Pro und Kontra

Dürfen neue Bühnen eine Milliarde kosten?

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Die Kulturstadt Frankfurt kann demonstrieren, wie ein Theater des 21. Jahrhunderts beschaffen sein muss, findet Claus-Jürgen Göpfert. Georg Leppert widerspricht: Frankfurt setze die falschen Prioritäten.

Neue Städtische Bühnen für Frankfurt: Das klingt gut, kostet aber viel Geld. Ob sich eher ein Neubau oder eine Sanierung empfiehlt, diskutieren Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppert in einem Pro und Kontra.

Aufgabe der Stadtgesellschaft

Die Gefahr ist groß, dass sich ein negatives Szenario wiederholt, das vor einem Vierteljahrhundert die Frankfurter Kommunalpolitik in eine Schieflage brachte. Als 1993 die damalige rot-grüne Römer-Koalition vor riesigen Haushalts-Problemen stand, wurden das Soziale und die Kultur gegeneinander ausgespielt. „Die Kultur muss bluten“: Diese Parole gaben die Grünen aus.

Tatsächlich opferte der damalige Magistrat wichtige Stützpfeiler der Kulturszene wie etwa das Theater am Turm oder den freien Eintritt in die Museen. Letzteren gibt es bis heute noch nicht wieder – so lange wirken die Fehler von damals fort.

Natürlich sind die sozialen Herausforderungen, vor denen die Kommune heute steht, immens. Die soziale Spaltung nimmt zu  – und die Stadt muss gegensteuern. Das rasant wachsende Frankfurt muss Schulen und Kitas bauen.

Diese Aufgaben dürfen aber nicht in einen Gegensatz gebracht werden zum Ausbau der kulturellen Infrastruktur. Die reiche Stadt Frankfurt ist imstande, beides zu leisten.

Mit Oper und Schauspiel verfügt die Kulturstadt Frankfurt über internationale Imageträger. Die vielfach ausgezeichneten Bühnen strahlen weit über Frankfurt und Hessen hinaus aus. Die Menschen kommen von weither, um sich Inszenierungen anzusehen.

 Noch ist nicht entschieden, ob es zu einem Neubau der Bühnen kommt. Es spricht aber viel dafür, dass die jetzt beauftragten Fachleute keine Sanierung der Theater-Doppelanlage von 1963 empfehlen werden. Denn sie wäre ein völlig unkalkulierbares finanzielles Risiko.

Ein Neubau der Bühnen ist auch eine Chance. Die Kulturstadt Frankfurt kann demonstrieren, wie ein Theater des 21. Jahrhunderts beschaffen sein muss. Sie kann städtebaulich und architektonisch ein Zeichen setzen. Ein solcher Neubau ist keine Aufgabe der Stadt alleine.

So ist auch die Rechnung falsch, dass die Kosten alleine auf die Kommune zukommen. Es ist nicht unrealistisch, dass sich auch Land und Bund an der Finanzierung beteiligen. Auch die privaten Unternehmen sind gefordert, die in Frankfurt sehr viel Geld verdienen. Sie treten bereits jetzt als Mäzene für die Kultur auf und werden das auch in diesem Fall tun.

Die neuen Bühnen: Sie sind eine Aufgabe der gesamten Stadtgesellschaft. Es ist falsch, die sogenannte Hochkultur als Protz und Prunk zu denunzieren. Wer sich mit Inhalten der Inszenierungen beschäftigt, der weiß, dass hier viel Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft transportiert wird. Und auch Menschen, die auf der Schattenseite der glitzernden Metropole leben, werden als Besucher (und Mitakteure) eingebunden. Claus-Jürgen Göpfert

Falsche Prioritäten

Wer gegen den Bau eines (extrem) teuren Hauses für Oper und/oder Schauspiel argumentiert, gerät schnell in Verdacht, ignorant zu sein. Ignorant gegenüber der Bedeutung der Kultur im Allgemeinen. Ignorant gegenüber den Leistungen, die die Bühnen in Frankfurt seit vielen Jahren unbestritten erbringen. Ignorant auch gegenüber der Tatsache, dass es einen bundes-, wenn nicht europaweiten Wettstreit der Opern- und Schauspielhäuser gibt, in dem Frankfurt mithalten will.

In Wahrheit aber sind vor allem die Menschen ignorant, die jetzt getrieben von der Idee, in Frankfurt einen Prachtbau vergleichbar mit der Hamburger Elbphilharmonie zu errichten, Baukosten in absurder Höhe akzeptieren wollen. Sie sind ignorant gegenüber den Problemen, die diese Stadt und ihre Bürger haben.

Natürlich wird Frankfurt nicht alleine eine Milliarde Euro bezahlen müssen. Bund, Land und private Geldgeber werden sich beteiligen. Dennoch wird eine Summe übrig bleiben, die viel zu hoch ist für eine Stadt wie Frankfurt, die zwar ständig wächst, aber schon alleine von der Einwohnerzahl her mit Hamburg oder auch Köln nicht konkurrieren kann. Es stimmt auch nicht, dass die Lösung von großen Problemen wie der Wohnungsnot nicht am Geld scheitert, sondern nur an den fehlenden Flächen. Zur Erinnerung: Die Stadt hätte das Gelände des Alten Polizeipräsidiums kaufen und dort viele Hunderte bezahlbare Wohnungen bauen können. Den Zuschlag bekommen hat ein privater Investor, der bereit war, mehr zu zahlen. Er baut deutlich weniger und deutlich teurere Wohnungen, als möglich gewesen wären.

Doch man muss gar nicht über Großprojekte reden. In Frankfurt gibt es Schulen, an denen die Eltern Geld dafür bezahlen, damit in der Bibliothek auch Menschen arbeiten. Die Stadt stellt nur Räume und Ausstattung zur Verfügung. Und an manchen Ganztagsschulen gibt es in den Ferien keinerlei Betreuung. Das sei nur eine freiwillige Leistung der Stadt, heißt es dazu von der Politik. Mag sein – der Bau von Bühnen für eine Milliarde Euro ist aber auch keine Pflichtaufgabe.

Letztlich setzt Frankfurt die falschen Prioritäten. Es stimmt zwar: Ein Prachtbau würde viele Gäste in die Stadt locken. Er wäre ein Leuchtturm für Frankfurt. Doch braucht es das wirklich? Die Kommunalpolitik hat für 200 Millionen Euro die Altstadt aufbauen lassen, sie wirbt um Banker, die wegen des Brexit London verlassen müssen, und denkt nun an ein Bühnenhaus der Superlative. Im Römer sollte man wieder mehr Politik machen für die Menschen, die in dieser Stadt leben. Viele haben Angst vor Gentrifizierung, vor dem sozialen Abstieg. Ihnen ist mit derartigen Projekten nicht geholfen. Georg Leppert

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