1. Startseite
  2. Frankfurt

Opfer widerruft alle Vorwürfe

Erstellt:

Von: Stefan Behr

Kommentare

Prozess gegen Mann, der Ehefrau monatelang an die Heizung gefesselt haben soll.

Es ist ein Kaventsmann von Angeklagtem, der am Donnerstagmorgen den Saal des Landgerichts betritt: gut zwei Meter groß, fast ebenso breit, das Haar an den Seiten abrasiert und hinten mit Pferdeschwanz gebändigt.

Noch weit monströser ist die Anklage. Dem 29 Jahre alten Yusuf S. werden Freiheitsberaubung, Bedrohung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Er soll seine 28 Jahre alte Ehefrau von Februar bis März 2021 in der gemeinsamen Wohnung in Kronberg wie eine Gefangene gehalten und ihr jeglichen Kontakt zur Außenwelt verboten haben.

Tagsüber habe er die Tür verschlossen, nachts die Frau mit Fußschellen, Kabelbindern oder Schnürsenkeln an die Heizung gefesselt. Immer wieder habe er sie geschlagen, mit Messer oder Schere gestochen und anderweitig gequält und erniedrigt. Als sie sich den Arm brach, habe er ihr eine medizinische Behandlung verweigert, so dass die Knochen krumm zusammenwuchsen.

Zweimal soll der Frau laut Anklage die Flucht gelungen sein, zweimal sei sie zurückgekehrt - „aus Angst sowie Drogen- und emotionaler Abhängigkeit“. Bei den Drogen handelt es sich zumeist um Kokain und Crack - und den fast schon obligatorischen Alkohol.

Klar ist, dass der Fall in einem Milieu spielt, von dem der Volksmund sagt, dass es sich schlägt und verträgt. Der Angeklagte will sich zumindest vorerst - der Prozess wird fortgesetzt - nicht zu den Tatvorwürfen äußern. Bei der Verlesung der Anklage aber schüttelt der Riese immer wieder seinen Kopf, als könne er nicht glauben, was er da höre.

Unterstützt wird er dabei von seinem vermeintlichen Opfer. Vor Gericht sagt die Frau als Zeugin recht überraschend, dass sämtliche Anschuldigungen von ihr frei erfunden worden seien. Ihre Motive dafür klingen recht verworren und unverständlich, laufen aber darauf hinaus, dass sie nicht so recht bei geistiger Gesundheit sei – eine Behauptung, die von ihrem Auftreten im Zeugenstand erheblich untermauert wird.

Die zahllosen Narben, die ihren gesamten Körper bedecken, habe sie sich selbst beigebracht. Die Fesselungsstellen an ihren Knöcheln erklärt sie mit einvernehmlichen Sexualpraktiken. Den Armbruch und andere Verletzungen begründet sie damit, dass sie unter Gleichgewichtsstörungen leide und immer wieder mal umkippe. Sie würde gerne wieder mit ihrem Ehemann, von dem sie derzeit getrennt lebt, zusammen sein – nicht zuletzt auch wegen der drei Kinder – das älteste davon ist zwölf Jahre alt –, die gegenwärtig auf Geheiß des Jugendamts bei den Eltern des Angeklagten leben. Der Angeklagte hört ihr zu, schweigt und schüttelt den Kopf.

Sollte es sich herausstellen, dass die Vorwürfe tatsächlich frei erfunden sind, dann dürfte die Frau ein eigenes Strafverfahren erwarten – immerhin saß der Angeklagte wegen der Anschuldigungen bereits fünf Monate in Untersuchungshaft.

Auch interessant

Kommentare