeit durchsteht, so viel nicht mehr erschüttern kann?

Wahrscheinlich ist es schon so, dass eine Partnerschaft, die auch diese Zeit gut übersteht, gute Aussichten hat, weiter zu bestehen. Es kommt natürlich auch darauf an, wie unsere Beziehungsnormalität und unsere Leben „nach Corona“ aussehen.

Glauben Sie, dass es mehr Scheidungen oder Trennungen geben wird?

Ja, das glaube ich schon. Corona funktioniert als Verstärker. Was vielleicht vorher schon im Untergrund geschwelt hat, kommt jetzt zutage. Aber viel ärmer dran sind ja die Singles. Ohne Bars, Restaurants und Clubs ist es schwer jemanden kennenzulernen (und mit Angst vor Ansteckung auch online), sie vereinsamen zu Hause. Und für die Jungen, die viel Energie zur Verfügung haben und zu Hause bleiben sollen, ist das auch nicht einfach. Wir alle müssen mit Geduld die schwierigen Zeiten überstehen.

Interview: Judith Köneke

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