August-Stunz-Zentrum

Eiswagen und Erdbeerkuchen

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209 Menschen müssen ihr Pflegeheim verlassen – auch 24 Wachkomapatienten.

Der Zeitpunkt der Evakuierung scheint gut gewählt: Eine Woche zuvor, am letzten Junisonntag, hätten die Extremtemperaturen von knapp 40 Grad die Bewohnerinnen und Bewohner des August-Stunz-Zentrums wohl vor noch größere Strapazen gestellt. Und ein regnerischer Novembertag wäre auch nicht ideal für einen langen Aufenthalt außerhalb der gewohnten vier Wände, meint Sabine Kunz, die Leiterin der AWO-Einrichtung. So aber mache man „eigentlich bei Premiumbedingungen für eine Evakuierung“ das Beste aus der Herausforderung, 209 pflegebedürftige Menschen außer Hauses bringen zu müssen. Nämlich „einen Bewohnerausflug mit Bombenstimmung, ein Sommerfest“.

Stress bedeute es für die zu Evakuierenden dennoch. „Ein Teil der Bewohner hat die Bombardierung Frankfurts als Kinder oder Jugendliche miterlebt – für sie ist der Gedanke an eine Bombe ein richtiger Schreck“, sagt Kunz, weshalb man sich bemühe, das Thema auszusparen und stattdessen die zu erwartenden Freuden eines Ausflugs hervorzuheben.

Zudem müsse schon frühzeitig mit den Vorbereitungen begonnen werden, um beispielsweise auch medizinisches Gerät wie Sonden oder Atemgeräte einzupacken. Denn unter den Bewohnerinnen und Bewohnern des August-Stunz-Zentrums sind nicht nur alte, zum Teil demente Menschen, sondern auch 48 neurologisch geschädigte Menschen werden gepflegt, sowie solche, die etwa an Multipler Sklerose erkrankt seien. Entsprechend reiche die Altersspanne von 28 bis 105 Jahren, erläutert Kunz.

24 Menschen im Wachkoma werden bereits am Samstag mit Rettungswagen auf die Station eines Krankenhauses verlegt und dort von den ihnen vertrauten Pflegekräften weiterversorgt. Die übrigen sollen im Johanna-Kirchner-Altenzentrum im Gutleutviertel sowie im Traute-und-Hans-Matthöfer-Haus in Oberursel unterkommen. Beide Einrichtungen gehören, wie das Stunz-Zentrum, zur Johanna-Kirchner-Stiftung der Arbeiterwohlfahrt.

Eiswagen dank Spenden

„Wir geben unser Bestes, dass es dort so schön wie möglich wird und auch Ruhepausen gewährleistet sind“, sagt Kunz. Dank Spenden, unter anderem von der FR-Altenhilfe, konnten ein Eiswagen und Livemusik bestellt werden. Außerdem soll es Erdbeerkuchen für alle, Spaziergänge am Mainufer, im Sommerhoffpark oder in die Oberurseler Innenstadt, sowie einen Pay-TV-„Kinonachmittag“ geben. „Es wird für alle Beteiligten ein verdammt langer Tag, und wir bemühen uns, dass er möglichst kurzweilig wird“, sagt Kunz. Organisatorisch wäre eine Auslagerung in eine Turnhalle deutlich einfacher gewesen, aber das habe man den Pflegebedürftigen nicht zumuten wollen.

Mehr als 100 Kolleginnen und Kollegen seien dafür am Sonntag schichtweise von früh bis spät im Einsatz, manche hätten extra ihren Urlaubsbeginn verschoben. Hinzu kommt ein gutes Dutzend Ehrenamtlicher. „Wer in diesem Bereich arbeitet, zeigt ohnehin hohes Engagement für andere Menschen“, sagt Kunz und betont, dass es für ihr Team eine Selbstverständlichkeit sei, diese Ausnahmesituation gemeinsam bestmöglich zu bewältigen.

Und sie fügt noch an: „Wir sind straff organisiert. An uns wird es bestimmt nicht liegen, wenn sich die Evakuierung verzögern sollte.“ Sie hofft, dass auch die anderen Menschen im Ostend morgens pünktlich ihre Häuser verlassen – damit die Bewohnerinnen und Bewohner des August-Stunz-Zentrums möglichst früh am Abend von ihrem ungewöhnlichen Sommerausflug in ihre vertraute Umgebung zurückkehren können.

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