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Weltkriegsbombe in Frankfurt

Bombenentschärfung: Frankfurt bleibt entspannt, auch bei der Evakuierung

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Die Bombenentschärfung in Frankfurt nehmen die Betroffenen gelassen – manche nutzen sie für einen Besuch im eigentlich geschlossenen Zoo.

Ganz Frankfurt hat sich bestens auf die große Bombenentschärfung vorbereitet. Ganz Frankfurt? Fast. Kurz vor 9 Uhr entfährt einer Mutter vor dem Eingang des Zoos, an dem sie als früher Vogel der Schlange ein Schnippchen zu schlagen gehofft hatte, ein Schrei des Entsetzens. „Wegen Entschärfung einer Weltkriegsbombe geschlossen“, informiert stumm ein Schild vor dem verschlossenen, verwaisten Foyer und bittet um Verständnis. Das ist zwar ärgerlich, aber keine Katastrophe. Auch wenn die Miene der Tochter eine andere Ansicht kundtut.

„Wir brauchen Hilfe“, ruft eine Frau vor der Krankenstation im Gesellschaftshaus des Zoos, das heute als Notunterkunft für die rund 16 500 Menschen dient, die von der Evakuierung betroffen sind. Zum Glück ist es nichts Ernstes. Ihre Tochter wisse nicht, was sie in dem Feld „Weiterleiten nach…“ auf der „Ausweis- und Bezugskarte“, die zum Bezug eines Frühstücks berechtigt, schreiben solle. Und sie selbst benötige eine Schreibunterlage, ihr Kuli mache schlapp. Zwei Problemchen, die die freundliche Frau vom Roten Kreuz mit „nichts“ beziehungsweise „bitte schön“ schnell lösen konnte.

Auf der Terrasse hinter dem Gesellschaftshaus genießen die früh gekommenen Evakuierten den noch leidlich lauen Sommermorgen. Dazu brüllt von nah der Löwe, und er brüllt gut. „Der Kaffee ist fertig“, ruft eine Helferin vom Roten Kreuz, eine von etwa 50, die hier heute ehrenamtlich dienen. Sieht nach Regen aus. Ist aber tatsächlich Kaffee. Man bekommt ihn auch ohne ausgefüllte Ausweis- und Bezugskarte. Dann fängt es an zu regnen. Die Terrasse lichtet sich. Betrüblich, aber keine Katastrophe. Den Kaffee mal ausgenommen.

Auch ein Pflegeheim wird geräumt.

Im Zoo-Gesellschaftshaus sitzt Anita Schwerter auf einer Bierbank. Gedanklich ist die 85-Jährige im 4. Oktober 1943. „Das kommt jetzt alles wieder hoch“, sagt sie. Wie sie nach dem Bombenangriff mit ihrer Mutter und dem zwölf Jahre alten Bruder den Bunker verlassen habe. Und zurück gewollt habe in ihre Wohnung in der Wallstraße in Sachsenhausen. Da sei nur keine Wohnung mehr gewesen. Aber wenigstens der Vater, der sie an den Trümmern erwartet und zu Fuß nach Offenbach geschickt habe. Von da hätten sie und ihr Bruder eigentlich den Zug nach Aschaffenburg nehmen sollen, wo ihre Großeltern in einem Häuschen auf dem Lande gelebt hätten. Aber die Gleise seien durch Bomben zerstört gewesen, und dann hätten sie wieder laufen müssen, bis zum Haus der Großeltern, wo sie dann zusammen mit anderen Stadtflüchtlingen wieder im Keller gehockt hätten, weil Hanau bombardiert worden sei. „Das“, sagt Anita Schwerter „war eine Katastrophe.“

Angesichts solcher Geschichten wirken die Alltagsprobleme, die die heutigen Evakuierten umtreiben, eher pittoresk. Sie habe ja eigentlich ihre Wohnung gar nicht verlassen wollen, verrät eine Frau ihrer Nachbarin, die sie in der Notunterkunft wiedertrifft. Denn am späten Vormittag gebe es im Hessenfernsehen eine Liveberichterstattung der Bombenräumung, die hätte sie zu gerne gesehen. Die Nachbarin wirft ein, dass außer im Zoo-Gesellschaftshaus ja derzeit nicht viel passiere, darüber werde wohl auch der HR berichten, und da sei sie ja schließlich selbst live vor Ort. Das stimme ja, gibt ihr Gegenüber zu, aber es sei halt einfach nicht dasselbe wie im Fernseher.

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Dabei hat die Nachbarin ja durchaus recht. Außerhalb des Gesellschaftshauses tut sich nicht allzu viel. Über dem Gebiet kreist ein Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera. Auf dem Main patrouilliert ein Polizeiboot, so ehrfurchtgebietend, dass es selbst die „Mainpiraten“ des Abenteuerspielplatzes Riederwald zum Beidrehen zwingt. Im Ostend und in Sachsenhausen gehen Polizeibeamte von Haustür zu Haustür, gucken, ob alles ordnungsgemäß geräumt ist, und rufen Fahrradfahrer mit Sehschwäche für rot-weiße Absperrbänder mit denselben Worten zur Ordnung wie der Liebe Gott den frevelnden Sünder: „Hallo! Umdrehen!“

Anita Schwerter hat schon Schlimmeres erlebt.

Im Zoo-Gesellschaftshaus an der Frühstücksausgabe wirkt Max Bähring allerdings zunehmend aufgeregter. Am Kaffee kann das nicht liegen und tatsächlich treibt den Ostendler aus der Hölderlinstraße etwas ganz anderes um. Die Informationen über die Evakuierung seien an sämtlichen Häusern ausschließlich in deutscher Sprache aufgehängt worden. Ausgerechnet die verstünden aber die meisten Anwohner nicht. Zudem sei die Konfusion groß, weil die Evakuierungsregeln auch an Haustüren gehangen hätten, die gar nicht in der betroffenen Zone lägen. „Jede Menge Nachbarn sind total verunsichert“, sagt Bähring, und einige habe er sogar gesehen, die sich mit Ausweis- und Bezugskarte ein Frühstück erschlichen hätten, das ihnen gar nicht zustünde. Dies mag so sein, wäre allerdings eher ein Grund zum Mitfühlen als für Futterneid (Aprikosenmarmelade, Analogkäse, Salamiersatzformfleisch).

Gemeinsam die Stadt unsicher machen

Die meisten aber bewahren die Ruhe. Einige haben sich ihren Laptop mitgenommen, um zu arbeiten, andere ein gutes Buch, um nicht zu arbeiten. Und richtig lange bleiben die meisten ohnehin nicht. „Ich mach’ gleich wieder den Flattermann“, sagt ein älterer Ostendbewohner, er habe einfach nur mal kurz vorbeigeschaut, um ein paar Nachbarn zu treffen. Das hat geklappt, er ist gerade im Gespräch mit einem sehr jungen Nachbarn. Man rede zwar täglich miteinander, sagen die beiden, aber so gut wie nie im Zoo-Gesellschaftshaus. So eine Chance müsse man nutzen.

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Und auch für Anita Schwerter nimmt die Geschichte ein mehr als versöhnliches Ende. Sie habe nicht vor, hier zu versauern, sagt die 85-Jährige. Sie warte hier eigentlich nur auf ihre Tochter. Die werde sie demnächst abholen, und dann werde man gemeinsam die Stadt, zumindest die ungesperrten Teile, unsicher machen, sagt sie, darauf freue sie sich jetzt schon seit Tagen. Gegen Mittag – lange, bevor das gesperrte Gebiet für die Bombenentschärfer überhaupt freigegeben wird – hat sie das Gesellschaftshaus schon wieder verlassen. Der Regen hat mittlerweile auch deutlich nachgelassen. Als am Nachmittag die Bombe dann doch etwas früher als von den meisten erwartet entschärft ist, scheint sogar wieder die Sonne. Und darauf kommt es letztlich ja auch an. Alles andere ist dünner Kaffee.

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