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Schon als die Bauzäune fielen, war das Interesse an den Rekonstruktionen riesig.

Neue Altstadt in Frankfurt

Hoffnung auf einen Imagewandel

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Die neue Altstadt in Frankfurt soll dazu beitragen, dass die Stadt positiver wahrgenommen wird. Ein Abdruck aus dem neuen FR-Geschichtsheft.

Selbst Thomas Feda wundert sich noch manchmal. Natürlich haben auch früher japanische Touristen auf Europatour auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen einen kurzen Zwischenstopp am Römer eingelegt, Fotos gemacht, sind Schülergruppen und Wochenendtouristen durchs Goethehaus, das Städel und zur Paulskirche gelaufen. Doch das Ausmaß, in dem die einst als „Bankfurt“ oder gar „Krankfurt“ verschriene Stadt am Main, deren Image zwischen kühl und kriminell changierte, inzwischen Reisende anzieht, lässt sogar den städtischen Tourismuschef staunen. Die neue Altstadt, die zwischen Dom und Römer entstanden ist, dürfte den Tourismus in Frankfurt, der längst ein beträchtlicher Wirtschaftsfaktor für die Stadt ist, noch kräftig verstärken.

Das Interesse ist riesig. Schon im Sommer, als die Geschäfte, Lokale und Museen entlang des Krönungswegs und am Hühnermarkt noch nicht einmal eröffnet hatten, gingen nach Zählungen der Stadt tagsüber jeweils rund 9000 Menschen durch das früher mit dem brutalistischen Technischen Rathaus bebaute Areal.

Drei Millionen Besucher im Jahr werden sich, wie Tourismuschef Feda schätzt, die neue Altstadt mindestens ansehen.  Die 75 Gästeführer der Tourismus- und Congress-Gesellschaft sind schon jetzt sehr gut beschäftigt, können die große Nachfrage nach Führungen durch das Gelände kaum decken.

Acht Mal in Folge ist die Zahl der Touristen, die in den Frankfurter Beherbergungsbetrieben übernachten, bereits gestiegen. Ende 2018 dürfte zum ersten Mal die Marke von zehn Millionen Übernachtungen geknackt werden. Nur Berlin, Hamburg und München ziehen mehr Touristen an.

Klassische Städtereiseziele wie Dresden hat Frankfurt längst überholt. Und immer öfter taucht die Stadt in Katalogen für Städtereiseziele auf, nehmen Reiseveranstalter Frankfurt in ihr Programm auf.

Authentizität ist den Besuchern egal

Dass die neue Altstadt nicht alt und nicht echt ist, dass selbst bei den 15 Rekonstruktionen jede Menge Kompromisse gemacht wurden, wird sich nach Ansicht des Tourismusforschers Jürgen Schmude nicht negativ auf die Gästezahlen auswirken. Touristen seien auch auf der Suche nach Neuem, sagt der Professor für Wirtschaftsgeografie und Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. „Das kann Burj Khalifa sein, das höchste Gebäude der Welt, aber auch etwas auf alt Gemachtes. Gerade dass die Altstadt jetzt neu ist, macht sie für viele interessant.“ Letztendlich sei es den Touristen egal, wie authentisch die Altstadt sei, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft. „Wenn Sie die Höhle von Lascaux besuchen, im Westen Frankreichs, sind Sie in einer Replik. 90 Prozent der Besucher wissen das aber nicht.“ Schmude weist auch auf die Warschauer Altstadt hin, die im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen vollständig zerstört, später wiederaufgebaut wurde und heute Weltkulturerbe ist.

In der Tat dürften auch die wenigsten Frankfurt-Reisenden wissen, dass etwa die Ostzeile des Römerbergs und die Alte Oper jeweils erst in den 1980er Jahren entstanden sind. Bei ihrer Eröffnung im Jahr 1981 war von der neuen Alten Oper die Rede wie heute von der neuen Altstadt. Andere Gebäude wie die Paulskirche und das Goethehaus wurden bereits in der Nachkriegszeit wieder aufgebaut.

Und nicht nur in Frankfurt werben einige schon lange für die nächsten Rekonstruktionen, den Weiterbau der neuen Altstadt. Auch in anderen stark vom Zweiten Weltkrieg beschädigten deutschen Städten könnte die Rekonstruktion früherer Gebäude wieder stärker zum Thema werden. „Wenn sich die neue Altstadt in Frankfurt als erfolgreich erweisen sollte, sind die Nachahmer schnell auf dem Plan“, sagt Schmude.

Städtereisen liegen im Trend

Befeuert durch den steigenden Privatreisemarkt, das in Frankfurt traditionell sehr starke Geschäft mit Businessreisenden, also etwa Messe-und Kongressbesuchern, die niedrigen Zinsen und mangelnde Anlagealternativen drängen seit Jahren immer neue Hotels auf den Frankfurter Markt. Noch geht die Rechnung der Konzerne auf. Die Zahl der Gäste wächst sogar stärker als die der Zimmer. Auch die Frankfurter Gastronomie und der Einzelhandel profitieren kräftig vom Tourismusboom. Und noch ist trotz der Terroranschläge der vergangenen Jahre und weltweiter politischer Spannungen kein Ende des nicht nur deutschlandweiten Trends zu Städtereisen abzusehen. Nichts spricht dagegen, dass 2019 der zehnte Tourismusrekord in Folge aufgestellt wird.

Feda und Schmude halten es durchaus für möglich, dass die neue Altstadt dazu beiträgt, dass noch mehr Reisegruppen aus China oder Japan Station am Main machen. „Frankfurt wird aber sicherlich nicht Rothenburg ob der Tauber oder Heidelberg ersetzen“, sagt der Tourismusforscher. Ohnehin geht er davon aus, dass das Ensemble eher Tagestouristen als Übernachtungsgäste anziehen wird.

Feda sieht das ähnlich. Zwar werde die Stadt die eigentlichen Effekte der neuen Altstadt erst im Jahr 2019 spüren. Viel spreche aber dafür, dass diese besonders Tagestouristen anziehe. Und die sparen sich nach seiner Beobachtung, wenn ihr Wohnort nicht mehr als 150 Kilometer von Frankfurt entfernt liegt und die Auto- oder Zugverbindung stimmt, das Hotel und fahren abends wieder heim. Feda warnt ohnehin davor, die Bedeutung der neuen Altstadt für den Tourismus in Frankfurt zu überschätzen. Die sei ein weiterer Baustein, der bei der touristischen Vermarktung der Stadt als Kulturstandort helfe.

Vor allem aber trage sie dazu bei, Frankfurt „weicher zu zeichnen“ und so den positiven Imagewandel der Stadt fortzusetzen. Schmude ist da eher skeptisch. Zwar werde positiv wahrgenommen, dass in Frankfurt etwas passiere. Doch dass die neue Altstadt das Image der Stadt stark verändere, sei schon angesichts ihrer geringen Größe unwahrscheinlich. „So groß ist das Areal ja nicht. Salopp gesprochen, sind Sie in einer halben Stunde durch.“

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