+
Die Robbe freut sich über das Spiel, Zoopädagogin Martina Weiser auch.

Zoo-Pädagogik

Martina Weiser, Erklärerin im Frankfurter Zoo

  • schließen

Martina Weiser leitet seit 25 Jahren die Pädagogik im Tierpark. Am 2. Juli beginnt ihr Sommerferienprogramm.

Raubtiere – gefährlich und geheimnisvoll. Pinguine – ganz besondere Vögel. Nachttiere – bei ihnen wird die Nacht zum Tag. Das sind unbestreitbare Tatsachen. In den Sommerferien können sich Kinder jeden Dienstag und Donnerstag selbst davon überzeugen. Der Zoo hat wieder ein Ferienprogramm zusammengestellt und dahinter steckt Martina Weiser, die Leiterin der Zoopädagogik, mit ihrem Team.

Gerade versucht sie, eine Gruppe Pinguine zu motivieren, mit aufs Foto für die Frankfurter Rundschau zu kommen. Die lustigen Vögel lassen aber auf sich warten. Zeit, darüber zu sprechen, wie man Pinguin und Mensch füreinander interessiert.

Bei ziemlich jungen Menschen geht das so: „Wir fangen schon auf dem Weg in die Grotte an, mit den Kindern zu sprechen. Wo leben die denn, die Pinguine?“ Es gibt Federn zu bestaunen, die raue Zunge zu betasten – nein, nicht die echte Zunge, aber ein Stück Stoff, das genauso rau ist. „Wir haben verschiedene Programme für kleine und größere Kinder“, sagt Martina Weiser. „Die kleinen hat man dann an der Hand. Das ist total süß.“

25 Jahre ist es her, dass die gebürtige Aschaffenburgerin, Jahrgang 1960, im Zoo die Bildungsabteilung übernahm. Davor machte sie Abi in Lüneburg, studierte in Marburg Biologie und Geografie auf Lehramt, half anschließend erst mal Immigranten, die deutsche Hochschulreife nachzuholen, und schloss sich dann der Grünen Schule im Palmengarten an. „Ich habe Pflanzen gern“, sagt sie. „Sie leben auch, aber leiser.“

Übergang in Zooschule fiel Martina Weiser leicht

Martina Weiser, geboren 1960, fing 1994 im Frankfurter Zoo an und bringt seither Kindern und Erwachsenen mit ihrem Team die Zusammenhänge zwischen Tieren, Menschen und Natur bei. Die Zooschule veranstaltet rund 1000 Führungen im Jahr, lädt zu Workshops ein und plant Ferienprogramme.

Als Isolde Hagemann die Palmengartenleitung 1992 übernahm, zog sie dennoch weiter. „Die Direktorin konnte mich nicht leiden.“ Der Übergang in die Zooschule fiel leicht, schon zuvor hatten Pflanzen- und Tierpädagogen zusammengearbeitet. Zoodirektor Christian Schmidt wollte, dass die gesamte Besucherinformation Teil der Zoopädagogik ist. Das kam der Neuen entgegen. „Alle denken, Zoopädagogik sei nur was für Kinder“, sagt sie. „Das stimmt überhaupt nicht. Wir haben ganz viele Erwachsenengruppen.“ Und tolle Ideen. Zum Schopenhauerjahr 2010 schrieb Weiser eigens ein Drehbuch für eine Spezialführung und engagierte den Schauspieler Joachim Schadendorf als Darsteller des Tierethikers und Philosophen. Und als die Stadt viele Geflüchtete aufnahm, startete sie ein eigenes Programm für die Leute. „Dafür habe ich eine Ausbildung als Traumatherapeutin gemacht.“

Sie muss es eigentlich gar nicht erwähnen, man merkt’s auch so: „Ich mache das mit sehr viel Herzblut, auch nach 25 Jahren noch.“ Die Humboldtpinguine wollen aber immer noch nicht um die Ecke schwimmen zum Fotografen. Wohl medienkritisch.

Am Konzept der neuen Zooheimat für die kleinen Frackträger hat die Pädagogin von Anfang an mitgearbeitet. „Meine Arbeit ist der geistige Überbau einer solchen Anlage“, sagt sie. „Ich breche das didaktisch herunter, damit Zusammenhänge klar werden. Ich sage den Architekten: Wir wollen was machen über das Verhalten und das Tauchen. Und wo der beste Platz für eine Erklärungstafel ist.“ Oder wo sie einen Raum braucht, in dem die Informationen gebündelt werden.

Lesen Sie auch: Ohrenwunder, gestreift: Bongo-Nachwuchs im Frankfurter Zoo

In diesem Fall empfahlen die Planer: Machen wir eine halbe Höhle. Gesagt, getan, die halbe Höhle enthält jetzt beispielsweise eine Drehscheibe, eine Art Lebenslotterie, die klarmacht: Nur wenige Pinguine werden erwachsen, es lauern zu viele Gefahren. „Das ist brutal, ich hatte anfangs Bedenken“, sagt Martina Weiser. „Aber es kommt super an.“ Gleich daneben ein Lerninhalt zum Thema: Wie kann ich die Pinguine schützen helfen? Und ein Stück weiter hat die Pädagogin zwei Eier in eine Felsaussparung gelegt. Na gut – legen lassen. Pinguin-Ei-Attrappen, fest im Fels verankert. Und keine Erklärungstafel dazu. Die Leute sollen auch ein bisschen das eigene Hirn anstrengen.

Die Sommerferien im Zoo stehen unter dem Motto „Tierische Erlebnisse“. Es geht los mit „Raubtiere – gefährlich und geheimnisvoll“, später sind Pinguine das Thema, dann folgen Affenbanden, Robben, Regenwald und Nachttiere. Die Dienstage sind für die Sechs- bis Achtjährigen reserviert, Donnerstage für Neun- bis Elfjährige (je 10 bis 12 Uhr). Dabeisein kostet fünf Euro plus Zooeintritt. Anmeldung und Information: Telefon 069/212-36952 und -36986

„Kinder so interessieren, dass sie ihre Eltern anschließend weiterfragen“, das war eine Grundidee vor 25 Jahren. Sie passte bestens ins Konzept der Zooschule, die im kommenden Jahr ihr 60-jähriges Bestehen feiert. „Es ist durchaus ein hartes Feld hier“, sagt Weiser, „anders als in einem Museum.“ Ob die Tiere mitspielen im Zoo, dem „größten Klassenzimmer der Stadt“: immer ein Unsicherheitsfaktor. Und manchmal sind schwierige Besuchergruppen dabei. „Man muss selbstbewusst auftreten, aber offen sein. Die ganze Gruppe bei der Stange halten. Wenn ich nur eine Person anspreche, verliere ich die anderen. Die Leute ernst nehmen, aber sich nicht alles gefallen lassen.“ Kindern erzählt sie gern von einem Orang-Utan, der sich eine eigene Badewanne gebaut hat. Um dann überzuleiten: „Und dieser Menschenaffe ist so sehr gefährdet!“ Das bleibt im Gedächtnis. „Sie sollen interessiert hier rausgehen. Im besten Fall sollen sie einen Zusammenhang erkannt haben.“ Und verstehen, wozu Zoos da sind.

Darüber gibt es oft Diskussionen mit Studierendengruppen: ob Zoos ihre Berechtigung haben, wie viel das Freiheitsrecht der Tiere zählt im Kontrast zu ihrer Botschafterfunktion für die bedrohte Art. „Ich stelle fest, dass das Wissen leider stark abnimmt“, sagt sie. „Biologiestudenten, die beispielsweise nicht wissen, wo Orang-Utans leben – das kam früher deutlich seltener vor.“ Sie achtet deshalb darauf, digitale Medien möglichst aus der Zoopädagogik herauszuhalten. Keine Computerterminals. Stattdessen Erlebnisse mit den Tieren. Und praktische Arbeit: Die Zoo-AG, die die Helmholtzschule im vorigen Jahr gegründet hat, damit die Stufen 7 und 8 regelmäßig Einblicke in den Tierpark gewinnen, hielt ihre eigene Artenschutzkonferenz ab, mit verteilten Rollen vom Tierrechtler bis zum Trophäenhändler. Eine Erfahrung, die bei den Jugendlichen lange nachwirkt.

Die Zooschule veranstaltet 1000 Führungen im Jahr

Und die Pinguine? Immer noch nicht willens, zur Fensterscheibe unten in der Grotte zu paddeln. Bitte – dann kommt halt eine Robbe aufs Zeitungsfoto. Die weiß ihre Chance zu nutzen. „Die Leute denken oft: Pädagogik, das kann doch jeder“, sagt Martina Weiser. „Eben nicht. Man muss das lernen. Und glaubhaft vor den Menschen auftreten können.“ 

Lesen Sie auch: Abschied einer Legende: Revierleiter im Borgori-Wald verlässt Frankfurter Zoo

Die Zahlen geben ihr recht: 1000 Führungen im Jahr veranstaltet die Zooschule, die Teilnehmer kommen aus der ganzen Republik angereist. Die Führung über das Sozialverhalten von Primaten erfreut sich großer überregionaler Beliebtheit. Da gibt es übrigens einen Orang-Utan, der sich eine Badewanne gebaut hat. Und wissen Sie was? Der ist so sehr vom Aussterben bedroht!

Das könnte Sie auch interessieren:

Tierdrama im Palmengarten Frankfurt - Ordnungsamt prüft Fall

Fünf junge Schwäne und sieben Bergloris, die im Frankfurter Palmengarten zuhause waren, sind tot. Die Loris starben offenbar an einer Vergiftung - das Ordnungsamt prüft den Fall.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare