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Der Leiter des Opernchors Frankfurt, Tilman Michael.

Oper Frankfurt

Das Glücksgefühl des Gesangs

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Tilman Michael, der Direktor des Chors der Oper Frankfurt, hat den Klangkörper neu aufgestellt und wird dafür vom Publikum gefeiert.

Einige Dutzend Notenständer verteilen sich über die Stufen des kleinen Saals. Auf dem Podium ein Klavier, Nicht weit entfernt eine einsame Topfpflanze. Der abgenutzte Raum ist von stupender Kargheit. Niemand käme auf die Idee, dass hier einer der besten Opernchöre Europas probt. Das Ambiente ist ein schöner Beleg dafür, dass die Arbeitsbedingungen der Städtischen Bühnen in Frankfurt dringend verbessert werden müssen. 

Doch Tilman Michael ficht das alles nicht an. Er klagt mit keinem Wort. Der Direktor des Chors der Oper Frankfurt, ein schlanker, jugendlich wirkender Mann, strahlt Optimismus aus. Der 43-jährige hat auch allen Grund dazu, mit sich selbst im Reinen zu sein. In den vier Jahren an der Spitze hat er den Opernchor zu einem beeindruckenden Ensemble geformt, das in vielen Aufführungen unvergessliche Szenen schafft. Die 83 Chor-Mitglieder bewegen sich singend manchmal wie ein Lebewesen über die große Opern-Bühne, sie ziehen sich zusammen, breiten sich aus, tanzen, wirbeln. 

 Die Zeiten, in der ein Opernchor wie festgerammt in den Boden dastand, sind lange vorbei. „In der Sprache von heutigen Regisseuren gibt es sehr viel Herausforderung für uns“, sagt der Direktor. Aber er nimmt sie gerne an. Michael ist einer, der „experimentiert“, wie er selbst sagt. In seinen früheren Positionen, als zweiter Direktor des Chors der Hamburger Staatsoper, danach als Chorchef des Nationaltheaters Mannheim, hat er „für Überraschungen gesorgt“. Er lächelt in der Erinnerung. In Mannheim errang er die Auszeichnung „Chor des Jahres“, das machte Frankfurts Opern-Intendant Bernd Loebe endgültig auf ihn aufmerksam. In Frankfurt erlebt er gerade „eine sehr schöne Phase“ seiner Karriere, wird gefeiert und heimst viel Lob ein, wie gerade bei der Operngala 2018. 

Er kommt aus einer gutbürgerlichen Familie, wurde gleichsam in die Welt der klassischen Musik hineingeboren. Der Vater war Oboist im Radiosinfonieorchester Stuttgart. Der Sohn spielte mit sieben Jahren schon Cello, erhielt eine klassische Klavierausbildung. Aber es waren die Chöre, die ihn magisch anzogen. Als Kind und Jugendlicher im ökumenischen Knabenchor Collegium Juvenum Stuttgart sang er viele Konzerte, Auf Tourneen bis hin nach Finnland und Polen. 

„Das Gemeinschaftsgefühl“, der „gemeinsame Klang“ beim Chorsingen: Davon kann er mit glänzenden Augen erzählen. Während des Musikstudiums sang er im Kammerchor Stuttgart., Es hat mich einfach gepackt“, sagt er heute. Spricht von „einem beglückenden Gefühl“ beim Singen im Chor. „Man kreiert etwas zusammen, man hört aufeinander.“ 

Er spielte als junger Mann auch Cello im Orchester, studierte das Dirigieren und trat vor die Musiker. Doch das alles brachte ihm nicht so viel wie das Arbeiten im und mit einem Chor. „Ein Chor hat mir viel mehr bedeutet, das Unmittelbare hat mich begeistert.“ Noch heute fasziniert es ihn, dass ein Chor mit einem anderen Leiter plötzlich „komplett anders“ klinge, dass da etwas „an unerklärlichen Dingen“ geschehe. 

Die 83 Mitglieder des Opern-Chores Frankfurt verteilen sich auf 73 Stellen. Dieser Klangkörper ist aus Sicht seines Leiters“ „noch ein bisschen zu klein“. Er hält 80 Stellen für erforderlich. Einfach, weil die Belastung der Sängerinnen und Sänger doch sehr hoch sei. Alleine sieben Premieren in dieser Spielzeit, dazu zahlreiche Wiederaufnahmen.

Durchsetzungsvermögen gefragt

Kaum jemand weiß, wieviel Arbeit alleine vor einer Premiere ansteht. Etwa zwanzig Proben hier im Chorsaal, dazu zehn bis fünfzehn szenische Proben auf der großen Bühne im Bühnenbild, dann mindestens acht Endproben mit den Kostümen. 

Immer wieder Gespräche mit dem Dirigenten, mit dem Regisseur. Was ist mit dieser einen Stelle, kann das nicht besser werden? Kann noch nachjustiert werden? Bei den Premieren sitzt Michael mit höchster Anspanung im Publikum. Jetzt ist es zu spät, jetzt kann er nichts mehr tun. 

Michael hat sich sehr früh durchsetzen müssen. „Als ich in Hamburg anfing, war ich 27 Jahre alt.“ Er wurde durchaus misstrauisch beäugt, vor allem von älteren Chormitgliedern, bekam zu hören: „Das haben wir ja noch nie gemacht!“ Aber er behauptete sich am Ende. 

Das müsse ein Chorleiter auch tun, sagt er: „Nur mit guter Laune wird es nichts.“ Ihm ist bewusst, dass die Oper zwar magische Momente schafft, dass dann „etwas Unerklärliches“ mit dem Publikum geschieht. „Wir machen etwas, das nicht meßbar ist.“ Aber schon sein Vater brachte ihm nahe, dass die Oper zugleich etwas Vergängliches hat: „Es zählt nur der Augenblick.“

Wenn Michael so über seine Arbeit spricht, über seine Gefühle, dann kann er sich völlig verlieren. Eigentlich erwartet der Besucher, dass sein Gegenüber in den nächsten Sekunden die Augen schließt. 

Aber der Chorleiter ist zugleich geerdet genug. Er ist Vater von drei Kindern, seine Zwillinge sind gerade einmal anderthalb Jahre alt. Da gibt es genug Herausforderungen im Alltag, das schützt vor dem Abheben. Der Musiker steht im übrigen dem Starkult, den es ja bei der Oper durchaus gibt, sehr kritisch gegenüber: „Ich habe das immer sehr skeptisch gesehen, wenn etwa ein Dirigent sich überinszeniert.“ Von einem „Guru“ hält er nichts. Die Zeiten eines Herbert von Karajan, der sich in dramatischen Filmen in Szene setzte, der jede Sekunde seiner Außendarstellung als Dirigent peinlich genau kontrollierte, der sich als Genie darstellte, sie sind für ihn vorbei. Michael ist durchaus auch ein internationaler Botschafter der Kulturstadt Frankfurt. Er hat mit verschiedenen Volalensembles früher schon in Europa, Asien und Südamerika gastiert. Er interessiert sich nicht alleine für Opern, sondern auch für a-Capella-Chormusik und für Neue Musik. 

Keine Sorgen über Zukunft der Bühnen 

Natürlich gehen weder an ihm noch an den Sängerinnen und Sängern die Diskussionen über die Zukunft der Städtischen Bühnen, über die Perspektiven für die marode Theater-Doppelanlage vorbei. Aber Michael ist keiner, der ins Grübeln verfällt. „Ich habe da keine Ängste, keine Sorgen“, sagt er offen. Gewiss, „Wir freuen uns, wenn es eine Entscheidung gibt.“

 Aber der 43-jährige fühlt sich auch von Opern-Intendant Bernd Loebe gut vertreten, der für ihn fast so etwas wie ein väterlicher Freund ist. Der 66-jährige Loebe nimmt ihn schon mal mit ins Stadion, wenn Eintracht Frankfurt spielt. Obwohl der Chordirektor ja eigentlich Anhänger des VfB Stuttgart ist. Ein Seufzen. „Wir machen im Fußball gerade eine schwere Zeit durch.“ 

Bei der Oper vertraut Michael dem Intendanten. „Er wird für uns sprechen“, sagt er schlicht. Gewiss, die Summen von bis zu 900 Millionen Euro, die da in einer Machbarkeitsstudie für den Neubau oder die Sanierung der Bühnen aufgerufen werden, hält er für „erschreckend“. Und natürlich ist dem jungen Vater nur zu bewusst, „dass die Schulen in Frankfurt saniert werden und die Kitas funktionieren müssen.“ Andererseits, darauf weist der Musiker auch hin, enthielten die Kalkulationen von bis zu 900 Millionen Euro auch schon die Preissteigerungen und andere Unwägbarkeiten. 

Der Chordirektor verfolgt sehr genau die Diskussionen in seiner alten Heimatstadt Stuttgart um die Sanierung der dortigen Staatsoper. Dort reichen die Kostenschätzungen nur für das Opernhaus von 400 bis 800 Millionen Euro. Bis zum Frühjahr soll ein Interimsstandort gefunden werden, Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hat gerade ein Baufeld am Kulturzentrum Wagenhallen vier Kilometer von der Oper entfernt vorgeschlagen.

„Ruf der Stadt könnte besser sein“ 

In Frankfurt glaubt Michael nicht, „dass wir abgeschoben werden in eine Messehalle.“ Er verstummt für eine Pause und fügt dann hinzu: „Ich bin zuversichtlich.“ Von Frankfurt, der Stadt, in der er nun seit mehr als vier Jahren lebt, besitzt der Musiker „noch immer kein vollständiges Bild.“ Für ihn, der von außen kam, „könnte der Ruf der Stadt noch besser sein.“ 

Wir machen uns vom Probensaal des Opern-Chores auf den langen Weg zurück durch das Haus in das ebenfalls äußerst karge und kleine Büro des Direktors. Ein Flügel und ein Schreibtisch füllen den Raum fast vollständig aus. Von Luxus keine Spur. Von irgendwoher sind Instrumente zu hören, die gestimmt werden. Gerade hatte „ I Puritani“, die Oper von Vincenzo Bellini, Premiere. Am 5. Januar kommt „Xerxes“ von Georg Friedrich Händel, wieder auf den Spielplan. Die Proben des Chors sind im Gange. 

 „In Chor“, urteilt der Sänger, Musiker und Dirigent, „gehen wir auf Augenhöhe miteinander um.“ Auch das ist es, das Tilman Michael an seiner Arbeit gefällt. 

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