+
Im Atelier an der Ostparkstraße in Frankfurt arbeitet sie jetzt seit 1990.

Wanda Pratschke

„Schreiben Sie bloß nicht so einen Hausfrauenschmus!“

  • schließen

Ein Atelierbesuch bei der kämpferischen Bildhauerin Wanda Pratschke, die bald ihren 80. Geburtstag feiert. 

Sie liebt solche Auftritte. Schon von Weitem blendet sie die Scheinwerfer ihres Kleinwagens auf. Brettert mit Schwung in den Hof. Springt heraus, eilt dem Besucher voran zum Atelier. Das schwarze T-Shirt ist über und über mit weißem Gips bestäubt. Rote Pudelmütze, schwarze Stiefel mit roten Schnürsenkeln. Kaum zu glauben, dass Wanda Pratschke demnächst ihren 80. Geburtstag feiert. 

Ein Labyrinth von Skulpturen tut sich hinter der Tür auf. Große Frauen, kleine Frauen, runde Frauen. Sie tragen Namen wie „Zwei Heldinnen“, „Unbesiegte“ oder auch „Große Frau – ein Fels“. Die Namen sind Programm. Mit den Plastiken ihrer selbstbewussten Geschlechtsgenossinnen ist die Bildhauerin bundesweit bekannt geworden. In Frankfurt und in der Region stößt der aufmerksame Flaneur allenthalben auf ihre Arbeiten. „Die Schöne“ im Terminal 1 des Flughafens, die „Liegende“ in Hofheim, die „Vier Frauen“ vor der Hessischen Staatskanzlei in Wiesbaden, die „Große Stehende“ in den Frankfurter Wallanlagen. Pratschke schnaubt und packt das kleine Beil, mit dem sie gerade die halbfertige Form auf dem Sockel bearbeitet hat. Das Beil liegt gut in ihrer Hand, wie selbstverständlich. 

„Das Unfertige ist mir wichtig“

Sie hat ihren Stil geändert in den jüngsten Jahren, die Oberfläche ihrer Figuren ist rauer, unfertiger als früher. „Das Unfertige ist mir wichtig“, brummt die geborene Berlinerin: „Alles bleibt offen, nicht so geschlossen.“ Sie stockt. „Es ist das Impressionistische.“ Pratschke schüttelt ein wenig unwirsch den Kopf. Sie redet nicht so gern über ihre Arbeit. Die Figuren sollen sprechen, über sie erzählen. Sie strahlen eine unmittelbare Sinnlichkeit aus, der man sich nicht entziehen kann. 

Die Frau im Wasserfall.

Journalisten begegnet sie sowieso mit gewissem Misstrauen. Oft genug, findet sie, ist da auch Quatsch über sie in den Gazetten gestanden. „Schreiben Sie bloß nicht so einen Hausfrauenschmus!“, fordert sie bündig. Mal sehen, ob das klappt. 

Kindheit im zerbombten Berlin

Pratschke ist im Überlebenskampf aufgewachsen. Als kleines Kind wegen der steten Bombenangriffe aus Berlin nach Schlesien evakuiert, erlebte sie, wie die Flugzeuge zu Hunderten über ihren Kopf hinweg in Richtung Hauptstadt strömten. 1945 in die zerstörte Metropole zurückgekehrt, ging es buchstäblich darum, etwas zu essen zu finden für sich selbst, die Mutter und die drei Geschwister. Der Vater hatte die Familie sitzen lassen, was die Tochter noch heute mit Ingrimm erfüllt. 

Kaum 18 geworden, besuchte sie die Meisterschule für das Kunsthandwerk. 1961 zog die Familie nach Frankfurt am Main um. Wanda fand Arbeit bei den Städtischen Bühnen, die damals mit Generalintendant Harry Buckwitz Theatergeschichte schrieben. Mitten im kalten Krieg zeigte Buckwitz Werke von Bertolt Brecht, für das konservative Bürgertum der Wirtschaftswunderzeit eine Provokation.  

Als junge Kunststudentin exmatrikuliert 

Pratschke wurde Assistentin des Regisseurs Franz Merz, entwarf mehrere Jahre lang Bühnenbilder. Doch sie wollte mehr. Da gab es die traditionsreiche Städelschule. Die junge Frau schrieb sich für Malerei und Bildhauerei ein. Doch sie kam mit dem Unterricht, mit den Inhalten, mit der ganzen Atmosphäre nicht zurecht. „Ich mochte diese akademische Richtung nicht.“ Es gab ständig Ärger mit den Professoren, am Ende wurde die junge Künstlerin exmatrikuliert. 

Es brauchte erst einen heftigen Bruch in der persönlichen Biografie, bis Pratschke ihren Weg fand. Ihre Ehe scheiterte, sie ließ sich scheiden. „Ich musste neu anfangen.“ Das war 1973. Sie mietete ihr erstes eigenes Atelier und begann mit der Arbeit. 

„Ich bin autark“

Sie hatte gelernt, mit ganz wenig auszukommen. Noch heute profitiert sie davon. Ein Kleinwagen, eine bescheidene Wohnung, mehr braucht sie nicht. Konsequent verweigert sie sich allen Gruppen und Strömungen. Auch die 68er-Bewegung ging an ihr vorbei. Als alleinerziehende Mutter zweier Töchter „blieb keine Zeit für Demonstrationen“. Und überhaupt: „Ich bin kein Mensch, der sich einer Bewegung anschließt – ich bin autark.“ Und die Frauenbewegung? Ha! Sie winkt ab. „Ich bin über den Feminismus hinaus.“ 

Natürlich ist da Stolz zu spüren auf ihre Arbeit. „Ich kann ganz gut davon leben – ich habe ja auch Sammler.“ Und natürlich freut sie sich, „dass auch der Ministerpräsident eine Arbeit gekauft hat“. 

Das Alter schockt Pratschke nicht 

Ein Gipsmodell, aus dem später eine metallene Plastik wurde. Im Hintergrund die Gipssäcke.

Aber am Ende fühlt sich die Bildhauerin am wohlsten, wenn sie alleine ist mit sich und ihrer Arbeit. „Ich bin glücklich, wenn ich morgens mein Atelier betrete und meine Skulpturenfamilie wachsen sehe.“ Und das Alter? Pause. Pratschke wägt sorgsam das kleine Beil in ihrer Hand. Steigt dann für den Fotografen auf ein hohes Podest, von dem aus sie das Atelier überblicken kann. „Ich mache einfach weiter“, sagt sie. Ihre Arbeit, ihre Kunst: „Das ist ein Thema, das ist lebenslänglich.“ Ja, das gefällt ihr. Pratschke lacht. „Ich bin eine Lebenslängliche!“, ruft sie dann. 

Nun gut, ein Vorbild lässt sie dann doch gelten. Den Schweizer Bildhauer Hans Josephson, 2012 im hohen Alter von 92 Jahren in Zürich gestorben. Auch sein großes Thema war die menschliche Figur, auch er modellierte seine Plastiken zunächst in Gips und bearbeitete sie mit dem Beil, bevor sie dann in Messing gegossen wurden. Pratschke nennt ihn „ein großes Vorbild und Anregung“ zugleich. 

Ruhestand ist nichts für Wanda Pratschke 

Eigens zu ihrem 80. Geburtstag hat die Bildhauerin die monumentale Skulptur „Große Frau – ein Fels“ geschaffen. 2017 begann sie mit der Arbeit an der überlebensgroßen Form, allein fünf Monate schlug sie mit dem Beil die Figur, „dann entschied ich mich nach langem Ringen: Die Arbeit ist fertig.“ 

So langsam beschäftigt sich die Künstlerin mit dem Alter. Und mit der Frage. was sie eigentlich mit dieser Phase ihres Lebens anfangen möchte. Eine Möglichkeit wäre natürlich, zu ihrer Tochter nach Brasilien umzusiedeln. „Da wird dann ein Atelier aufgebaut!“, ruft sie. Ruhestand? Davon will Wanda Pratschke nichts wissen. „Ich bin nicht jemand, der im Müßiggang lebt“, sagt sie bündig. Und fügt hinzu: „Da bin ich nicht glücklich – ich würde depressiv werden.“ 

Heute wird es mit dem Sonnenlicht im Atelier an der Ostparkstraße wohl nichts mehr. Pratschke nimmt das kleine Beil zur Hand, Sie wird noch ein wenig arbeiten. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare