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Caricatura in Frankfurt

Sebastian Krüger stellt in der Caricatura aus

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Die Bilder des Karikaturisten Sebastian Krüger sind ab heute in der Caricatura in Frankfurt zu sehen. Sie sind noch realistischer als die Fotografie.

Treffen sich zwei Yetis. Sagt der eine: „Stell’ dir vor, ich hab’ gestern den Reinhold Messner gesehen!“ Darauf der andere schockiert: „Was? Gibt’s den wirklich?“

Zugegeben, der Witz ist alt. Aber den Schrecken, das namenlose Grauen, das die Yetis spüren müssen, kann man erst erahnen, wenn man Sebastian Krügers Messner-Portrait im Hinterkopf hat. Sich es genau da rein zu tun, dazu besteht von heute an im Caricatura-Museum Gelegenheit.

„Sebastian Krüger? Kennichnich!“ Eine Falschaussage, die oft und gerne vorgebracht wird, aber dennoch eine Falschaussage bleibt. Jeder kennt Sebastian Krüger. Oder besser seine Karikaturen. Seinen unverwechselbaren Pinselstrich, der den Maler schon auf die Seiten von Spiegel, Stern, Rolling Stone, Capital oder Kowalski gebracht hat. Vor allem an seinen Stones-Portraits, mit denen der 1963 in Hameln geborene Krüger mittlerweile so etwas wie eine Arbeitsfreundschaft verbindet, ist schwer vorbeizukommen. Die sind auch ein wunderbarer Beweis dafür, dass sich die Realität manchmal der Kunst annähert: Die Stones sehen mittlerweile tatsächlich so aus, wie Krüger sie schon seit Jahren zeichnet.

Schon der große Chlodwig Poth hatte Krüger attestiert, er habe „die Gesichter seiner Opfer zu Ende gedacht, weil diese nicht den Mut hatten, sich bis dahin weiterzuentwickeln“. Die Stones bilden da wohl eine Ausnahme. Ansonsten hatte Poth aber wie üblich Recht.

Es grenzt beinahe schon an eine Frechheit, die Bilder Krügers auch noch zu betiteln. Dass man da Ozzy, Lemmy, Iggy und Konsorten sieht, erkennt man nun wirklich auf den ersten Blick. „Fotorealistisch“ nennt Caricatura-Chef Achim Frenz die Technik Krügers, „altmeisterlich“ nennt sie der Maestro selbst, der Feuilletonist bezeichnet sie als „New Pop Realism“. Recht haben alle drei, wenn auch nicht ganz so wie Poth.

Ozzyger als das Ozzyginal

Selbst wer der Meinung ist, er könne keine karikierten Prominenten mehr ertragen, der sollte Krüger eine Chance geben. Und darüber staunen, dass sein gezeichneter Ozzy Osbourne tatsächlich noch viel ozzyger ausschaut als das Ozzyginal. Oder sich darüber freuen, dass inmitten der ganzen sattsam bekannten Superstars auch ein ganz bezauberndes Portrait des eher einem interessierten Fachpublikum bekannten „Dead Boys“-Sänger Stiv Bators hängt. Krüger schafft es sogar, dem bis zum Erbrechen karikierten Gröfaz eine originelle Seite abzugewinnen: Daumenlutschend und gedankenverloren glotzt Hitler aus einem Zugfenster auf blühende Landschaften.

Freilich sind nicht alle der mehr als 200 gezeigten Exponate unbestreitbare Meisterwerke. Herrlich anzuschauen ist auch Krügers Plattencover für die zu Recht in Vergessenheit geratene Hair-Metal-Combo „Destruction“, die es erst vor wenigen Tagen auf die Spiegel-Online-Hitliste der peinlichsten Plattencover aller Zeiten schaffte und eindrucksvoll zeigt, dass „in den achtziger Jahren selbst Naturkatastrophen Dauerwelle“ trugen (SpOn).

Künstlerisch ähnlich wertlos sind die Cover, die Krüger als Auftragsarbeit für die Frankfurter Bier-Metal-Truppe „Tankard“ entworfen hat: nicht unbedingt schön, aber für das Sujet durchaus passend.

Die Frankfurter Alko-Rocker zeichnen denn auch verantwortlich für das wohl bizarrste Ausstellungsstück: von Krüger designte Tankard-Bettwäsche, garantiert albtraumgenerierend. Von deren Existenz erfährt der Künstler auf der Eröffnungspressekonferenz zum ersten Mal. „Bettwäsche?“, hallt sein entsetzter Ausruf durch das Obergeschoss der Caricatura, und in diesem Moment wünscht man sich einen zweiten Krüger herbei, der sein eigenes entsetztes Gesicht zeichnerisch so perfekt überhöht, wie es nur Krüger kann.

Er habe manchmal, sagt Krüger, einen „bad brush day“. Von diesen Ausrutschern ist in der Ausstellung nichts zu sehen. Selbst die ästhetisch fragwürdigen Plattencover sind keineswegs hingekritzelt, und für den fehlenden innovativen Funken hat Krüger eine prima Entschuldigung: Auftragsarbeiten! Er selbst nennt das lieber „Brotkunst“.

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