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Die Bänke auf dem Adlhochplatz sind verschwunden.

Konflikte

„Orte ohne Konsumzwang verschwinden“

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Stadtgeograf Daniel Mullis über die zunehmenden Konflikte um die Nutzung öffentlicher Räume.

Am Adlhochplatz in Sachsenhausen hat die Stadt am Mittwoch alle Bänke abmontiert. Zuvor hatte der Ortsbeirat monatelang darüber diskutiert, nachdem es immer wieder Beschwerden von Anwohnern über Lärm von Jugendlichen gegeben hatte. Aber nicht nur in Sachsenhausen gibt es häufig Konflikte um öffentliche Plätze.

Herr Mullis, am Adlhochplatz sind nach dem Willen der Kommunalpolitik Sitzbänke entfernt worden. Anlass sind Beschwerden über Lärmbelästigungen durch Nutzer – vor allem Jugendliche. Man kann manchmal den Eindruck gewinnen, dass öffentliche Orte in Frankfurt nicht für eine öffentliche Nutzung gedacht sind …
Ja, den Eindruck kann man haben. In vielen westlichen Städten ist es tatsächlich so, dass öffentliche Räume Zugriffskontrollen unterworfen werden oder der Zugang dazu nicht gleich verteilt ist. Man kann beobachten, dass die Zugangsrestriktionen zu öffentlichen Räumen vor allem für Menschen gelten, die ohnehin marginalisiert sind. Menschen mit kleineren Einkommen, die vielleicht in beengten Wohnungen leben und den öffentlichen Raum brauchen, Jugendliche, die draußen im öffentlichen Raum wichtige gesellschaftliche Selbstfindungsprozesse durchlaufen. Für diese Gruppen wird der öffentliche Raum stärker reglementiert – manchmal auch verschlossen.

Daniel Mullis (35) ist Stadtgeograf und arbeitet für die Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung. Seine Forschungsschwerpunkte sind soziale Proteste, autoritäre Tendenzen und kritische Geografie.

Wenn Sie sagen, dass diese Tendenz stärker wird, implizieren Sie ja, dass es früher anders war. Täuscht der Eindruck oder nehmen Konflikte um öffentlichen Raum stetig zu?
Es fällt mir schwer, das so zu sagen. So lange ich zurückdenken kann, gibt es Diskussionen um die Nutzung des öffentlichen Raums. Aber ich würde schon sagen, dass man im Zuge der verstärkten Vermarktung von Städten, wo es darum geht, die Städte für Touristinnen oder eine wohlhabendere Klientel interessant zu machen, stärker versucht, alles, was als „nicht normal“ gilt, auszuschließen. Besser gesagt: Es rauszudrängen versucht. Das ist die Steigerung einer Tendenz, die es schon länger gab. Und die heute von einem verstärkten Konsumverhalten unterstützt wird.

Eine Gruppe, die davon besonders betroffen ist, sind die Wohnsitzlosen. Sitzgelegenheiten werden gerne auch mit dem Argument abmontiert, dass sie von Wohnsitzlosen als Schlafplatz genutzt werden …
Sicher. Aber das gilt auch für anderen Gruppen: Drogensüchtige etwa oder Alkoholiker. Es geht also um Gruppen, die darauf angewiesen sind, einen großen Teil ihres Lebens draußen zu verbringen – und das nicht unbedingt freiwillig. Aber natürlich wird dadurch auch Rentnerinnen und Rentnern das Leben schwergemacht, wenn sie sich beim Einkaufen nicht erholen können. Auch Müttern, die kurz mal ihr Kind stillen wollen. Oder ganz simpel: Leuten, die einfach mal draußen ihr Mittagessen genießen wollen. Letztlich sind wir also alle betroffen. Man muss sehen, es sind Orte ohne Konsumzwang, die zunehmend verschwinden.

Vielleicht ist es ja auch eine Kulturfrage. In Ländern wie Italien oder Spanien werden öffentliche Plätze viel intensiver und viel selbstverständlicher genutzt als in Deutschland …
Das stimmt. Zumindest meiner Wahrnehmung nach gibt es eine andere Kultur des „Draußenseins“ und auch eine höhere Lärmtoleranz. Aber wer weiß? Mit den zunehmend heißeren Sommern könnte sich auch in Deutschland das Leben mehr nach draußen verlagern. Es steht also zu erwarten, dass diese Konflikte um Lärm und die Nutzung von Plätzen zunehmen.

Wie kann die Kommunalpolitik bei solchen Konflikten reagieren?
Es ist wichtig, dass sie moderiert. Denn natürlich sind beide Bedürfnisse, die hier aufeinandertreffen, erst mal legitim. Das Bedürfnis nach einigermaßen ruhigem Wohnen und der Nutzung öffentlicher Plätze. Man muss aber auch sehen, dass in vielen Fällen, wo solche Konflikte auftreten, die Nutzung der Plätze ja nicht neu ist. Man kann also auch sagen, dass wenn Menschen an solche Plätze ziehen, es in einem gewissen Maße dazugehört, dass man in Maßen auch mit lauter Nutzung leben muss. Das kaufen die mit ein, dass da gelebt wird und es manchmal auch laut ist. Ich finde es schwierig, wenn man an einen Ort kommt und dann quasi rückwirkend versucht, den eigenen Lebensstil durchzusetzen.

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