Uwe Gehrmann vermittelt seinen Schülern Wertschätzung.
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Uwe Gehrmann vermittelt seinen Schülern Wertschätzung.

IGS Nordend

„Ort für neue Pädagogik“

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Die IGS Nordend besteht seit 25 Jahren. Schulleiter Uwe Gehrmann spricht im FR-Interview über die Jubiläumsfeier und warum seine Schule anders ist.

Uwe Gehrmann ist seit 2008 Schulleiter an der IGS Nordend, gleichzeitig ist er auch an der IGS Süd in Sachsenhausen tätig. Er leitet dort die Planungsgruppe zur Gründung. Im Nordend ist er für die Belange von 587 Kindern in 24 Klassen zuständig.

Ihre Schule wird heute 25 Jahre alt. Wie feiern Sie?
Wir hatten den Gedanken, nicht das 200. Fest nach dem gleichen Muster zu feiern, mit Reden und Schnittchen. Wenn man eine moderne Schule ist, sollte die Feier modern sein. Deshalb haben wir unser Schulgebäude in einen Zeitstrahl verwandelt.

Wie darf man sich diesen Zeitstrahl vorstellen?
Wir beginnen im Erdgeschoss mit der Gründung der Schule und enden im zweiten Obergeschoss mit Zukunftsideen. Menschen haben den Zeitstrahl bestückt, so dass es wie ein Museum ist. Wir haben Geschichten, Bilder und Performances, Musiker und Kinder führen Dinge vor. Oben sind Arbeiten von Schülern zu sehen, die erzählen, was ihr liebster Ort an der Schule ist und wie ihre Träume für die Zukunft aussehen.

Gibt es auch Wortbeiträge?
Schuldezernentin Sylvia Weber und ich werden kurze Worte sprechen. Eingerahmt durch den Zeitstrahl gibt es aber eine Diskussionsrunde mit den Gründungsvätern und -müttern über den Werdegang der Schule. Im zweiten Stock wird es eine weitere Diskussion zur Zukunft der Bildung in Deutschland geben. Das Publikum soll sich dabei einbringen.

Ihre Schule wurde einst von Eltern und Lehrern gegründet. Ist das nach wie vor prägend?
Dass Eltern und Lehrer eine Schule gründen, gab es zu dieser Zeit in Frankfurt nicht. Es war eine Gruppe von Menschen, die einen Ort für eine neue Pädagogik gesucht hat, das brachte Widerstand. Aber dieser Geist, dass die Leute Schule gestalten wollen und immer besser machen wollen, wirkt bis heute nach.

Das heißt, die Eltern mischen fleißig mit?
Die Einmischungsbereitschaft ist so ausgeprägt, wie ich es nirgendwo sonst erlebt habe. Ein Sinnbild dafür ist unser Tanzfest Aprilfrisch, wo Eltern und Lehrern einmal jährlich zusammen abrocken. Es wird kein Wort über die Schule gesprochen. Das kommt gut an.

Wo Sie von einem Sinnbild sprechen – was ist sinnbildlich für Ihre Pädagogik?
Die Beziehungsarbeit steht bei uns im Zentrum, daraus resultiert Wertschätzung. Normalerweise geht es in der Pädagogik zunächst einmal ums Bilden. Es geht darum, genügend Stoff in Schüler reinzuimplementieren und dann guckt man, ob noch Zeit ist, eine Beziehung aufzubauen. Wir sind überzeugt, dass eine gute Beziehungsarbeit die Grundlage für gutes Lernen ist. Unser Erfolg gibt uns dabei Recht, 75 bis 80 Prozent der Kinder bei uns erreichen die gymnasiale Oberstufe. Das erreichen sie, weil wir die Kinder ernst nehmen. Wir ziehen starke Kinder groß, die schlau sind.

Was ist am Unterricht anders?
Für unsere Jahrgangsstufen 8, 9 und 10 gibt es jeden Donnerstag einen Projekttag. Die Kinder suchen sich ihre Themen aus. Auch in den Fächern arbeiten wir häufig in Projekten.

Sie sind im neunten Jahr an der IGS Nordend – was hat sich am meisten verändert?
Der Bereich der Inklusion. Bei uns ist Inklusion inzwischen Alltag, wir haben 60 Kinder mit Förderbedarf. Bei uns gibt es keine Hänseleien, weil einer im Rollstuhl sitzt, da wir den wertschätzenden Umgang vorleben. Der zweite Punkt ist der kulturelle Aspekt. Seit fünf Jahren arbeiten wir mit der Altana-Kulturstiftung zusammen, unsere achten Klassen haben ein Kulturtagjahr, bei dem sie auf Musiker, Autoren, Maler, Bildhauer, Tänzer treffen. Durch die Zusammenarbeit mit professionellen Künstlern entstehen neue Inhalte.

Die Zukunftsvisionen der Schüler sind beim Schulfest ausgestellt. Wie stellen Sie sich die Schule der Zukunft vor?
Schule muss raus aus ihrer künstlichen Welt, die irgendwann von Pädagogen entwickelt wurde. Die Schule muss vom Kind her denken und mit den Kindern, denn Kinder sind Spezialisten für ihre Fähigkeiten, und diese Impulse sollten wir ernst nehmen. Wir müssen Themen, die Kinder interessieren, zu Themen des Unterrichts machen.

An der IGS werden Fächer häufig kombiniert. Ist das auch ein Zukunftsprojekt?
Schule muss weg vom Fachunterricht und hin zu Projektarbeiten und zusammenhängendem Lernen. Wir haben schon vor einigen Jahren Biologie, Chemie und Physik zusammengelegt, denn in der Realität überschneiden sie sich ständig. Wir müssen einen realen Zusammenhang zwischen Mathe, Englisch und Kunst darstellen. Die Kinder müssen verstehen, warum sie das lernen sollen. Es gibt das Sprichwort „Man lernt nicht für die Schule, sondern fürs Leben“ – aber die Schule macht derzeit genau das Gegenteil.

Interview: Miriam Keilbach

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