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Das Foto zeigt den letzen gemeinsamen Abend der Hausgemeinschaft mit Thomas Heinzelmann-Ekoos (2. v. l.) und Almuth Meyer (mit Teufelshörnern)vom 31. Oktober 2018. Am nächsten Tag musste Marianne Ried (Mitte) ins Krankenhaus, nur wenige Wochen später starb sie.

Ostend

Opfer der Gentrifizierung im Ostend - Mieter der Wingertstraße 21 blicken zurück

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Nach jahrelangem Kampf gegen die Vertreibung aus ihren Wohnungen haben die Reichen doch gewonnen. Doch die Mieter sehen sich nicht als Verlierer.

Das Haus in der Wingertstraße 21 ist eingerüstet. Seit Jahren schon. Doch das Pappschildchen an der Fassade, auf dem trotzig „Wir bleiben!“ stand, ist nun verschwunden. Und mit ihm auch die Bewohner, die dem Gebäude im Ostend zu trauriger Berühmtheit verholfen haben. Denn die letzten Mieter, die sich jahrelang gegen eine Verdrängung aus ihren vier Wänden gewehrt haben, sind im Februar ausgezogen.

„Wir hätten bleiben können“, sagt Almuth Meyer, die bis zum Schluss ihre Wohnung nicht aufgegeben hat. Dennoch sehe sie sich nicht als Verlierer, „wir haben gewonnen“. Weder sei die Hausgemeinschaft auseinandergebrochen, noch haben sie sich vertreiben lassen.

Aber ohne die langjährige Mieterin Marianne Ried, die im Dezember gestorben ist, nachdem sie fast 60 Jahre in dem Haus gelebt hatte, habe die Gemeinschaft den Sinn ihres Tuns infrage gestellt. „Wir hatten uns immer gesagt, wir werden niemanden alleine lassen“, sagt Meyer. Nach dem Tod der mehr als 80 Jahre alten Mitbewohnerin sei dieser Grund hinfällig geworden.

Noch drei der ursprünglich zehn alten Mietparteien lebten zu diesem Zeitpunkt in der Wingertstraße. Sämtliche Wohnungen seien an verschiedene neue Eigentümer weiterverkauft worden, sagt Thomas Heinzelmann-Ekoos, der mit seiner Familie seit Ende der 90er Jahre in der Nummer 21 wohnte. Auch er hat sich eine neue Bleibe gesucht: „Wir wollten einfach einen Lebensabschnitt beenden.“ Dabei schauten sie keineswegs bitter zurück, sagt Meyer. Sie dächten vielmehr an eine schöne Zeit, „die kann uns keiner nehmen“.

Das Ostend gehört zu drei Stadtteilen Frankfurts, die am stärksten wachsen. Um mehr als 1000 Bewohner legte es 2017 zu. Wohnungen sind entsprechend begehrt. Das Haus an der Wingertstraße 21 wechselte 2013 den Besitzer. Die neuen Eigentümer sanierten im laufenden Betrieb.

Manch Sanierungs-Einsatz wurde von den Mietern als Schikane empfunden. Kündigungen haben Gerichte regelmäßig zurückgewiesen. Als Arbeiter das Dach aufrissen, verhängte die einen Baustopp, das Dach musste abgedichtet werden.

Die Kampfeslust der Mieter wuchs.

Sie hängten Plakate an ihre Fenster und produzierten auf diese Weise Bilder, die bundesweit durch die Medien gingen. (sky)

Für Außenstehende ist die Aussage nicht einfach nachzuvollziehen. Jahrelang stand das Haus bundesweit in den Schlagzeilen. Die Adresse war zum Symbol der Gentrifizierung geworden, der Vertreibung langjähriger Mieter zugunsten des Profits. Mal funktionierte die Heizung nicht, mal gab es kein warmes Wasser, und die Mieter mussten zu den Nachbarn duschen gehen. In einem Winter ließen die Eigentümer Teile des Dachs abtragen, das fensterlose Treppenhaus war nur notdürftig mit Wellblech und Planen vor der Witterung geschützt.

Bis zum Schluss sei dies so gewesen, sagt Almuth Meyer. Noch im September vergangenen Jahres, „da stand bei Frau Ried zwei Zentimeter hoch das Wasser im Wohnzimmer“, da es durch das neue Penthouse rein geregnet hat. „Das musste sie als über 80-Jährige noch erdulden“, sagt Heinzelmann-Ekoos. Doch sei die Stadt scheinbar nicht in der Lage gewesen, gegen die Eigentümer vorzugehen. Dabei galt das Haus lange als die von der Bauaufsicht am besten überwachte Baustelle. Fast täglich seien städtische Kontrolleure dort, hatte die Stadt gesagt. Mehrmals verhängte sie zum Schutz der Mieter einen Baustopp.

2013 begann der Ärger, als zwei neue Eigentümer die Immobilie übernahmen. Sie wollten das Haus nicht behalten, sondern schnell weiterverkaufen. Die Mieter gründeten einen Hausverein, um das Haus selbst zu kaufen. Doch die Summe von zwei Millionen Euro reichte nicht aus. Dann begannen die Umbaumaßnahmen. Nach Ansicht von Heinzelmann-Ekoos hätten die Zwischenhändler versucht, „die Braut aufzuhübschen“, um den Gewinn zu steigern.

Es blieb nicht bei Schikanen durch Bauarbeiten. Etliche Kündigungen haben die Mieter erhalten, alleine Heinzelmann-Ekoos hatte elf im Briefkasten. Zusätzlich gab es Räumungsklagen – von denen keine umgesetzt worden sei. Auch vor Gericht trafen sich Mieter und Eigentümer zum Teil mehrfach. Der Kampf gegen die Verdrängung habe Geld gekostet und Nerven, „das ging hart an unsere Gesundheit“, sagt Heinzelmann-Ekoos, „das waren Grenzgänge“. Geholfen habe stets, dass keiner alleine kämpfen musste. „Da konnte man mal durchatmen und sich anlehnen.“

Die Liste der Politiker ist lang, die sich vor Ort umschauten und den Bewohnern Unterstützung zusagten. Oberbürgermeister Peter Feldmann stattete den Bewohnern einen Besuch ab, die Landtagsabgeordnete Ulli Nissen, im vergangenen Sommer machte Andrea Nahles auf ihrer Sommertour in der Wingertstraße Stopp.

Eine „herausragende“ Solidarität habe es jedoch vor allem von den Nachbarn gegeben und der benachbarten Nord-Ost-Kirche, sagt Almuth Meyer. „Ohne die Unterstützung und die Ermutigungen hätten wir das nicht durchgehalten.“ Und mehr noch: Etliche neue Freundschaften sind entstanden. Im Februar hatte sich die Gemeinschaft mit einer Dankesfeier voneinander verabschiedet.

Er sei froh zu sehen, dass sich die Situation für die Mieter in Frankfurt inzwischen verbessert habe, sagt Heinzelmann-Ekoos. Etwa durch die Stabstelle Mieterschutz, „das hätten wir auch gut brauchen können“. Auch die Milieuschutzsatzung sei sinnvoll, auch wenn die Wingertstraße 21 davon nicht profitiert hätte. Ausreichend seien die Neuerungen noch nicht, „das sind nur kleine Fortschritte in die richtige Richtung“, sagt Heinzelmann-Ekoos. Die Stadt müsste sich etwa viel mehr um Erbengemeinschaften kümmern, die häufig meistbietend weiterverkaufen – wie auch in seinem Fall.

Doch als die Bewohner der Wingertstraße 21 kämpften, mussten sie sich selbst helfen – und gründeten mit den Mietern der Martin-Luther-Straße im Nordend die Nachbarschaftsinitiative Nordend – Bornheim – Osten (NBO). „Wir haben viel gekämpft und viel erreicht“, sagt Meyer. Jetzt wollten sie alle anderen aufrufen, sich zu wehren. „Nur so kann man etwas ins Rollen bringen.“

Dass es die NBO gibt, könne sich auch Frau Ried auf die Fahne schreiben, sagt Almuth Meyer. Oft habe sie auf Frankfurterisch gesagt, „des mache wir net für uns, sondern aach für die annern“. So sieht es auch Heinzelmann-Ekoos: „Es war nie unser Ansinnen, nur für uns zu kämpfen. Wir haben schließlich Kinder, die wollen auch mal hier in der Stadt leben.“ Die Geschichte der Wingertstraße 21 sei sicher kein Einzelfall, sagt Meyer. „Aber ein Extrembeispiel. So etwas passiert hoffentlich nicht wieder.“

Die beiden Investoren, die die Immobilie gekauft haben, wollten sich auf Anfrage der FR auch abschließend nicht äußern.

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