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Blick auf die Bühnen am Willy-Brandt-Platz heute.  

Städtische Bühnen

Oper Frankfurt: „Die Entscheidung hinauszuschieben, ist am Ende die teuerste Variante“

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Alexandra Stampler-Brown, Geschäftsführende Direktorin der Deutschen Oper am Rhein, plädiert in Düsseldorf für einen Neubau des dortigen Theaters und hält viele Bühnen in Deutschland für baulich marode.

Frau Stampler-Brown, in einigen deutschen Städten gibt es derzeit Diskussionen über die Zukunft der kommunalen Bühnen, sowohl in baulicher wie auch in künstlerischer Hinsicht. Was das Bauliche angeht: Ist es so, dass die Gebäude gleichsam ihr Verfallsdatum erreicht haben?

Das ist so. Die Gebäude sind vielerorts 60 Jahre oder älter. Sie entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, als man rasch eine neue kulturelle Infrastruktur schaffen wollte. Man wollte schnell wieder spielen, wollte den Menschen ein kulturelles Angebot machen. Am Gebäudeunterhalt und laufenden Sanierungen aber hat man allzu oft gespart. In der Folge sind viele bauliche Systeme jetzt so marode, dass sie nicht mehr lange nutzbar sind.

Ist das bei der Oper in Düsseldorf auch so?

Alexandra Stampler-Brown ist Juristin und Violinistin.

Unser Haus geht in seinen Anfängen auf das Jahr 1875 zurück. Nach dem Krieg sind dann Teile dieses alten Hauses wieder aufgebaut und mit neuen Gebäudeteilen ergänzt worden, vor 15 Jahren gab es Sanierungsmaßnahmen und einen Anbau oben auf dem Gebäude. Die beiden großen Probleme – übrigens grundsätzlich in alten Bühnengebäuden – sind heute die Haustechnik und die Bühnentechnik. Die Haustechnik reicht von Heizung, Lüftung und Klima bis hin zu den sanitären Anlagen, die allesamt nicht mehr den Vorschriften entsprechen. Die Rahmenbedingungen für Bühnentechnik haben sich dramatisch verändert. Sie ist heute computergesteuert und braucht ständig neue Hardware und neue Software.

Die Aufführungen haben sich aber auch inhaltlich und stilistisch sehr verändert. Sie sind nicht mehr statisch wie früher und bieten häufig spektakuläre Bühnenbilder.

Ja, das Theater verändert sich, auch weil sich das Sehbedürfnis des Publikums verändert hat. Die Inszenierungen arbeiten heute zum Beispiel oft mit Videotechnik, bei der Live-Mitschnitte sofort wieder in die Aufführung integriert werden. Das alles ist in den alten Häusern schwer darstellbar. Wir tricksen sehr viel, um das noch irgendwie zu schaffen.

In welchen Stadium befindet sich die Diskussion über die Zukunft der Oper in Düsseldorf?

Wir haben verschiedene Varianten untersuchen lassen. Es gilt jetzt, die Ergebnisse im Vergleich darzustellen. Das wird bis zum Herbst dieses Jahres geschehen.

Geht es auch um die Alternative Sanierung des Hauses oder Neubau?

Ja, genau.

Wofür sprechen Sie sich aus?

Stadtgespräch

Unter dem Titel „Städtische Bühnen – alles neu, alles gut?“ lädt die Frankfurter Rundschau für Dienstag, 18. Februar, zu einer Podiumsdiskussion über die Zukunft von Oper und Schauspiel.

Auf dem Podium im Museum Angewandte Kunst (MAK)in Frankfurt, Schaumainkai 17, diskutieren:
Alexandra Stampler-Brown, Geschäftsführende Direktorin der Deutschen Oper am Rhein, Düsseldorf/Duisburg Ina Hartwig (SPD), Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt Jan Schneider (CDU), Baudezernent der Stadt Frankfurt Torsten Becker, Stadtplaner und Vorsitzender des Städtebaubeirates in Frankfurt

Es moderieren die FR-Redakteure Claus-Jürgen Göpfert und Florian Leclerc.

Beginn ist um 19 Uhr, Einlass ist ab 18.30 Uhr. Eintritt frei.

Das Publikum wird in die Diskussion einbezogen. Wir wollen mit Ihnen gemeinsam darüber sprechen, wie das Theater des 21. Jahrhunderts inhaltlich und baulich aussehen kann. Auch wird es um die Frage gehen, wie und ob 900 Millionen Euro Investition für einen Neubau zu rechtfertigen sind.

Aus unserer Sicht bietet ein Neubau viel mehr Perspektiven. Wir wollen, dass das Theater sich weiter öffnet, dass es die Menschen noch mehr als bisher zur Teilhabe einlädt. Ein Problem, mit dem wir umgehen müssen, ist der Denkmalschutz für das Gebäude. Ich bin aber der Meinung, dass Denkmalschutz die Entwicklung eines Theaters nicht verhindern sollte.

Sind Sie der Ansicht, dass die städtischen Theater grundsätzlich ins Zentrum einer Stadt gehören?

Im Prinzip spricht viel dafür. Aber das muss jede Stadt für sich individuell entscheiden. Ein neues Opernhaus sorgt nicht automatisch für ein neues Stadtgefühl. Ich habe in Glasgow gelebt zu einer Zeit, in der die Stadt tatsächlich noch ziemlich heruntergekommen war. Es ist dann gelungen, durch Kulturgebäude in einzelnen Teilen der Stadt diesen negativen Trend zu drehen und einen Aufschwung in der Entwicklung der Stadt einzuleiten.

In Frankfurt gibt es den Vorschlag der CDU, die Städtischen Bühnen komplett außerhalb des Stadtzentrums neu zu bauen, auf einem Grundstück am Osthafen. Die CDU argumentiert, man spare sich dadurch teure Interimsgebäude.

Ein Interim ist in der Tat immer eine schwierige Herausforderung, sowohl baulich wie von den Kosten her. Aber das darf nicht ausschlaggebend für eine Entscheidung von städtebaulicher Bedeutung sein. Frankfurt wächst nun einmal, so wie andere Städte auch. Wenn Frankfurt sich in Richtung Osten weiter entwickelt, könnte es richtig sein, auch die neuen Bühnen dort zu bauen. Andererseits: Die Bühnen der Zukunft sind aus meiner Sicht noch mehr als bisher Orte der täglichen Begegnung. Und eine solche Begegnung lässt sich leichter in der Innenstadt als an der Peripherie erreichen.

Warum sind gerade öffentliche Kulturbauten in Deutschland so teuer? Die Elbphilharmonie in Hamburg begann bei einer Kostenschätzung von 77 Millionen Euro und endete mit dem zehnfachen Preis. Auch die Sanierung der Staatsoper in Berlin lief finanziell aus dem Ruder.

Kulturbauten werden erst dann sehr teuer, wenn es bei der Realisierung Schwierigkeiten gibt. Genau das ist in den beiden Fällen geschehen, die Sie jetzt erwähnt haben. Was die Elbphilharmonie so teuer gemacht hat, ist ihre Multifunktionalität mit anderen Nutzungen wie etwa Wohnen. Bei der Staatsoper in Berlin haben sich alle Nachteile einer Sanierung gezeigt: Man weiß einfach nicht, was in einem alten Gebäude an Überraschungen verborgen ist. Ein Neubau ist grundsätzlich besser planbar. Wir wollen natürlich in Düsseldorf die Fehler nicht wiederholen, die in Berlin und in Hamburg gemacht worden sind. Man lernt voneinander.

Es gibt auch positive Beispiele bei Kulturbauten.

Nicht zuletzt auch in Düsseldorf. Wir haben zum Beispiel vor einigen Jahren ein neues Ballettprobenhaus errichten lassen. Das blieb im Kostenrahmen und im vorgesehenen Zeitplan. Kommunalpolitik tut sich ja aus vielerlei – auch verständlichen – Gründen oftmals schwer damit, tiefgreifende Entscheidungen zu treffen.

Die Kommunalpolitiker nicht nur in Frankfurt am Main neigen dazu, schwerwiegende Entscheidungen einfach auszusitzen.

Aber die Entscheidung immer weiter hinauszuschieben, ist am Ende dann die teuerste Variante.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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