Fast ein Drittel der Mädchen im Alter zwischen 13 und 18 gefährdet, eine Essstörung zu bekommen. 
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Fast ein Drittel der Mädchen im Alter zwischen 13 und 18 gefährdet, eine Essstörung zu bekommen.

Ostend

„Essstörungen nicht ignorieren“

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Die Psychotherapeutin Jutta Kolletzki spricht über Hilfe bei Essstörungen, fehlendes Selbstwertgefühl, den Einfluss von Casting-Shows und wie Freunde und Familie reagieren sollten.

Jutta Kolletzki arbeitet als Diplompädagogin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie leitet die Beratungsstelle Balance. Dort bietet sie seit 25 Jahren Beratung, Therapie, Prävention zum Thema Essstörungen und Übergewicht/Adipositas an. 

Frau Kolletzki, am 30. Januar beginnt wieder die Casting-Show „Germany’s Next Topmodel“ auf Pro Sieben. Haben solche Formate auch Einfluss auf das Essverhalten junger Menschen?
Untersuchungen zeigen, dass es tatsächlich einen Zusammenhang gibt. Das heißt natürlich nicht, dass jede Jugendliche, die es schaut, an Magersucht oder Bulimie erkrankt. Es kommen immer mehrere Faktoren zusammen: Ein schwaches Selbstwert- und Körpergefühl, familiäre oder schulische Konflikte, Leistungsdruck auf verschiedenen Ebenen, und dann können solche Sendungen durchaus ein Trigger oder Verstärker für eine Essstörung sein.

Also lieber nicht gucken?
Am besten schauen sehr junge Mädchen die Sendung nicht alleine, sondern mit Eltern oder Freunden, um sich austauschen und manches kritisch hinterfragen zu können. Auch in der Schule sollte über Themen wie Gesundheit, normale Körperentwicklung und auch Essstörungen geredet werden, genauso wie über Selbstdarstellungen im Internet und auf Instagram. Wir bekommen aktuell viele Anfragen für Präventionsprojekte in Schulen. Ziel ist, junge Menschen stark zu machen und ihnen ein gutes Selbstwertgefühl unabhängig von Schönheitsidealen und Körperformen zu vermitteln.

Können Sie beobachten, dass Essstörungen mehr geworden sind?
Wir sehen da Wellenbewegungen, im Moment habe ich den Eindruck, dass sie eher zunehmen. Nach der bundesweiten KIGGS-Studie sind fast ein Drittel der Mädchen im Alter zwischen 13 und 18 gefährdet, eine Essstörung zu bekommen, bei Jungs sind es etwa 12 Prozent.

Der Vortrag „Von der Essstörung zum Gleichgewicht“ – Wege aus der Magersucht und Bulimie am Dienstag, 28. Januar und Mittwoch, 18. März, findet um 19.30 Uhr in der Beratungsstelle Balance im Ostend, Waldschmidtstraße 11, statt. 


Die Teilnahme kostet 10 / ermäßigt 5 Euro.

Anmeldung notwendig unter der Nummer 49 08 63 30, balance-bei-essstörungen.de jkö

Was sollte man tun, wenn man eine Essstörung bei Freunden oder in der Familie vermutet?
Natürlich kommt es darauf an, in welchem Kontakt man zu der Person steht. Mein Plädoyer ist: ansprechen, denn es ist ein Notsignal. Aber in sensibler Form. Sorge bekunden, wie: du siehst traurig aus, warum ziehst du dich zurück, ich bin da, wenn du reden willst. Die Essstörung wird dadurch nicht schlimmer. Oft kann es für Betroffene ein Ansporn sein, sich Hilfe zu holen.

Etwa in Ihrer Therapie- und Beratungsstelle?
Ja, wir bieten gezielte Hilfe an für Betroffene und Angehörige. Wo sie sich anschließend hinwenden, können sie sich aussuchen, ich sage ihnen nur deutlich, wenn etwas passieren muss. Wir bieten Psychotherapie, Gruppen und Ernährungsberatung an. Und sind gut vernetzt.

Aber je schneller sie sich Hilfe suchen, desto besser, oder?
Es ist erstaunlich, wie lange im Nahraum oft über Ess- und Gewichtsprobleme hinweggegangen wird. Dabei ist die Chance auf Heilung bei jungen Menschen besser. Aber auch mit 30 oder 40 Jahren ist der Weg aus der Essstörung möglich und ein befreiteres Leben.

Interview: Judith Köneke

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