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In Frankfurter Ostend, wie hier an der Europäischen Zentralbank, entstehen seit Jahren vor allem sehr teure Wohnungen.
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In Frankfurter Ostend, wie hier an der Europäischen Zentralbank, entstehen seit Jahren vor allem sehr teure Wohnungen.

Gentrifizierung

Frankfurt: Wie das Ostend zum Luxusviertel wird

  • Christoph Manus
    VonChristoph Manus
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Im früheren Frankfurter Arbeiterstadtteil Ostend wird Wohnraum immer teurer. Viele können sich das Leben dort nicht mehr leisten. Angestoßen hat diesen Wandel die Stadtpolitik selbst.

Frankfurt - Am Hafenpark, ganz in Nähe der Europäischen Zentralbank, entstehen gerade 288 Wohnungen, darunter elf Penthäuser mit bis zu 433 Quadratmetern Fläche. Kaufen können sie wohl fast nur Menschen, die kräftig geerbt haben. Die Preise reichen von 9500 bis 19.500 Euro pro Quadratmeter. Sozialwohnungen entstehen nicht.

Solche Projekte sind im Frankfurter Ostend längst keine Ausnahme mehr. Kaum ein Stadtteil hat sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren so verändert wie das frühere Arbeiterviertel, das einst als nicht gentrifizierbar galt. Allein in Nähe der EZB, die 2015 ihr neues Hochhaus auf dem Gelände der früheren Großmarkthalle bezog, und am Ostbahnhof sind mehrere Tausend Wohnungen entstanden oder im Bau, die sich zum allergrößten Teil an eine sehr zahlungskräftige Klientel und Kapitalanleger richten. Entsprechend sind die Preise und Mieten im ganzen Stadtteil stark gestiegen. Nach Zahlen des Beratungsunternehmens Immoconcept werden Bestandswohnungen inzwischen im Durchschnitt für 13,92 Euro pro Quadratmeter inseriert. Das sind 36 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Die Kaufpreise sind sogar um 114 Prozent gestiegen.

Ärmere Menschen verlassen das Frankfurter Ostend, Menschen mit höheren Einkommen ziehen zu

Die Folge: Immer mehr Menschen können sich das Leben im Ostend nicht mehr leisten. Andrea Mösgen und Sebastian Schipper von der Frankfurter Goethe-Universität zeigen in einem Aufsatz für den jüngst erschienenen Sammelband „Eine Stadt für alle?“ eindrucksvoll, wie stark sich die Sozialstruktur dort verändert hat. So ist der Anteil der Menschen im Ostend, die Sozialleistungen beziehen, von 2009 bis 2018 um 23 Prozent gesunken, deutlich stärker als im städtischen Durchschnitt, wo er um 8,1 Prozent zurückging. Für die beiden Geograf:innen spricht das für eine direkte Verdrängung ärmerer Haushalte aus dem Ostend. Gleichzeitig ziehen offenbar nur sehr wenige Menschen mit geringem, aber viele mit hohem Einkommen zu. Die Bruttoarbeitsentgelte sind nach ihren Zahlen von 2009 bis 2018 im Median um 27,1 Prozent gestiegen. Stadtweit legten sie um 21,3 Prozent zu. Nur in Gallus und Altstadt stiegen die Löhne und Gehälter stärker an.

Die Entwicklung des Ostends zu einem Stadtteil für Menschen mit Geld dürfte sich seitdem noch fortgesetzt haben. Zumal sehr wenige günstige Wohnungen auf den Markt gekommen sind und der Bestand an Sozialwohnungen schrumpfte. Mösgen und Schipper weisen etwa darauf hin, dass 200 Wohnungen an der Zoopassage und 257 Wohnungen an der Ecke Waldschmidtstraße/Wittelsbacherallee aus der Sozialbindung fielen.

Die Stadt Frankfurt hat die Aufwertung des Ostends angestoßen

Die starke Gentrifizierung des Viertels hat die Stadt Frankfurt nach Untersuchung der beiden Forscher:innen maßgeblich initiiert und befördert. Sie sprechen gar von einer „stadtpolitisch forcierten Aufwertung und Verdrängung“. Die Stadtpolitik hatte seit Mitte der 80er Jahre versucht, die Situation im teilweise heruntergekommenen und abgehängten Stadtteil zu verbessern, in dem sie etwa Geld für Sanierungen zur Verfügung stellte, die Anbindung an das U- und S-Bahn-Netz deutlich verbesserte und neue Bildungsangebote schuf.

Bis in die 1990er Jahre hinein verknüpfte die Stadt die Sanierungsmaßnahmen im Viertel laut Schipper und Mösgen noch mit Instrumenten, die Verdrängung verhindern sollten. So seien etwa vorwiegend geförderte Wohnungen errichtet worden. Doch diese Politik habe sich spätestens seit der Jahrtausendwende geändert. Die Stadt kaufte Grundstücke auf, legte sie zusammen und veräußerte sie dann an die Meistbietenden. Zum größten Teil entstanden seitdem teure Eigentumswohnungen. Radikal verändert habe die Lage dann die Entscheidung der Stadtpolitik, der EZB das Gelände an der Großmarkthalle anzubieten. Denn diese auch „symbolische Aufwertung des Viertels“ habe das Ostend für die Immobilienwirtschaft erst richtig interessant gemacht.

Humangeographen halten mehr sozialen Wohnungsbau für nötig

Schipper und Mösgen sehen in jüngerer Zeit durchaus Versuche der Stadt, der Verdrängung im Ostend entgegenzuwirken, etwa durch die Einführung einer Milieuschutzsatzung. Sie gehen aber nicht davon aus, dass die Instrumente ausreichen, um eine weitere Gentrifizierung zu verhindern. Das sei nur zu erreichen, wenn die Stadt den Sozialwohnungsbestand im Viertel wieder deutlich ausweite, und wenn mehr nicht profitorientierte Akteure Wohnraum schafften. Zugleich müssten Bund und Land die Spielräume für Mieterhöhungen radikal begrenzen und die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen generell unterbinden, schlagen die Autor:innen vor.

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